Eine anständige Frau war sie sicherlich nicht. Eine anständige Frau sah einen fremden Mann nicht so an, aber eine öffentliche noch weniger. Die wäre übrigens gar nicht in dieses Café eingelassen worden.

Einerlei wer sie war. Er war er, Franz Felder, und er wußte, wer er war, und er ließ sich nicht so ansehen. Mit einer fast verächtlich- ausdrucksvollen Gebärde kehrte er sich ab und dem Gespräch seiner Freunde zu. Man sprach jetzt laut und ohne Rücksicht auf die Ruhe des Cafés vom nächsten Schwimmfest.

Felder hatte sich fest vorgenommen, überhaupt nicht mehr nach dem Nachbartische hinzusehen. Mochte die ihn doch anstarren, soviel sie wollte!—Er konnte es ihr nicht verbieten, aber er wollte ihr schon zeigen, was er von ihrem Benehmen dachte!

Aber dann, nach einer Weile, während der er vergebens versuchte, sich am Gespräch zu beteiligen, vernahm er ein Geräusch (ein Kellner hatte einen Löffel fallen lassen), das ihn auf und nach der Seite sehen ließ, und unwillkürlich streifte sein Blick wieder den ihren wie vorher. Und jetzt sah er, daß sich der Ausdruck ihrer unbeweglichen Züge geändert hatte: es war ihm, als höbe sich die Brust unter der grauen Seide, als hätte sich der festgeschlossene rote Mund ein wenig geöffnet, nur so weit, daß er die weißen Zähne durchschimmern ließ, und als sei in diese dunklen, kalten Augen das Feuer eines heimlichen Begehrens getreten, das nach ihm verlangte… Und jetzt war ihm nicht mehr ungemütlich, sondern plötzlich unheimlich zumute.

Wieder sah er fort und wieder auf: abermals hatte der Ausdruck dieses fremden, rätselvollen Gesichtes gewechselt und an die Stelle drohenden Begehrens war der triumphierender Freude getreten, der zu sagen schien: Aha, jetzt fürchtest du mich schon!

Er konnte es nicht mehr ertragen.

Schon wollte er das Gespräch seiner Genossen unterbrechen und sagen, er sei müde und wolle fort, als er sah, wie sich der alte Herr halb erhob und sich fragend an seine Begleiterin wandte, die bejahend den Kopf neigte. Er blieb sitzen. Jetzt würde es kommen. Beim Hinausgehen würde er irgendein Zeichen von ihr empfangen, und an ihm würde er erfahren, was sie von ihm wollte. Aber nichts von dem allen geschah.

Ruhig stand sie auf, ließ sich den kostbaren Pelz um die Schultern legen, und ging hochaufgerichtet und mit leichten Schritten, und ohne ihn anzusehen, an ihm vorüber: Felder sah auf, aber ihr Blick ging gleichgültig über ihn weg, und nur leise streifte seinen Stuhl die Schleppe ihres Kleides, während der starke Duft eines seltsamen Parfüms von ihr ausging. Hinter ihr her der alte Herr, mager und straff, der Typus eines hochmütigen, aristokratischen Roués, mit seinen kalten und leeren Zügen, unnahbarer noch als sie…

Felder blieb ganz verdutzt sitzen. Er hatte so bestimmt irgend etwas erwartet—was, wußte er selbst nicht, aber irgend etwas Ungewöhnliches. Aber so: erst starrte sie ihn eine halbe Stunde lang mit ihren schwarzen Augen an, wie ein Wundertier, sich förmlich an ihm festsaugend, und dann ging sie fort und sah über ihn hinweg, als sei er Luft—Luft—Luft!—

Unbewußt war seine Eitelkeit geschmeichelt, und nun fühlte er sich plötzlich in ihr verletzt. Sie saßen noch lange im Cafe, die drei, aber Felder war noch mißgestimmter als vorher und fast grob. In der Nacht, unter den heißen und schweren Kissen, träumte er von ihr: von ihrer schlanken Gestalt in dem grauen Seidenkleide, ihren drohenden Augen und dem seltsamen Rot ihrer gemalten Lippen… Und noch nach Tagen glaubte er zuweilen den Duft zu spüren, der von ihr ausgeströmt war, als sie an ihm vorbeischritt, diesen starken Duft eines ihm unbekannten Parfüms.