Was nützte es, daß er diese Papiere von sich schob, diese Rufe nach ihm, die er nun schon Monate lang hörte: erst stürmisch und sehnsuchtsvoll, erst alle Tage, dann, je seltener sie wurden, immer herrischer und kürzer, bis sie nur noch der Befehl waren: "Heute abend um 9"—oder "Erst morgen!"—
Welche Macht sie über ihn gewonnen, diese Frau, von der er noch immer nicht einmal wußte, wer sie war!—
Und wie Felder saß und grübelte, und grübelte, wurde es ihm klar, warum er heute unterlegen war, warum er in der letzten Zeit nicht mehr die alte Kraft in sich fühlte, die unbesieglich gewesen war; und eine maßlose Wut kam über ihn gegen die, die ihm seine Kraft geraubt. Er ballte die Hand um den Rand des Tisches, daß er sich bog und das Glas klirrte.
Und dann kam, blitzgleich, auch die wahre Erkenntnis dieses
Verhältnisses über ihn.
Was sie begehrt hatte, das war seine Jugend, seine Kraft und seine Frische gewesen. Und was sie begehrte, hatte sie ihm genommen: die Jugend, die Kraft und die Frische seines Körpers!—Stück für Stück, in unersättlicher Habgier war ihm, ohne daß er es fühlte und ahnte, eines nach dem anderen von ihr genommen, in unzähligen Umarmungen, mit Küssen und Schmeicheln, bis sie ihn zu dem gemacht, was er heute war!
Alles, was er besaß, das einzige, das er sein eigen nannte, hatte sie ihm geraubt: seinen Ruhm!—Sein Ruhm aber war sein Leben. Sie hatte es zerstört.
Er aber, er war so blind und so töricht gewesen, nicht zu merken, was sie eigentlich von ihm wollte. Wie ein dummes Tier war er in die Falle gegangen; wie ein Hund war er ihr nachgelaufen; wie ein … nein, er vermochte nicht weiter zu denken.
Denn jetzt wußte er auf einmal auch, wer sie war.
Eine große Abenteuerin, irgendwo in einem Winkel von zusammengelaufenen Eltern erzeugt, früh verdorben, früh gelehrt, ihre Schönheit als erstes und einträglichstes Erwerbsmittel zu betrachten, sie gelehrig in unstetem Wanderleben durch alle Länder der Welt schleifend, und alles mitnehmend, was sich ihr bot: hier die Alten und dort die Jungen.
Die Alten, die sie begehrten und bezahlten, und die Jungen, die von ihr ausgesucht und bezahlt Wurden!—Und einer von diesen Jungen war er gewesen—er, Franz Felder!—