Mit seinem Schurzfell und seiner Jacke kommt er ebensowohl zu seiner Arbeit, auf seinen Speicher als auf das Comptoir seines Kaufherrn oder in die Börse. Überall wird er mit gleicher Achtung, mit gleichem Ansehen gern gesehen und willkommen geheißen, sein biederes, schlichtes Wesen verschafft ihm überall gleichen freundlichen Empfang, der durch das gewöhnlich bei ihm vorhandene oder doch vorausgesetzte Vermögen umsomehr an Herzlichkeit gewinnt, als der Hamburger den materiellen Besitz als den Hauptgrundstein zur Menschenwürde zu betrachten geneigt ist.
Wie der Volkswitz überall den niederen Ständen, ist er auch in Hamburg ganz besonders dem Arbeiterstande eigen und der Hamburger Volkswitz versäumt nicht, jede Sache oder jede Person, mit der er in Berührung kommt, mit einem mehr oder minder zutreffenden, jedenfalls aber drastischen Namen zu bezeichnen. So haben denn auch die Quartiersleute dem Schicksal nicht entgehen können, ihre „Ökelnamen“ zu erhalten, die, obgleich in mancher Weise nicht mehr zutreffend, sich von Generation auf Generation vererbt haben und so populär sind, daß kaum ein Arbeitsmann oder ein Ewerführertagelöhner ein Quartier zu finden wüßte, wenn es bei dem Namen seines ältesten Inhabers, wie dies im Adreßbuch gebräuchlich, nicht aber bei seinem sogenannten „Ökelnamen“ genannt wurde.
Kein Hamburger, der mit den Quartiersleuten mehrfach zu tun hat, wird im Zweifel sein, wen wir meinen, wenn wir hier eine Reihe von Namen nennen, die nirgendwo als offizielle aufgeführt sind und dennoch jeder Einzelne ein Quartier bezeichnet.
Da sind zuerst die „Krindlers“, deren Hauptinhaber bei der Schillerfeier und der Märzfeier ebenso wie bei den Sammlungen für die Notleidenden in Ostpreußen die Leitung übernahm und überall mit gutem Beispiel voranging und der deshalb auch stillschweigend als der Senior des löblichen Gewerbes anerkannt worden ist.
Ein anderes Quartier, früher „Melkers“ genannt, hat sich geteilt und demgemäß die Namen „Rohmmelkers“ und „Watermelkers“ oder „Zegenmelkers“ erhalten. „Smökers“, „Puttlüd“, „Schosters“, „Stohlmakers“, „Höhnerplückers“, „Korfmakers“, „Kaffeebrenners“, „Fielers“, „Wustmakers“, „Kugelers“, „Wullkosacken“, „Theebuurn“, „Krahnlüüd“, „Kutschers“, „Slachters“, „Jägers“, „Plackenhauers“, „Nadelmakers“, „Solospeelers“, „Bültenhauers“, „Wullmüüs“ und „Sackneiers“ sind Namen, die entweder in der früheren Beschäftigung ihrer Träger, oder in dem Artikel, worin die mit diesem Namen benannten Quartiere vorzugsweise arbeiten, ihre Begründung finden mögen. Weniger harmlos sind Namen wie „Höllenjägers“, „Thünbüdels“, „de Trübsinnigen“, „de Möden“, „de Duhnsupen“, „de Heiligen“, „Grotsnuten“, „Doodsmieters“, „Minschenschinners“, „Lüttsnuten“, „Barmherzigen“ usw. Dem Tierreich entlehnt sind die Bezeichnungen „Wanzen“, von denen es gar zweierlei gibt, die „Dacklünken“, „Witten Hunn“, „Wilden-Swien“, „Löwen“, „Swienhunn“, „de Hasen“ (wovon übrigens sich alle bis auf einen schon verlaufen haben), „Bunten Höhner“, „de Bück“, „Eseltreckers“, „Imm“ (Bienen), „Müüs“ oder „Rotten“, „Luus un Floh“, „de Kreihers“ (Kräher) und „de vierspännigen Ratten“.
Der Körperbeschaffenheit, resp. dem Aussehen ihres Gesichts verdankten ihre Namen die „Magern“, „de Veerkantigen“, „de lütten Roden“, „Söte Jungs“, „de Fienen“, „de Scheeben un Graden“, „Veilchenblauen“, „dat Armenspann“, „de scheeben Hamborgers“, „Scheef un Liek“ u. a. m. — „Franzosen“, „de Engelschen“, „Möhlenbrückers“, „Coldorpers“, „Bayern“, „Hollanders“, „dat Judenspann“, „Harborgers“ un „de drögen Franzosen“ bezeichnen diejenigen, welche vorzugsweise mit dieser Nation zu tun haben; das „Dreespann“ fährt stets zu dreien, die „Manchestern“ sind an ihren Hosen von diesem Stoff und „Spring um Stender“ ihrer Gewandtheit wegen kenntlich. „Nagelbüdel und Consorten“, „Seelenkinners“ und „Schultenhöbers“ Namensursprung mag schwer zu entziffern sein, womit wir denn die Liste schließen wollen, ohne die „Schimmels“ zu vergessen, deren weißhaariges Oberhaupt seinem Quartier diesen Namen eingetragen hat.
Von J. D. J. Pingel Senior 1880.
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Anlage 3
Ökelnamen der Hamburger Quartiersleute
Dat Armenspann (Bodenstein u. Consorten), De Baiern (Lührs u. Cons.), De Blickern (Wilkerling u. Cons.), De-Botterbuern (Siemers u. Röpke), De Brummers (Niemann u. Cons.), De Bück (Burmeister u. Cons.), De engelschen Bück (Trier u. Cons.), De Bullenmelkers (Kruse u. Cons.), De Buntbüxen (L. Hecht u. Cons.), De Coldorpers (Hinrichs u. Cons., Weiscke u. Cons.), De Dacklüünken (Spellerberg u. Cons.), De Dodtsmieters (Thiel u. Cons, Suhr u. Cons.), De Engelschen (H. Martens u. Cons.), De Eseltreckers (Dreyer u. Cons., Hoppe u. Cons.), De Fienen (Grotkaß u. Cons.), De Finnenkiekers (Neddermann u. Cons.), De Franzosen (Kleen u. Cons.), De Graden (Bargstädt u. Cons.), De Gröhlmöllers (Möller u. Cons.), De Grotsnuten (Schwarze u. Cons.), De scheewen Hamborger (Pohlmann u. Cons.), De Harborgers (Albrecht u. Cons.), De Hasen (Reinstorf u. Voß), De ohlen Hasen (Kesler u. Cons.), De Heiligen (Stöver u. Lembcke), De bunten Höhner (Groth u. Cons.), De Höhnerplückers (Brandt u. Cons.), De Hollanders (Helmers u. Cons.), De finen Hollanders (Lüders u. Cons.), De witten Hunn (Escherich u. Cons., Parbs u. Cons.), De Jägers (Rehse u. Cons.), De Isern Arm (Daniel Jessen), Dat Judenspann (Ascher u. Cons.), De Kaffebrenners (Lienau u. Cons., Gädgens u. Cons.), De Knupprigen (Glimann u. Cons.), De Korfmakers (Denker u. Cons., H. W. Meyer u. Cons.), De Krahnlüd’ (Quitzau u. Cons.), De Krahntreckers (Bodenborg u. Cons.), De Kreihers (Jürgens u. Cons.), De Krindlers (Willers u. Cons., Petersen u. Pingel), De Kugelers (Fesefeld u. Cons.), De Kulers (Heeger u. Klindworth), De Kutschers (Meiners u. Cons.), De Löwen (Schultze u. Cons.), De Lüttsnuten (Krohn u. Schröder), Luus und Floh (Volmer u. Cons., D. Hinsch u. Cons.), De Magern (Suhl u. Cons.), De lütten Magern (Hellmann u. Cons.), De groten Manschestern (Rose u. Cons.), De lütten Manschestern (Prignitz u. Cons.), De Melkers (Meyn u. Cons.), De Möden (G. Voß u. Cons.), De Müs’ (Brasch u. Cons.), De Nadelmakers (Cordes u. Cons.), De Plankenhauers (Oelmann u. Cons.), De Puttlüd (Koch u. Cons.), De lütten Roden (Asmus u. Cons.), De Rotten (Leßmann u. Cons.), De Sackneihers (Wendt u. Klindworth), De Sagenfielers (Köhncke u. Cons.), Scheev un Liek (D. Möller u. Cons.), De Scheeven un Graden (Bargsted u. Genossen), De Schinners (Hinsch u. Cons.), De Schosters (Peters u. Cons.), De Schottschen (Martens u. Cons.), De Seelenkinner (Martens u. Cons.), De Slachters (Nimbach u. Cons.), De Smökers (Meyer u. Cons.), De Solospelers (Brandt u. Cons.), De Springumständer (Müller u. Pflughaupt), De Spunjers (Jürgens u. Cons.), De Stohlbinners (Ockelmann u. Cons.), De Storchen (Cords u. Cons., Gechter u. Cons.), De willen Swien (Dührkoop u. Cons., Opitz u. Cons.), De Theebuern (Schaper u. Cons.), De Trübseligen (Moritz u. Cons., Hasenbalg u. Cons.), De Tünbüdels (Gechter u. Cons, später: de Storchen), Vader un Söhn (Hinsch u. Krüger), De Veereckten (Ellerbrock u. Cons.), De Veilchenblauen (Rethwisch u. Cons.), De Wanzen (Uetzmann u. Cons.), De Wullkosacken (Gebel u. Cons.), De Wullmüs’ (Mathias Glimann), De Wustmakers (Stapelfeld u. Cons.).