An diesem Abend, als er neben diesem 300-Meter-Siege auch noch den neu gestifteten "Kaiserpreis" für den "Hecht" erwarb und seine neuen Genossen nicht genug tun konnten, ihm ihre Freude und Dankbarkeit zu beweisen, während der S.-C. B. 1879 in corpore das Lokal der Preisverteilung verließ, genoß er ganz das Gefühl der Genugtuung gesättigter Rache.
Aber in nächster Zeit, in den langen Tagen und Wochen zwischen den großen Festen, sonst stets so ausgefüllt durch ruhige Arbeit und frohen Verkehr mit lieben Freunden, fühlte er mehr als je, was er in diesem Sommer verloren. Keinen der beiden Schläge—die ersten, die er in seinem Leben empfangen,—vermochte er zu verwinden: weder die Niederlage im Springen, noch den Verlust seines Klubs. Der eine hatte ihn noch trotziger und eifersüchtiger gemacht, obwohl sie ihn tief verletzt; aber an dem anderen litt er. Es war eine Wunde, die sich nicht schließen wollte.
Denn unter seinen neuen Genossen fühlte er sich fremd. Wie als Knabe schon, war er auch jetzt noch nicht imstande, sich schnell an neue Menschen anzuschließen und im Verkehr sich leicht zu geben. Das wurde natürlich auf der anderen Seite ebenfalls empfunden und manche Versuche vertraulicher Annäherung hörten von selbst auf.
Felder war nicht mehr zufrieden und glücklich. Noch standen seine Siege ganz auf der Höhe derer vom Vorjahre. Er schwamm noch ebenso tadellos, sein Stil war unanfechtbar, wie seine Siege, aber sie machten nicht mehr dasselbe Aufsehen wie bisher. Man hatte sich an sie gewöhnt und erwartete nichts anderes von ihm. Er selbst legte ihnen nicht den Wert mehr bei, wie früher.—Manche sagten, eine gewisse Gier und Rücksichtslosigkeit habe sich seiner bemächtigt, die ihm früher nicht eigen gewesen sei.
Vielleicht täuschten sie sich, weil er nicht mehr so ruhig war, wie sonst, nicht mehr mit derselben frohen Unbekümmertheit und Heiterkeit an den Start ging. Aber in einem hatten sie recht: Felder war wirklich ein anderer geworden. Er war nicht mehr zufrieden, nicht mehr glücklich.
Außerdem beschlich ihn jetzt zuweilen ein ganz neues Gefühl, das er nie vorher gekannt hatte: er fühlte sich einsam.
10
Es war nichts Besonderes, daß sich im Briefkasten des Klubs Sendungen für Felder befanden. Glückwünsche, Einladungen zur Beteiligung an Schwimmfesten, Anliegen aller Art, um Photographien, Lebenslauf und Autograph kamen alle Woche, und es war nicht das erstemal, daß sich unter all diesen geschäftlichen Dingen, die sämtlich von Koepke mit rührender Sorgfalt und komischer Wichtigtuerei erledigt wurden, so daß Felder nur seinen Namen unter die Antworten zu setzen brauchte— es war nicht das erstemal, daß sich unter den Eingängen Schreiben von zarter Hand befanden, auf die der Empfänger zwar nie reagierte und die er meistens dem Gelächter seiner Freunde preisgab, Briefe, die ihn aber doch dazu veranlaßt hatten, seine Korrespondenz erst selbst durchzusehen, ehe er sie seinem getreuen Sekretär auslieferte. Eines Abends wurde ihm nur ein Brief gegeben, und kaum hatte ihn Felder in der Hand, als er wußte, von wem er kam. Er spürte einen schwachen, unvergessenen Duft und schob ihn hastig in die Tasche. Sobald er allein war, öffnete er ihn. Erst schien er ihm in einer fremden Sprache geschrieben zu sein, so fremd und seltsam kamen ihm die schlanken, eckigen Buchstaben vor. Dann entzifferte er ihn nach und nach. Keine Anrede, keine Unterschrift. Was er las, waren nur diese Zeilen:
"—Ich bitte Sie, mich zu besuchen. Ich weiß, Sie werden kommen. Jeden Freitag abend um 8 Uhr wird man sie an der Ecke der Charlotten- und Taubenstraße, der südwestlichen Ecke des Gendarmenmarkts, dort, wo die Litfaßsäule steht, erwarten, um Sie zu mir zu führen. Ich weiß, Sie werden kommen!…"
Felder war ganz verblüfft. Er nahm das Kuvert in die Hand: der Brief war an ihn. Er trug die Adresse des S.-C. B. 1879 und war durch dessen Schriftführer, wie schon so mancher andere, einfach an den "Hecht" weitergesandt worden. Es war kein Zweifel möglich.