Und plötzlich, während er noch das Papier in der Hand hielt und nicht
wußte, was erdenken sollte, stieg von ihm wieder der starke, seltsame
Duft eines bestimmten Parfüms auf und mit ihm die hohe, schlanke
Gestalt in grauer Seide mit dem kühnen und festen Blick.

Das war sie, die ihn damals im Café so unverwandt angeblickt, die er in der Kunstausstellung zum zweiten und an dem Nachmittag desselben Tages—er biß die Zähne zusammen, wenn er an diesen Tag dachte—zum dritten Male gesehen hatte, und dann nie wieder…

Sie mußte es sein, die dies schrieb. Es konnte niemand anders sein.
Der Brief war von ihr.

Aber was fiel dieser Person denn ein?—Das war ja der reine Wahnsinn, einem so zu schreiben: ohne Anrede, ohne Namen und in diesem Ton! Aber sie irrte sich, diese "Dame". Er war keiner von denen… Sie konnte lange warten. Er zerknitterte das rauhe, englische Papier in einen unförmlichen Klumpen und warf ihn fort. Dann bückte er sich, las die Zeilen noch einmal und zerriß den Brief in lauter kleine Stücke, die er fallen ließ.

Also das wollte sie von ihm!—

Aber sie konnte lange warten. Einstweilen würde sie sich schon mit ihrem Alten begnügen müssen.

11

So ging auch dieser Sommer zu Ende, und Franz Felder war fast froh darüber. Viele neue Ehren hatte er ihm gebracht, keine neuen, keine reinen Freuden mehr.

Alles war anders geworden gegen den vorigen. Ein kurzes Jahr, und welche Veränderungen!—

Getrennt von seinen alten Freunden, fremd und unheimisch unter den neuen; nicht mehr dumpf in den engen Bezirk eines abgeschlossenen Lebens gebannt, sondern beunruhigt durch Einblicke in die Lebensführung anderer Kreise, erworben auf weiten und abwechslungsreichen Reisen beim Streifen weiterer Fernen; neben unerhörten, nicht endenwollenden Siegen eine lächerliche, zwecklose, einzig selbstverschuldete Niederlage—hatte er Gefühle von Bitterkeit, Groll und wiederum gesättigter Rache kennen gelernt, die der schlichten, frohen Unbekümmertheit seiner Jugend bisher völlig fremd gewesen waren.