"Das Verhältnis zwischen Mann und Frau in der Freiheit?—Ich verstehe eine solche Frage kaum. Vernünftige Menschen kommen zusammen, wenn sie sich lieben und gehen auseinander, wenn sie sich nicht mehr lieben. Mag sein, daß sie bis an ihr Lebensende zusammenbleiben in Liebe und Einigkeit. Oft wird es nicht der Fall sein."

Auch sie stand nun auf.

"Aber um Gotteswillen, das ist ja im höchsten Grade unmoralisch, was du da sagst!" rief sie. "Es ist ja unanständig!"

Er lachte nur, laut und rücksichtslos.

Er hatte ihr so viel Klugheit zugetraut, daß sie ihn fragen würde, was aus den Kindern der freien Verbindung werden würde. Aber er täuschte sich auch diesmal. Sie rief—wie alle Schwachköpfe—die Moral zu Hilfe, wo ihr Verstand nicht mehr ausreichte.

Gleichmütig sagte er:

"Ja, über Anständigkeit und Ehrenhaftigkeit gehen meine Anschauungen und die deiner Klasse, welche du teilst, wie ich sehe, weit auseinander. Ich weiß, daß es noch viele, viele Menschen gibt, die eine Vereinigung erst dann für anständig halten, wenn sie sich dieselbe gegenseitig erlaubt haben: Standesamt—Kirche und Pfaffe— Hochzeitsreise; die es anständig nennen, wenn zwei Menschen zusammenbleiben, die sich nicht mehr sehen können und die erkannt haben, daß auch das leiseste Gefühl sie nicht mehr zusammenhält, sondern nur noch das gegebene Wort. Ich weiß aber auch, daß es Menschen gibt, welche jede Umarmung, die aus anderen Gründen erfolgt als aus gegenseitiger Liebe, gemein nennen, und zu diesen Menschen gehöre auch ich. Und eins möchte ich dir und allen, die die Ehe verteidigen und unsere Anschauungen der freien Liebe so laut und emphatisch beschreien, eins Möchte ich euch allen, euch Menschen der Ehe, sagen: Tut, was ihr wollt, aber zeigt uns durch eure eigenen glücklichen Ehen, daß wir im Unrecht sind und ihr im Recht seid mit eurer Heiligsprechung der Ehe! Dann werden wir euch vielleicht glauben, eher nicht!"

Er griff nach Hut und Stock.

"Adieu, Clara," sagte er und gab ihr die Hand, "leb' wohl! Ich habe gesehen, daß du nicht unglücklich bist. Du bist unzufrieden, natürlich—du bist ja nicht frei. Aber wer kann dir da helfen, wenn du es nicht selbst tust?"—

Sie war vollständig verwirrt. Sie wollte ihm noch etwas entgegnen, sie hatte den glühenden Wunsch, ihn noch zu demütigen, aber sie fand kein Wort mehr seiner kalten Ueberlegenheit gegenüber. Nicht einmal ihr letztes Mittel jetzt anzuwenden, schien ihr zweckmäßig. O, wenn sie das vorher gewußt hätte, nie hätte sie ihm geschrieben!