Eine Bemerkung Wenzels gelegentlich seines Springdebuts war ihm zu Ohren gekommen. Felder hatte sie nicht vergessen, wie er nie etwas vergaß, was man ihm zugefügt. Dies sollte seine Rache sein.

Die Konkurrenz war merkwürdig stark besetzt: sechs Schwimmer von sechs bedeutenden Klubs rangen um den ehrenvollen "Poseidonjahrespreis". Felder freute sich auf seinen Sieg; er freute sich noch, als er an den Start ging, obwohl er sich wiederum nicht ganz frisch fühlte. Aber er war so sicher wie immer.

Dann, als er im Wasser und in der zweiten Länge lag, geschah etwas, was er nie für möglich gehalten hätte: er fühlte, wie ihn eine plötzliche Mattigkeit überkam, und als er—gegen sie mit aller Kraft ankämpfend—etwa in der Mitte der dritten nicht nur Wenzel leicht vorauseilen, sondern auch rechts und links je einen Gegner neben sich liegen sah, da hatte er zum ersten Male seit Jahren das deutliche Gefühl, daß er diesmal nie als Erster ans Ziel gelangen würde. Und mit gleicher Deutlichkeit empfand er, daß es in diesem Augenblicke nur einen Ausweg für ihn gab, um dieser unvermeidlichen Niederlage zu entfliehen: "Aussetzen!"—

Plötzlich im Schwimmen aufhörend und tief bis zum Grunde des Bassins niedertauchend, schwamm er dort bis zum Fußende der Leiter, während er über sich das Rauschen des Wassers unter dem hastigen Wenden der Konkurrenten hörte, und stieg an ihr hinter ihnen, die ihm seinen Sieg entführten, aus dem Wasser unter die verblüfften Zuschauer, seinem triefenden Körper rücksichtslos Platz schaffend…

Er war an diesem Abend nicht einmal böse, um so mehr, als er hörte, daß nicht Wenzel, sondern ein junger Magdeburger vom dortigen "Neptun", dessen Namen bisher nie genannt war, Sieger geworden war.— Er hatte "ausgesetzt". Nun, was war dabei weiter!—Das taten die größten Schwimmer aller Zeiten und Länder alle Augenblicke, und das Wunderbare bei ihm war nur das, daß es das erstemal war. Und weil es das erstemal war, so war er über jeden Verdacht erhaben, daß er den alten, bekannten Kniff angewandt habe, um einer Niederlage zu entgehen.

Er—Franz Felder—fürchtete keinen Schwimmer der ganzen Welt und brauchte keinen zu fürchten. Das wußte jeder. Aber selbst er konnte einmal unpäßlich sein, und das war er heute. Denn hätte er sonst wohl das Rennen aufgegeben?

Und den Triumph genoß er wenigstens an diesem Tage, daß keiner, auch sein ärgster Gegner nicht, es wagte, den Verdacht dieses Kniffs auszusprechen. Die Mutmaßungen und Prophezeiungen indessen, in denen man sich erging, hörte Felder glücklicherweise nicht. Sonst wäre seine Stimmung an diesem Abend doch getrübt worden, die durch die ungeäußerte leise Enttäuschung seiner Genossen vom "Hecht" nicht beeinträchtigt, aber durch die Aussicht auf das nächste Schwimmen sogar noch bedeutend gehoben wurde.

Denn als Felder sich die erreichten Zeiten des 200-Meter-Schwimmens geben ließ, sah er, daß die Leistung dieses jungen, unbekannten Magdeburgers nicht nur mit Hinsicht auf seine erstklassigen Konkurrenten, sondern auch in bezug auf die erreichte Zeit eine außerordentliche genannt werden mußte. Sie erreichte natürlich nicht den von Felder vor zwei Jahren aufgestellten und seitdem von ihm selbst nie wieder erreichten Rekord von 3:02, aber sie kam doch bedenklich nahe an ihn heran.

Der junge Seubert hatte die 200 Meter in 3:25 1/5, Minuten gemacht.

Das reizte Felder. Da war das nächste große Fest, zugleich das letzte dieses Winters, das erste Jahresschwimmen des neugegründeten "Norddeutschen Schwimmkartells", das besonders großartig und feierlich gestaltet werden sollte, um Zweck und Bedeutung dieser natürlich wieder aus vielen eifersüchtigen Fehden hervorgegangenen Neugründung recht zur Wirkung zu bringen, da war dies große Fest so recht die Gelegenheit, um sich auch diesmal einen glänzenden Abgang von der Saison zu sichern und einmal wieder "sich selbst zu übertreffen", das einzige, was er noch konnte.