Steinhausen: Monographien zur deutschen Kulturgeschichte, Bd. 2: Der Kaufmann
Sternhagen: Ut Vadders Tiden, 4. Aufl. 1909
Tratziger: Chronik der Stadt Hamburg, herausg. von J. M. Lappenberg
Zacharias: Jahrbuch der Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde 1899
Zeitschr.: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte
Etwa siebenhundert Jahre sind verflossen, seit die ersten Speicher in Hamburg errichtet wurden, d. h. Gebäude, die ausschließlich zur Lagerung von Waren bestimmt sind. Ihre Vorgänger, die alten Kaufmannshäuser, in denen sich Wohnung und Warenvorräte unterm nämlichen Dach befanden, haben wir uns mit Melhop (2 f.) in ihren Anfängen einfach als in die Stadt gerückte altsächsische Bauernhäuser zu denken, nur daß diese sich hier, innerhalb der engen Umwallung, auf sehr beschränktem Raum einzurichten hatten und statt in die Breite sich in die Höhe entwickeln mußten. Auf die große Diele mit dem offenen Herd verzichtete man nicht, aber die Wohnräume mußte man dafür schon in ein oberes Stockwerk verlegen; darüber lagerten sich dann die Warengelasse. Noch im 13. Jahrhundert waren die Häuser durchweg aus Holzständern mit Lehmgeflecht dazwischen hergestellt, vielfach auch mit Stroh gedeckt. Selbst Rauchfänge aus Holz waren häufig zu finden. Kein Wunder, daß im Jahre 1284 eine verheerende Feuersbrunst fast die ganze Stadt vernichtete. (Tratziger 63.) Beim Wiederaufbau hielt man sich wohl an solideres Material, aber von der altgewohnten Einrichtung wich man weder damals noch später ab. Trotz nachträglicher Einbauten können wir das noch heute in manchen alten Kaufmannshäusern erkennen. Vor allem blieb die große Diele, durch zwei Stockwerke gehend und genügend Tageslicht durch hohe Fenster vom Hof empfangend. Daran, mit breiten Holzgeländern an beiden Seiten, eine mächtige Doppeltreppe, die auf eine Galerie des ersten Stockwerks führte. In der Mitte der Decke fand sich ein durch eine aufklappbare Luke geschlossener Ausschnitt, das Winn’lock, das sich durch alle Stockwerke bis an die Haspelwinde des Spitzbodens fortsetzte und das Auf- und Abwinden von Waren mittels der endlosen Windetaue, der Löpers, ermöglichte. An anderer Stelle hing die Wagschale, die Bummelschal, von der Decke herab. Es war noch im 19. Jahrhundert das Vorrecht des „Großbürgers“, mit der „großen Schale“ zu wägen, wie auch nur dieser ein eigenes Konto bei der Girobank halten und Waren „auf Transitozettel deklarieren“, d. h. für fremde Rechnung ein- und ausführen durfte. — Küche und offener Herd hatten gleichfalls ihren Platz an der Diele. Neben ihrem Hauptzweck, der Warenbewegung zu dienen, bildete diese in vielen Fällen einen wahren Prunkraum, dessen vergoldete Karosse und blendender Reichtum an Küchengeschirr bereits von der Straße aus bestaunt werden konnte. Hier hing im Herbst zur Zeit des „richtigen Ossenslachterwedders“ (Sturm und Regen) der schön geschmückte Ochse (Beneke 359 f.), hier wurden vornehme Gäste empfangen, hier war auch der Tummelplatz der Kinder (Hertz 36 f.) und bei Todesfällen fand hier die feierliche Aufbahrung des Sarges statt (Zacharias 29 f.). — Lichtwark (1897, 61 f.) schreibt: „Wie einheitlich und behaglich wirkt der Raum, wie reich und vornehm! .. Was ihn so lebendig macht, lebendiger als die stolzen Treppenhäuser der Barockpaläste, das ist seine Lauschigkeit, die das tägliche Leben ahnen läßt. ... Jetzt stehen noch ein halbes Dutzend im alten Zustande, aber da die Häuser nicht mehr bewohnt werden und nur als Speicher und Kontore dienen, sind sie unfrisch oder verkommen. Die Künstler, die in Hamburg lebten, haben uns von der traulichen Poesie dieser Räume kein Bild erhalten, den Dilettanten aber, die uns einen Blick in die dem Untergang geweihte Herrlichkeit festhielten, wird man nicht nur in Hamburg ein dankbares Andenken bewahren. ... Hätte es solche Schönheit in der Privatarchitektur Münchens, Berlins oder Düsseldorfs gegeben, so würden Generationen von Malern in unserem (neunzehnten) Jahrhundert sie verherrlicht haben. Aus tausend Bildern und Hunderttausenden von Photographien, Holzschnitten und Stichen danach würde das deutsche Volk diese Dielen kennen.“ (Abbildungen solcher Dielen bei Lichtwark, Bröer, Melhop. Vergl. auch Melhop 278 f., Jünger 5, Schrader 42 f., Lauffer 70 f. — Im neuen Museum für hamburgische Geschichte wird die genaue Nachbildung einer althamburger Diele einen Glanzpunkt bilden.) Es sei übrigens beiläufig erwähnt, daß der Hamburger Patrizier sein Stadthaus nur im Winter bewohnte. Am 17. April pflegte die Familie vors Tor zu ziehen und kehrte am 18. Oktober in die Stadt zurück.
Wir dürfen die Entwicklung unseres Geschäftsviertels des Großhandels so annehmen, daß anfangs die Uferfläche, die Kaje, durchweg unbebaut liegen blieb, wie noch jetzt bei den Vorsetzen zu sehen, bis zum Zollanschluß auch z. B. beim Kehrwieder. So war es ursprünglich in der Deichstraße, im Cremon, in der Catharinenstraße, wie bei den Mühren, im Grimm usw. Hinter den Häusern, die sich also nur an einer Seite der Straße entlang zogen, erstreckten sich tiefe, schmale Gärten bis an andere Fleete, zuweilen auch bis an den Stadtwall oder an offene Abflußgräben, die später zu Fleeten erweitert und vertieft wurden (Gaedechens 41). Als die Böden des Wohnhauses dem sich ausdehnenden Geschäftsbetriebe nicht mehr genügten, begann man dann, an diesen Hinterfleeten Speicher zu errichten; später folgten schmälere Verbindungsbauten zwischen Wohnhaus und Speicher und endlich blieben statt der ehemaligen freien Stücke nur dumpfige, geschlossene Hofplätze nach. Die Lagerböden fügten sich meistens vom Vorderhause durch den Mittelbau an die Böden des Speichers in gleicher Höhe an.
Mit der Zeit erstarkten Handel und Gewerbe immer mehr, zum Teil sprungweise, und erforderten weite große Räumlichkeiten. Ich erinnere nur an die Bierbrauerei. Schon 1270 war das Hamburger Bier berühmt (Rynesberch 118 Anm. 100) und im Jahre 1307 wird berichtet, daß es das Bremer überflügelt habe (Rynesberch 85, Mitt. I. 44). Lauffer 34 gibt an, die Herstellung Hamburger Bieres im 15. Jahrhundert habe durchschnittlich 100000 Tonnen, gleich 250000 Hektoliter, im Jahre betragen. Im 16. Jahrhundert gab es hier dann die stattliche Zahl von 531 Brauhäusern (Lappenberg 14), die in rascher Folge errichtet waren. Da man sie am liebsten an den Fleeten anlegte, um das Wasser sowie Gelegenheit zur Verschiffung bequem zur Verfügung zu haben, so wurde allmählich das litus, die Uferfläche, zum Bebauen in Angriff genommen. Bis dahin gehörte dieses litus durchweg den gegenüberliegenden Häusern und pflegte u. a. von den Brauern benutzt zu werden, um ihr Brennholz aufzustapeln (Schlüter 21). Schon im Stadterbebuche von 1248 bis 1274 wird wiederholt der Verkauf solcher Uferplätze vermerkt (Zeitschrift I. 452 Anm. 5, Gaedechens 50). Es kam hinzu, daß die Hülfsgewerbe, hier besonders die Faßbinder, viel Raum beanspruchten. Zwischen 1370 und 1387 waren neununddreißig vom Hundert sämtlicher Amtsmeister Küper (Koppmann Bd. 3, XX.). Nach und nach wurden auf diese Weise die ursprünglich frei liegenden Kajen an den Fleeten vollständig bebaut, teilweise mit Brauhäusern und Betriebswerkstätten, teils aber auch mit Speichern, die jetzt also nicht mehr mit dem Sitz des Kaufmanns in unmittelbarer Verbindung standen. In welchen Zwischenräumen diese Ausfüllung der freien Uferplätze stattfand, läßt sich oftmals nachweisen. So wurden beispielsweise die beiden Grundstücke an der Fleetseite der Deichstraße neben der Hohenbrücke wahrscheinlich zuerst ums Jahr 1322 bebaut, das im Norden angrenzende als eines der letzten freigebliebenen dieser Gasse erst zwischen 1397 und 1401 (Mus. 270). Abgesehen hiervon entstand am Ufer auch nach vollständiger Bebauung keine ununterbrochene Straßenreihe, sondern zwischen je etwa zwei bis vier Häusern blieb ein „Fleetgang“ frei, der dann einem der gegenüberliegenden Grundstücke oder mehreren gemeinschaftlich als Eigentum gehörte. Der Zweck war, für den Wasserverkehr eine gute Verbindung zu behalten. Gewöhnlich fand sich dort alsdann am Ufer auch eine „holländische Winde“ unter gewölbtem, schwarz geteertem Holzdach. Schon im ersten Hamburger Grundbuch wird wiederholt ein Haus mit dem Recht auf einen Weg ans Ufer oder einen Anteil daran übertragen (Zeitsch. I. 447 Anm. 2, 3, 4). Man sieht noch heute solche Fleetgänge, z. B. Deichstraße, Katharinenstraße, Grimm. — Ich will nicht unterlassen zu erwähnen, daß Neddermeyer (Hamb. Topographie 221, 238) meint, im Cremon und im Grimm sei die Wasserseite zuerst bebaut worden. Die Stellen, die er hierfür anführt (Staphorst, Hamb. Kirchengeschichte I. 2, 102 und 104) bieten indessen keinen Beleg dafür und die Sache ist auch durchaus unwahrscheinlich (Vergl. Gaedechens 14, 49, Schlüter 21 und Mitt. IV. 115 f.).
Für Nichthamburger seien einige Bezeichnungen erklärt. Fleet hängt mit Fluß und fließen zusammen. Es ist der Ausdruck für durch die Stadt strömende natürliche oder künstlich angelegte Flußarme und findet sich schon im 14. Jahrhundert (Nirrnheim II. 18). Die Kanäle der Außenalster und im Hammerbrook, die durch Schleusen mit der Elbe verbunden sind, könnte man also nicht wohl Fleete nennen, dagegen aber wäre der Name Zollfleet statt Zollkanal für den großen Wasserzug zwischen Freihafen und Zollstadt angebracht gewesen. — Kaje kommt aus dem Romanischen und hat ursprünglich die Bedeutung Klippe und Sandbank, während es, wie Lübben im mittelniederdeutschen Wörterbuch angibt, im Niederdeutschen ausschließlich Ufereinfassung ist. — Es war zu bedauern, daß im Freihafen anfangs die Bezeichnung Quai, gesprochen Kwai, eingeführt wurde, wo wir doch schon die gut niederdeutschen Straßennamen Binnenkajen und Butenkajen seit altersher kannten. Brooktorkaje, Hübnerkaje usw. hätte wirklich sehr gut geklungen. Glücklicherweise ist man jetzt durchweg zur Schreibweise Kai übergegangen. — Speicher, Spiker, wird in Grimms Wörterbuch aus dem spätlateinischen spicarium erklärt und dies aus spica, Gedreideähre. Also ursprünglich Kornspeicher. Ich fand den Spiker, als selbständiges Gebäude verkauft, schon im ältesten Stadterbebuch erwähnt (Zeitschr. I. 449 Anm. 9) sowie bei Nirrnheim (I. 733, 736).
Im Gegensatz zu der feststehenden Zimmereinteilung der unteren Stockwerke des Kaufmannshauses und des Mittelbaues bot der althamburgische Speicher, der sich hinten anfügte oder später selbständig für sich errichtet wurde, ungetrennte Lagerräume. Er bestand also eigentlich nur aus den vier Wänden und den Böden, die durch starke Ständer und Balken aus Eichenholz getragen wurden. Als man bei Gelegenheit des Zollanschlusses die neuen Freihafenspeicher errichtete, glaubte man es recht gut zu machen, wenn man ausschließlich Eisenkonstruktion anwendete. Es fand sich aber bei einem Brande, daß das Eisen sich derartig dehnte und reckte, daß die Mauern ernstlich litten. Das war bei der altmodischen Verwendung von Holz niemals vorgekommen, meistens kohlte solches nur so leicht an, daß es für den Neubau wieder gebraucht werden konnte. Die Stockwerke hießen Böhns oder Spiekerböhns, das oberste der Spitzböhn. Ausnahmsweise finden wir hierfür noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts den Namen die Flier bei der Verkaufsanzeige eines Grundstückes am kleinen Fleet, das früher zur Herstellung von Brodenzucker gedient hatte. Flier ist außer in Ostfriesland nur in Holland gebräuchlich (Mitt. X. 60). Die Niederländer, die die Zuckerraffinerie im 16. Jahrhundert bei uns einführten (Amsinck 209 f.), werden diese Bezeichnung mitgebracht haben, ebenso wie die Berechnung der Ware in Grote, die noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts hier im Großhandel üblich war. — Richey erwähnt als Name des alleröbersten Bodens „Oken“. Solcher ist noch jetzt für die Winkel bekannt, wo das schräge Dach den Fußboden berührt.