Ja, jetzt erinnerte er sich dunkel, aber auch nur ganz dunkel. So oft, wie sie sagte, "immer", konnten sie übrigens nicht zusammen gespielt haben, denn er war doch meist fort gewesen, am Wasser. Aber daß sie sich als Kinder gekannt hatten, war schon richtig, denn er erinnerte sich jetzt sogar ihres Namens: Elise Heinecke.
—Na, Sie hätte ich aber nicht wiedererkannt, Fräulein Heinecke!
—Ja, glauben Sie, ich Sie?—Aber als wir neulich Ihren Namen im "Morgenblatt" lasen, meinte Vater, ob das wohl dieselben Felders sind, die dazumal in der Fruchtstraße bei uns gewohnt haben; und da er doch alles kennt, ist er denn gleich zu dem Herrn Faßbender, was doch der Vorsitzende von Ihrem Verein ist, gegangen, und der hat ihm gesagt, wenn wir uns überzeugen wollten, brauchten wir nur heute nach Grünau zu machen, da würden wir Sie schon in Ihrem Glänze sehen. "Machen wir!" sagte Vater, und auf dem Bahnhof haben wir denn auch gleich Ihre Eltern getroffen. Nein, können Sie aber schwimmen!
Die letzte Bemerkung machte Franz warm. Überhaupt, er wußte nicht, was es war, aber sie gefiel ihm ausnehmend. Es war so leicht, sich mit ihr zu unterhalten. Sie fragte und verstand immer Dinge zu fragen, auf welche er Antwort zu geben wußte. Und wenn er keine gab, so sprach sie gleich weiter und nahm es nicht weiter übel.
Das Schwimmen war vorüber, und der große Garten füllte sich bis auf den letzten Platz mit Sportsfreunden und Zuschauern. Überall an den Tischen gruppierten sich die durstigen Mitglieder der vielen Vereine und ihre zahlreichen Angehörigen. Ganz dicht am Wasser an der anderen Seite hatte sich der S.-C. B. 1879—heute der Mittelpunkt aller anderen—einen langen Tisch reserviert.
Als Felder, bereits von allen Seiten vermißt, von seinen Leuten gefunden und fortgeholt wurde, war er erstaunt, zu hören, wie schnell die Zeit vergangen war. Er mußte versprechen, nach der Preisverteilung wiederzukommen, um teil an der Bowle zu nehmen, und der alte Heinecke, stolz auf sein gelungenes Werk, sagte ihm mindestens dreimal, sie sei nur ihm zu Ehren angesetzt. Wichtiger aber war für Franz, was auch die Tochter sagte, als er ging: "Ja, Herr Felder, kommen Sie bald wieder. Sie müssen mir noch viel über Ihre Siege erzählen."
Er dachte an sie, als er unter seinen Freunden saß, und zum ersten Male, solange er denken konnte, hätte er eine andere Gesellschaft als die seines Klubs vorgezogen, und immer wieder blickte er nach dem Tische hinüber, von wo ein weißes Kleid wie grüßend zu ihm herüberschimmerte.
Als jedoch die Preisverteilung in dem großen Saale des Restaurants stattfand, als er aus den Händen des ersten Verbandsvorsitzenden die schöne große Medaille von Gold erhielt und ihm das breite, dreifarbige Band, an dem sie hing, um den Hals gelegt wurde, als an sein Ohr die Worte schlugen, die ihm galten—: "Wohl noch nie ist ein Sieg, wie der heutige, von einer so jungen Kraft errungen worden. Was aber seinen Wert noch erhöht, ist die tadellose Art, in der er gewonnen wurde. Indem ich Ihnen, Herr Franz Felder, daher hiermit den großen Preis Ihres Sieges, den von allen deutschen Schwimmern am heißesten begehrten, überreiche, kann ich keinem anderen Wunsche Ausdruck geben als dem: Möchten alle Ihre künftigen Siege, mein junger Meister von Deutschland, so rein und schön sein wie dieser heutige…"—als diese Worte an Felders Ohr klangen und ihn dann wieder der ungezügelte Jubel des ganzen Saales umtoste, da hatte er alles, alles in der Welt vergessen, bis auf seinen geliebten Sport, und nur ein Wunsch, eine Sehnsucht hielt ihn wieder gefangen: sich immer würdig zu zeigen der hohen und großen Ehre dieses Tages.
So sehr hatten ihn die einfachen, warmen Worte des alten Herrn ergriffen, daß er lange Zeit brauchte, um sich zu sammeln. Jeder wollte mit ihm sprechen, jeder ihn und sein Ehrenzeichen sehen. Man zog ihn an diesen Tisch und an jenen, überall wurden ihm offene Hände und gefüllte Gläser entgegengestreckt; er mußte antworten, anstoßen und mittrinken, und als er sich endlich seines Versprechens erinnerte und an den Tisch zurückkehrte, wo ihn die Bowle, seine Familie und ein junges Mädchen erwarteten, da begannen bereits die ersten Schatten des Abends zu fallen. Wie er sie wiedersah, war er gleich wieder in dem Bann dieser braunen, lustigen Augen. Er nahm die Glückwünsche seiner Familie und eine lange, schwülstige Rede des dicken Hausbesitzers hin, weil es so sein mußte, aber er sprach fast nur mit ihr.
Sie schmollte erst ein wenig mit ihm, daß er nicht eher gekommen war, aber sie begriff doch, daß er an einem solchen Tage viele Verpflichtungen habe; denn wenn sie auch, wie sie lachend meinte, wohl seine älteste Bekannte hier im Garten sei, so kannten ihn doch alle anderen besser als sie. Sie erzählte ihm, wie sie im Saale gewesen sei und ganz dicht bei der Tribüne gestanden habe, so daß sie jedes Wort gehört habe. Sie bewunderte nach Gebühr seine neue Medaille und las Wort für Wort die Inschrift auf dem Bande, wobei sie es, wie liebkosend, durch die Hand gleiten ließ. Dann kam sie auf die vorhin unterbrochenen Erklärungen seiner anderen Preise zurück, und von neuem mußte Franz ihr Herkunft und Bedeutung eines jeden erklären. So erfuhr sie von allem, was seinem Leben bisher Inhalt und Wert gegeben, und es schien sie aufrichtig zu interessieren, so daß sich Felder sagte: das ist nicht nur ein schönes, sondern auch ein kluges Mädchen.