Aber sie versprach ihm, dem nächsten großen Schwimmen beizuwohnen, "wenn es ihr möglich sein würde", wie sie hinzufügte.

Allmählich gab er es auf, zu fragen, als er sah, daß er ihr durch keine Antwort näher kam. Er beruhigte sich bei dem Bilde, das er sich machte: eine reiche Ausländerin, die in Berlin lebte, nachdem sie früh Witwe und völlig unabhängig geworden war (etwas derartiges hatte sie einmal geäußert); die wohl Bekannte und Freunde hier hatte (natürlich nur Freunde in gutem Sinne, zum Beispiel den alten Herrn, mit dem Felder sie zusammen gesehen); die sich in ihn verliebt hatte und ihn liebte (das hatte sie ihm in der ersten Stunde in neun verschiedenen Sprachen gesagt, und sagte es ihm täglich hundertmal in einem Gemisch von dreien)…

Es war nicht viel, was er von ihr wußte, und er fühlte, daß es nicht das richtige Bild war, das er vor sich sah. Aber was wollte er machen, da es sich ihm nun einmal nicht klarer, als in diesen schattenhaften Umrissen, zeigte?—

Und er liebte sie!—

Er liebte sie, wie er seinen Ruhm liebte: er konnte das Glücksgefühl, die beide ihm gaben, nicht mehr entbehren. Sie hatte ihn gewonnen, weil es seinem Ehrgeiz schmeichelte, von einer so schönen und eleganten Frau begehrt zu werden, und weil ihr Wille der stärkere gewesen war; und sie hielt ihn fest, indem sie seine erregte Sinnlichkeit mit allen Künsten ihrer Erfahrung immer und immer wieder aufs neue anstachelte.

Er war in der ersten Zeit fast alle Abende bei ihr. Dann mindestens drei-, viermal in der Woche. Nie durfte er ihre Wohnung ungerufen betreten. Immer, wenn er von der Arbeit kam, hatte er zuerst auf dem Postamte in der Nähe nachzufragen: zuweilen war ein Brief da, der die Verabredung dieses Abends auf den nächsten oder übernächsten verschob; jedesmal aber mußte er an der Ecke der Straße erst nach der Alten sehen, bevor er zu ihr kam: war sie da, so huschte sie schweigend vor ihm her, und er folgte ihr die Straße hinunter und die in ewiger Dämmerung liegenden, teppichbelegten Stufen der Treppen hinauf bis in das hohe, schwüle Gemach. Öfter und öfter jedoch kam es vor, daß er noch in dieser letzten Minute durch ein hastig ihm in die Hand geschobenes Billett gebeten wurde, heute "nicht zu kommen", da das bekannte "unvorhergesehene Ereignis" eine Zusammenkunft für diesen Abend unmöglich machte.

So wurde er in einer beständigen Aufregung erhalten, ob er sie sehen würde oder nicht. Nach einer so plötzlichen und ihn immer tief verstimmenden Absage lag der Abend zweck- und inhaltslos vor ihm; und traf diese Absage nicht ein, sah er sie wirklich wieder, so war ein Teil seiner Freude schon durch die Unruhe der Unbestimmtheit zerstört, in der er den Tag bis zum Abend verbrachte.

So gewöhnte er sich mehr und mehr daran, die leeren Abende durch Vergnügungen auszufüllen, an die er bisher schon ihrer Kostspieligkeit wegen nur selten gedacht hatte. Er ging in den Wintergarten, an Orte, wo Laune und Leben herrschten, nur um nicht allein zu sein; trank in Cafés und Lokalen, die er bisher nie betreten, hier einen Kognak, dort ein Glas Bier; kam später nach Hause, als er wollte, und tat seine Arbeit am nächsten Tage widerwillig und in der ewig gespannten Erwartung, ob ihm der Abend eine neue Enttäuschung oder seinen Sinnen wieder die ersehnte Erfüllung und Beruhigung bringen würde. Er fühlte sich nicht mehr einsam, aber unruhig, und konnte den Abend nicht mehr erwarten während eines Tages, der ihm zu lang wurde…

Der Rest der von England mitgebrachten Summe wurde öfter und öfter in Anspruch genommen und schmolz immer mehr zusammen, denn sein Verdienst reichte natürlich nicht entfernt aus, um die erhöhten Ansprüche des jetzigen Lebens zu befriedigen. Felder gab für seinen Schneider jetzt in einem Monat mehr aus, als sonst in einem Jahre, und doch wurde er nie das Gefühl los, nicht gut genug gekleidet zu sein, wenn er zu ihr ging, obwohl er dort niemals einen anderen Menschen außer ihr sah und sie nie ein Wort über sein Aussehen verlor. Er achtete auch schon nicht mehr darauf, wieviel er der Sparkasse entnahm. Er brauchte ja nur nochmals nach England zu gehen, um einen neuen Fond heimzubringen. Überhaupt war es ein Skandal, daß er noch auf seine Arbeit angewiesen sein mußte, während die Meister der anderen Sports—die Radler zum Beispiel—längst herrlich und in Freuden von den Einkünften ihrer Siege lebten. Nur in seiner Sache, bei den Schwimmern, gab es das nicht…

Ganz langsam und allmählich begann er, seine Kunst auch von dieser Seite aus zu betrachten. Früher hätte er sich dessen geschämt. Und alles das, weil der Luxus, den er so plötzlich täglich einatmete, in so schreiendem Gegensatz stand zu seinem bisherigen Leben der Armut, Einfachheit und Genügsamkeit.—