Aber in ihm erwachte der Mann. Und da er der Stärkere war, nahm er sie, wie sie es wollte und gewollt hatte seit der Stunde, in der sie ihn zum ersten Male gesehen und für sich begehrt.

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Sie wurde sein Leben von da an.

Sie wurde es so sehr, daß er über ihr sogar sein Liebstes vergaß. Er hätte es bisher für eine Unmöglichkeit gehalten, mehr als zwei Tage vergehen zu lassen, ohne im Wasser gewesen zu sein. Ganz selten war einmal einer gegangen, an dem er sich nicht in sein Element gestürzt hätte, und zwei wohl nie, solange er denken konnte. Nun geschah es, daß drei oder vier vergingen, ohne daß es ihm in den Sinn kam, zu schwimmen.

Er dachte nur noch an sie: an ihren Mund, an ihre Augen, an jede Einzelheit ihres Körpers, der sein geworden war und es jeden Tag von neuem wurde.

Es war ein seltsames Verhältnis. Als er eine Woche fast jeden Abend bei ihr gewesen war, wußte er noch nicht einmal ihren Namen; als er sie vier Wochen kannte, wußte er nicht viel mehr, als daß sie Georgette hieß. Vielleicht nannte sie sich auch nur so.

Erst wollte er alles wissen. Er wollte schon dahinter kommen. Aber er gelangte selten dahin, eine Frage zu tun; und dann hatte sie eine so eigentümliche Art, auf Frägen, die ihr nicht paßten, zu erwidern, ohne sie zu beantworten. Nie erfuhr er das, was er eigentlich wissen wollte. Und wenn sie nicht mehr ausweichen konnte, dann konnte sie so leise bei seiner Frage lachen, als sei diese Frage nur ein guter Witz von ihm.—Es kam nie zwischen ihnen zu einem Gespräch. Er so schwerfällig, so unerfahren und selbst so schweigsam, war unfähig, ein solches in Gang zu bringen; und sie—entweder hatte sie nur die kurzen, abgerissenen Worte der Leidenschaft, oder sie lag ihm gegenüber, rauchend und ihn unverwandt anblickend, bis sie aufsprang, die Zigarette fortwarf und sich von neuem an ihn schmiegte.

Etwas Fremdes haftete allem an, was sie tat und sagte. Ihre Sprache war kein reines Deutsch, sondern ein Gemisch von Ausdrücken, die sie auf ihren Fahrten durch aller Herren Länder aufgelesen. Denn sie kannte alles, war überall gewesen, hatte alles gesehen—und wenn dem jungen Manne hier und da einer der vielen fremden Gegenstände, mit denen ihre Zimmer überladen waren, in die Augen fiel und er sie nach seinem Ursprung fragte, dann geschah es auch wohl, daß sie eine Art von Geschichte daran knüpfte: aber nie zusammenhängend, nie so, daß sie ein Stück ihres Lebens wurde.

Und so war und blieb sie: immer schlagfertig, immer bereit und im Gründe nie direkt ausweichend, aber doch nie und nichts wirklich gebend… nichts, außer sich selbst!…

Sie selbst fragte ihn nie nach irgend etwas. Aber sie unterbrach ihn auch nie und schien sogar interessevoll zuzuhören, wenn es einmal geschah, daß er sein Schweigen brach und von sich und seinen Erfolgen anfing zu erzählen. Lange hatte es schwer auf ihm gelegen, daß sie ihn gerade an jenem Unglückstage gesehen, an dem er seinen ersten un4 letzten Versuch in der fremden Kunst machte, und er suchte ihr weitschweifig zu erklären, wie alles gekommen war… Sie begriff indessen durchaus nicht die Wichtigkeit, die er der Sache beilegte. Genügte es nicht, daß er unbestrittener Sieger im Schwimmen war?—Kam ihm da einer gleich?—Was wollte er denn noch mehr?—Im Grunde sagte sie ihm dasselbe, was seine Freunde ihm auch gesagt hatten. Ihr war er recht so. Er war ja so schön, so jung und so stark—ah, so stark!