Er hatte ja nur nötig, etwas mäßiger zu leben und etwas mehr zu trainieren. Daß allerdings beides nötig war, leuchtete sogar ihm ein. Dieses plötzliche Versagen der Kraft heute konnte doch kein reiner Zufall sein. Es durfte jedenfalls nie wieder vorkommen; denn er konnte wohl einmal "aussetzen", aber nun auch nicht wieder.—

Er tat beides: er war jetzt nicht nur nicht enttäuscht, sondern begrüßte es sogar mit Befriedigung, wenn eine Absage von ihr eintraf. Gab sie ihm doch einen freien Abend der unausgesetzten Übung, so eifrig und ernst, wie er seit langem nicht mehr betrieben.

Daran, daß es doch eigentlich nur ganz bei ihm stand, ob er zu ihr gehen wollte oder nicht, daß er ihr ebenso abschreiben konnte, wie sie ihm, daran dachte er nicht einmal. So groß war ihre Überlegenheit in jeder Beziehung und so sehr verstand sie es, wenn er bei ihr war, ihn durch immer neue Liebkosungen und Liebesbeweise an sich zu fesseln, daß ihm noch immer die Stunden die seligsten waren, in denen er in ihren Armen liegen konnte, und diesen wundervollen, bräunlichen Körper, dieses hohe, geheimnisvolle Gemach mit dem Glanz seiner Lichter und seinem verschwenderischen Luxus, diese stillen, faulen Stunden des späten Abends und der Nacht, ja, die leisen, unmerklichen Dienste der schattenhaft auf den schrillen Ruf der Gebieterin herein- und heraushuschenden Alten sein eigen nennen konnte; und alles, was er versuchte, war, sich in Augenblicken, wo seine trägen Gedanken, durch die Freude auf seinen nächsten Sieg und durch eine keinen Sportmeister je ganz verlassende Angst, seiner Kraft zu schaden, aufgestachelt, in beklemmender Ahnung sich von ihr wandten, alles, was er vermochte, war: sich dieser unersättlichen Leidenschaft, diesen erschlaffenden Umarmungen einmal, nur für heute, zu entziehen…

Diese Frau, die ihm, ihm unter allen, ihre Liebe geschenkt hatte, wie er glaubte, und die er darum, darum vor allen wieder liebte—sie war noch immer sein Leben.

4

An diesem Tage kam, was kommen mußte: seine erste Niederlage—der
Anfang vom Ende.

Seit drei Tagen hatte er sie nicht gesehen, und als er das letztemal bei ihr gewesen war, hatte er sich ihren Umarmungen wortlos und entschieden entzogen, so daß ihr Zusammensein ein ganz kurzes war. Sie biß die Lippen aufeinander, aber sie sagte kein Wort.

Felder kleidete sich heute mit besonderer Sorgfalt an und ließ seine Brust an Bändern und Münzen tragen, was sie nur fassen konnte. Das Armband, bei der täglichen Arbeit so hoch wie möglich hinaufgeschoben und von dem wollenen Hemde so bedeckt, daß es noch von niemand in der Fabrik entdeckt worden war, wurde auf das Handgelenk heruntergezogen und abgerieben, so daß es glänzte und funkelte.

In diesem bei allen so verhaßten Zeichen wollte er heute siegen, und so wollte er siegen, daß nicht nur das letzte Lächeln über "das Armband" verstummen, sondern auch das andere Lachen, das, welches er noch immer in seinen Ohren fühlte, das Lachen jenes schrecklichen Tages, schweigen sollte auf immer, um nie mehr gehört zu werden.

Das erste Fest des "Norddeutschen Schwimmkartells" wollte zugleich das erste sein, das die neuerbaute Schwimmhalle der Stadt Charlottenburg erlebte, und man hoffte, es besonders glänzend zu gestalten, obwohl die größten und angesehensten Berliner Vereine, unter ihnen der S.-C. B. 1879, wie überhaupt alle dem "Verbande" angehörenden Vereine naturgemäß fehlten. Aber es stand von Anfang an unter keinem guten Zeichen. Obwohl die Stadt Charlottenburg ihre Vertreter geschickt hatte, war doch das große Publikum, das sich offenbar an den Winterfesten satt gesehen und die Sommerschwimmen erwarten wollte, nur schwach vertreten und füllte kaum die erste Reihe der weiten Galerien. Zudem war das Wetter miserabel: ein naßkalter, grauer Märztag, und mancher, der gekommen wäre, war noch in letzter Stunde zu Hause geblieben.