Um sieben Uhr kam er von der Arbeit. Um acht war er an der Ecke. Er hatte recht: es war niemand da, um ihn zu "erwarten". Er war doch ein rechter Esel. Da—schon wandte er sich zum Gehen—stand, wie aus der Erde gewachsen, dicht neben ihm eine alte, kleine Frau, in einen weiten Mantel gehüllt und den Kopf halb unter einer großen Kapuze verborgen, so daß Felder nur die scharfe Nase und die dunklen, funkelnden Augen sah, und sagte mit einem fremden Akzent hastig und bestimmt: "Bitte mir nur zu folgen!—Nicht weit…"
Wo war sie so plötzlich hergekommen?—Hatte sie hinter der Säule gestanden?—Oder war sie aus einer der wartenden Droschken gestiegen?—Felder erfuhr es nie. Aber er folgte ihr fast willenlos, so überrascht war er.
Die Alte ging schnell vor ihm her. Noch überlegte er, ob er nicht umkehren sollte, als sie bereits vor einem Hause halt machte und die Tür öffnete. Er hatte nur Zeit, zu fragen: "Wohin führen Sie mich denn eigentlich?"—Aber die Alte verstand seine Frage offenbar gar nicht. Sowie er die ersten Worte sprach, unterbrach sie ihn und sagte wieder nur (und es war wie eine eingelernte Redensart) schnell und in hartem Deutsch: "Bitte mir nur zu folgen!—Gar nicht weit!—Schon hier!"—Nochmals, als sie dann die Treppen hinaufstiegen und er immer weiter, wie gebannt, folgte, wollte er fragen und sich wehren, aber wieder wurde eine Tür geöffnet, aus dem Entree strömte es ihm hell und warm entgegen, und die Alte wiederholte, indem sie ihn durch Gebärden aufforderte, seinen Überzieher abzulegen und ihm dabei behilflich war: "Schon hier!—Schon hier!"—
Im nächsten Augenblick stand Franz Felder in einem hohen, dämmerigen
Gemach: schwere Teppiche auf dem Boden, schwere Portieren über den
Türen und Fenstern, schwere Fauteuils und Ruhestätten, aber sonst
alles klein und leicht, die tausend verschiedenen Luxusdinge aus der
Umgebung einer verwöhnten Frau.
In der Mitte des Zimmers stand sie selbst, in einem dünnen fast durchsichtigen Gewande, ihn erwartend. Als sie ihn sah, ging sie langsam auf ihn zu, bis sie dicht vor ihm stand. Sie waren allein. Sie sah ihn an, aber ganz anders, wie sonst: mit einem unbeschreiblichen Lächeln. Sie legte ihre Arme um seinen Nacken und ihr Körper preßte sich dicht an den seinen.
Dann küßte sie ihn, und es war wie ein Aufatmen, als sie dann das erste Wort sagte: "Endlich!…"
Er stand ganz still. Er wußte nicht, was er tun sollte. Aber das Blut stieg ihm zu Kopf: wie schön sie war!—Und der Duft, der fremde, seltsame Duft, der von ihr ausging, dieser Duft, den er kannte, berauschte ihn und brachte ihn um seine letzten Sinne.
Noch wollte er nicht. Aber er mußte. Wie schön sie war!… Er wußte schon nicht mehr, wo er war und was er tat.
Sie sah es. Sie empfand es.
Und da regte sich in ihr, die diesen Augenblick seit Monaten mit verhaltener Gier ersehnt, und in ihm, der sich vor diesem Augenblick, ohne es sich klar zu machen, gefürchtet hatte, die Lust ihn zu verlängern, und Auge in Auge, mit heißem Atem und glühenden Händen, maßen sie ihre Stärke aneinander—diese schönen Menschen, beide in der Fülle einer in stetiger Ausdauer geübten Kraft.