Es schien ihm, als habe sein Leben keinen Inhalt mehr. Was seine
Freude gewesen war, war es nicht mehr.
Und stärker und stärker wurde das Gefühl der Einsamkeit in ihm. Er hatte zwar jetzt jeden Abend etwas vor, ging hierhin in ein Varietétheater, und dorthin zum Bier, aber wiewohl er in Gesellschaft war, fühlte er sich doch allein.
Eines Tages erhielt er einen zweiten Brief, auf demselben starken, rauhen Papier mit dem unbeschnittenen Rande: "—Vergessen Sie nicht: jeden Freitag Abend um 8 Uhr erwartet man Sie an der Ecke der Tauben- und Charlottenstraße, dort, wo die Litfaßsäule steht, denn ich weiß, Sie werden kommen. Einmal werden Sie kommen—ganz sicher!"…
Wieder knitterte er ihn zusammen, und wieder faltete er ihn auseinander, um ihn abermals zu lesen. Die Geschichte wurde ihm unheimlich. Der bestimmte, überlegene Ton des Briefes ließ diesmal kein Lachen in ihm aufkommen. Wenn er noch seine alten Freunde gehabt hätte, würde er einem von ihnen, zum Beispiel Brüning, den Brief gezeigt haben. Unter seinen neuen war keiner, dem er sich anvertrauen mochte.
Er dachte zuweilen an die erste Begegnung im Café und die beiden ihr folgenden. Manchmal, wenn er eine schöne Frau oder ein hübsches Mädchen sah, kam ihm die Fremde ins Gedächtnis, und immer fiel der Vergleich zu ihren Gunsten aus. Immer dachte er auch daran, daß sie an jenem Nachmittag seinem Unterliegen beigewohnt—weshalb war sie damals gekommen, wenn nicht seinetwegen?—Wußte sie, wer er war?—Und was mußte sie nun von ihm denken?—
Das Rätselhafte der ganzen Sache begann ihn zu beschäftigen. Diese geheimnisvollen Briefe—woher hatte sie seinen Namen erfahren und den des Klubs?—Sie mußte ihn an jenem ersten Abend im Café gehört haben, anders war es überhaupt nicht möglich.
Und dieses Rendezvous?—Ecke Tauben- und Charlottenstraße. Das war am
Schauspielhause. Auf dem Gendarmenmarkte. Wer erwartete ihn dort?—
Und was wollte sie von ihm?—Was konnte sie von ihm wollen?—Nur
eines!
Nie wäre er hingegangen, wenn er sich nicht so einsam gefühlt hätte, wenn sie ihn nicht an jenem Nachmittage gesehen und—wenn sie nicht so schön gewesen wäre!
Denn sie war so schön, daß er sie nie vergessen hatte. Als er diesen zweiten Brief bekam, fühlte er es; und er zerriß ihn nicht, sondern steckte ihn zu sich.
Dann wieder kamen ihm diese Aufforderungen dumm und schamlos vor. Er wußte ganz gut, was sie von ihm wollte. Er war kein kleiner Junge mehr, und zudem war er ein Berliner. Mit ihm "sich amüsieren"—das wollte sie!… Schließlich, nachdem er den ersten Freitag und den zweiten hatte verstreichen lassen, beschloß er, an einem nächsten einmal an der bezeichneten Ecke vorbei zu gehen. Er wollte doch einmal nachsehen, wer denn dort auf ihn wartete. Wahrscheinlich niemand… Sie hatte es jetzt wohl aufgegeben, nachdem sie einmal gesehen, daß "mit ihm nichts zu machen war".—