Heizvorrichtungen fehlten im Speicher, ebenso zuweilen Aborte. Wo man diese nicht entbehren wollte, fügte man sie im Erdgeschoß, nach der Fleetseite, als Ausbau an, mit einer viereckigen Holzröhre, die mehr oder weniger weit hinunter ins Fleet reichte, immerhin nicht tief genug, daß sich nicht bei niedrigem Wasserstand eine Schute noch gerade darunter schieben konnte. Bis das Schwemmsystem unserer „Siele“ allgemein durchgeführt war, gab es noch um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts auch für die Wohnhäuser an den Fleeten ausschließlich diese Form von Aborten. Die gefrorenen Exkremente bildeten im Winter einen recht unerfreulichen Anblick. Im Sommer, wenn anhaltender Ostwind die Fleete leerlaufen ließ, kamen Gerüche hinzu, die nicht selten jede Lüftung der Zimmer verhinderten. Ein Bild aus jener guten alten Zeit: „Hallo, wat ’s dat for’n Waar“, ruft der Ewerführer aus seiner Schute ins Erdgeschoß hinauf. „Frachtbreef kummt gliek na!“ schallt es zurück. — Solche Straßen, denen kein Fleet als bequemer Abzugsgraben diente, hatten Eimerabfuhr. Die Eimer, sehr zartfühlend Goldammers getauft, standen dann in den engen Gassen reihenweise bereit, bis der Ruf „Dreckwaag!“ (verkürzt aus Dreckwagen) die bevorstehende Leerung ankündete. Ähnliche und zum Teil schlimmere Zustände herrschten damals natürlich auch in anderen Großstädten Europas. Den meisten ist Hamburg mit Einführung gemauerter Abzugskänale vorangegangen.
Fenster waren im Speicher nicht allzu reichlich vorhanden und die kleinen Scheiben waren trübe. Sie wurden vermutlich nur sehr selten geputzt: eine Hausfrau verstieg sich nicht hierher. Brauchte man für die Arbeit Tageslicht, so öffnete man die Luken, doppelte breite und hohe Holztüren, neben denen eiserne Griffe in die Mauer eingelassen waren, damit man sich beim Ausgucken festhalten konnte. Für Erleuchtung bei Dunkelwerden diente die ölgespeiste Kugellamp aus sehr dickem Glas in Art der Schiffslaternen, mit Blechuntersatz und einem Henkel. — Für Schreibarbeit benutzte man eine Ecke am Fenster, meistens durch Holzverschalung in eine Art von Zimmer, das Kabuff, verwandelt. Hier, wie auch wohl an anderen Stellen, pflegten die Wände mit Holzschnitten aus der „Reform“ geschmückt zu sein, zuweilen auch mit launigen kurzen Inschriften und Zeichnungen, mittels Pinsels aus dem Markputt hingeworfen, einem kleinen, nach oben etwas verjüngt zulaufenden Holzeimer, gefüllt mit einer Mischung von Kienruß und Leckbranntwein zum Zeichnen (Marken) der Packungen. Den Leck lieferte der Köhmkaaker umsonst, es war der Schnaps, der beim Vollschenken oder Reinigen der Gläser abtropfte. — Den Markputt pflegte der „Hausküper“ auf der Snibank selbst herzustellen. Sonst diente diese (auch Snibock genannt) hauptsächlich dazu, Holzböden, Faßstäbe (Staff) usw. zuzuschneiden. Man saß darauf rittlings, vor sich eine Einrichtung zum Festklemmen des Holzes, und benutzte nach Bedarf ein Tochmeß oder ein Krummeß, beide aus breiter Schneide mit Holzgriffen an den Enden bestehend. — Das Marken wurde mit großer Schnelligkeit in meistens schräg liegenden lateinischen Buchstaben sowie arabischen Ziffern von schlanker, besonders deutlicher Form vorgenommen. Schablonen wurden früher wenig benutzt, während die Frachtführer jetzt meistens darauf bestehen.
Schmale, steile Holztreppen, die möglichst wenig Raum wegnehmen durften und nicht massiv eingefaßt, sondern nur mit Lattenverschlag versehen waren, verbanden die Böden. Sie waren ausschließlich für Personenverkehr geeignet. An ihnen fand sich häufig ein vom Boden aus zugängliches Nebengelaß oder ein Bort, der Bislag, angebracht. Sonst war an geeigneter Stelle noch ein Aufbewahrungsort für Packmaterial, das Strohlock, vorhanden, sowie ein Gerüst für leere Kisten, der Hangeböhn, auch wohl Galgen genannt. Der gesamte übrige Raum diente für das Aufstapeln von Waren, wobei man sich an keine Belastungsgrenze kehrte, wie solche in den neuen Freihafenspeichern überall vorgeschrieben ist. Bei Eisenkonstruktion brechen eben die Nietenbolzen bei Überlastung, während hölzerne Tragbalken federnd nachgeben, also keine besondere Vorsicht erheischen. Wohl kam es vor, daß die Mauer sich etwas schief zog und, wo sie nach dem Fleetgang frei lag, durch Stützen gegen das Nachbarhaus gehalten werden mußte. Das war z. B. in dem Hause Deichstraße 45 der Fall, in dem ich meine Jugend verlebte, und kostete natürlich eine jährliche Vergütung. — Einen eigentümlichen Speicherbau, wie es deren vielleicht noch mehrere gegeben hat, findet man Steckelhörn 5. Hier steht die gesamte Holzkonstruktion frei für sich, ohne irgendwelche Berührung mit der Hausmauer; das hat den großen Vorteil, daß die Tragbalken nicht unter Feuchtigkeit der Mauer leiden können. Man vergleiche hierzu, was Linde (Die Niederelbe, 4te Aufl. S. 55) über das Marschenhaus sagt.
Von losem Inventar fand sich in den alten Speichern zunächst die Schaal oder Bummelschaal, die hängende Wagschale. Sie bestand aus dem eisernen Wagebalken, der mittels Ringes über einem S-förmigen Haken der Decke hing, sowie zwei Wagschalen aus starken Holzbohlen mit kräftigen Tauen an den vier Ecken, die oben über Eisenringe gespleißt (spleeßt) waren und an diesen auf die Haken gehängt wurden, die der Wagebalken an jedem Ende trug. (Spleißen heißt die innige Vereinigung der aufgefaserten Tauenden durch Flechten und Durchstecken.) Auf eine der Schalen häufte man die Ware, auf die andere die Gewichtstücke, deren eine große Auswahl zur Seite bereit stand, hauptsächlich Hundertpfundstücke. Man sagte: „Da mutt noch en Hunnert rop“ oder „en Hunnertpundsloot“, und für wägen punnen: „Hebbt ji de Ballen all punn’d?“ Auf Jost Ammans Holzschnitt aus dem sechzehnten Jahrhundert „Allegorie des Handels“ stehen bereits gegossene Gewichte in gleichmäßiger Glockenform mit kleinem Henkel neben einer Hängeschale, die der obigen Beschreibung gleicht (Steinhausen 56, Beilage 6). — Zuweilen wurde bei Ablieferung von Waren die Bedingung „Geld bi de Schaal“ vorgeschrieben, in Fällen, wo man dem Käufer nicht traute. (Es herrschte sonst der Gebrauch, daß am Tage nach Empfang Zahlung durch die Bank erfolgen mußte.) Die Rechnung wurde in solchem Falle gleich ausgestellt und war zu begleichen, bevor die Gewichtstücke heruntergenommen waren, bei hängender Schale. — Wurden die Schalen nicht gebraucht und waren sie für die Arbeit im Wege, so hakte man sie los und stellte sie beiseite, ebenso wenn man besonders große Kolli ohne Schale wog, indem man sie an Ketten direkt an den Wagebalken hängte. Jetzt sieht man diese Wägevorrichtung fast gar nicht mehr, da meistens Dezimalwagen angewendet werden, die sich leicht überallhin versetzen lassen. Nur in einzelnen Betrieben, wo es auf besonders genaues Gewicht ankommt, z. B. beim Butterhandel, findet man noch die Bummelschale.
Zum Weiterbewegen von Waren innerhalb des Lagers benutzte man die Kaar oder Spikerkaar, bestehend aus zwei miteinander verbundenen langen Hebelarmen mit löffelförmigem Eisen am unteren Ende, woran zwei kleine Eisenräder befestigt waren. Mit ihrer Hülfe schaffte man auch Kolli über die Brügg auf den Wagen; das war eine breite Planke aus Holzbohlen mit einer Klammer, die auf dessen Bordwand paßte. Fässer rollte man auf der Striekledder hinüber (zuweilen, aber seltener, auch Schroodledder genannt), einer Leiter ohne Sprossen, bestehend aus zwei Bäumen, die oben und unten durch Klammern aus Holz oder Eisen zusammengehalten wurden. Sie diente auch, um Fässer über Treppenstufen zu befördern. — Galt es besonders schwere Kolli von der Stelle zu rücken, so benutzte man den Kohfoot, eine dicke meterlange Eisenstange, vorn umgebogen und gespalten. Mußten gewichtige Kisten behufs Weiterbewegung angepackt werden, so diente dazu der Handhaken, für dicke Säcke der kleinere Griper. An sonstigem Gerät fand sich zunächst der Snitzer, ein kantig geschliffenes Messer, womit man in Holzbänder, die dabei in der linken Hand und unterm Arm ruhten, länglich viereckige Ausschnitte, Schränke oder Slott, kerbte. Wurden diese dann ineinander gehakt, so war der feste Reifen gebildet, den man mittels des Drivholts oder Fuustholts, eines hölzernen Treibkeils, und des Deessels auf das Faß trieb. (Früher hieß es die Deessel, jetzt hört man durchweg der Deessel.) Man benutzte dieses beilförmige Werkzeug auch zum Ausdeesseln von Fässern und beim Verspunden derselben, um das überflüssige Holz des Spundes und die Spundlappen zu entfernen, sowie den Häringsdeessel, von länglicher Form, um Häringstonnen zu öffnen. — Galt es, isern Bann (Eisenreifen) auf Fässern zu treiben, so diente das Drievisen oder die Setz, ein eiserner Treibkeil, und der Setzhamer. — Ein kurzes Brecheisen, de Resiensnadel, vorn umgebogen und gespalten, wurde angewendet, um fest gepackte Waren aus ihrer Verbindung zu lockern, Fässer zu öffnen, Deckel der Kisten zu lösen, Nägel zu ziehen und die Inbann loszubrechen, Holzbänder, die zur Sicherung der Böden in die Krösen der Fässer genagelt waren.
Zur Entnahme trockener Proben hatte man den Löper, eine an beiden Seiten offene Metallhülse, deren spitzer zulaufendes Ende man in den Sack stieß, um aus dem anderen die Probe schlank in einen untergehaltenen Beutel laufen zu sehen. Es gab deren verschiedene Arten. Solche mit ganz spitz zulaufender Öffnung dienten für Zucker, Reis, Saaten usw. Man konnte dann das entstandene kleine Loch durch Zusammenziehen der Fäden wieder dichten. Für Kaffee mußte die Öffnung natürlich weiter sein, wieder andere benutzte man bei mehlförmigen Waren. Für Flüssigkeiten diente der Steker, Provensteker, auch Suger genannt, ein Stechheber, der angesogen und, wenn gefüllt, durch den Daumen oben geschlossen wurde. Butterproben zog man mittels des Botterisens, einer eisernen Hülse, deren eine Seite offen war. — Um alte Marken wegzukratzen, nahm man die Schaav zur Hand, für Kisten ein gebogenes Schabeisen mit zwei Holzgriffen, für Fässer ein dreieckiges flaches Eisen, in dessen Mitte ein Holzstiel eingelassen war. — Als Behälter für allerhand Smeerkram fand sich in irgend einer Ecke die Sappskeek (Sapp ist Saft, mit der Nebenbedeutung schmierig). — Waren Säcke auszubessern, so diente dazu das Neihgaarn oder Drahtneihgaarn (starker Bindfaden, Dreedraht oder Veerdraht, je nach der Zusammensetzung) sowie eine dreikantige Nadel, meistens aber, besonders für dicke Rappertsakken (engl. wrapper), die Sninadel mit scharfer Schneide, die besser durchging und womit der Faden gleich abgeschnitten werden konnte. — Die meisten dieser Gebrauchsgegenstände werden, beiläufig bemerkt, noch heute angewendet, indessen benutzt man auch vielfach schon Werkzeug nach amerikanischer Art, das gleichzeitig verschiedenen Zwecken dient.
Über die vorkommenden Packungen der Waren, wie sie die Fremde liefert (Seronen, Gonjes usw.), ist wenig von Interesse zu melden. Im Fruchthandel gibt es Siffen, Körbe für etwa 23 Pfund Äpfel, und Hamper für 120 Pfund. Kreet oder Kreets (zuweilen in der Mehrzahl Kreetsen genannt), ist eine lattenförmige Umhüllung für Glaswaren und manche andere Gegenstände. Sie wird auch wohl aus Hasel-, Weiden- oder knorrigem Eichenholz geflochten und genagelt. Solche Kreets sind zum großen Leidwesen der Speicherarbeiter nach der Leerung nicht einmal als Feuerungsholz zu verwenden. Laut Doornkaat wird mit Kreet auch der Wagenkorb aus Latten und Sparren bezeichnet, der zum Heufahren früher allgemein gebräuchlich war. Die zylinderförmigen leinenumhüllten Kanehlpacken heißen Fardehl (span. fardillo). Eine der zahlreichen stehenden Redewendungen lautet: „Ick sall bi di en fideles Kameel empfangen“ (statt ein Fardehl Kanehl).
Im Speicher waren Mäuse häufige Gäste. Es wurden daher immer Katzen gehalten oder vielmehr Kater. Ein Loch unten in der Tür des Erdgeschosses gestattete ihnen den Weg ins Freie, um etwa auf dem Hofe einen Spatzen zu belauern oder zur richtigen Stunde bei einer gutherzigen Fischfrau das Leibgericht zu erbetteln. Selbst auf solchen Speichern, wo ausschließlich Waren lagerten, die für Nager kein Interesse boten, pflegte ein Kater niemals zu fehlen; der gehörte einmal dazu. Man bewahrte die guten Tiere schonend vor jeder Leidenschaft. Hin und wieder nagelte man auch wohl an irgendeinem Balken fest, was sie zu diesem Zweck eingebüßt hatten und glaubte sie dadurch ihr lebelang an den Speicher zu fesseln. — Auch Ratten verirrten sich häufig auf die Lagerböden. Man behauptet mit Bestimmtheit, daß sie an den Mauern emporgeklommen seien, wenn sie besondere Leckerbissen, z. B. Walnüsse, witterten. War das Fallreep hängen geblieben, ein Strick, an dem der Ewerführer nach beendeter Arbeit in den Speicher kletterte, so diente es auch oft den Ratten für ihre Besuche. Zum Wegfangen ihrer Jungen stellte man die Rottenheck auf, ein Gerüst mit Zellen, worin sie ihre Brut ablegten.
Alleinherrscher im alten Kaufmannsspeicher war der Huusküper, meistens wirklich ein gelernter Küper (Böttcher). In älterer Zeit kannte man als Packungen für die Waren, neben geschnürten Ballen, vorzugsweise Fässer oder Tonnen (Nirrnheim LXXIX., Steinhausen: Abbildungen 53, 54 und Beilage 6 und 11), wie auch in einem Lehrbuche des angehenden Kaufmanns vom Jahre 1715 (Steinhausen 105) die Überwachung des Zeichnens von Ballen und Fässern dem Lehrling als eine seiner Arbeiten vorgeschrieben wird. Von Kisten ist nie, von Säcken nur selten die Rede. Alles mögliche wurde in den Fässern zusammen verpackt, z. B. um 1380 dreizehn Schinken, eine Hoyke (Mantel) und zwei Stücke „Schlagdokes“, wollene Decken, die zum Einwickeln von Tuch gedient hatten (Nirrnheim I. 652 und LXIV.). Es war somit notwendig, daß der Hausküper mit der Herstellung sowie dem Packen und Auspacken von Fässern genau vertraut war. Im allgemeinen war nur das Lager sein Bereich, aber in kleineren Betrieben besorgte er auch wohl allerlei Arbeiten für den Haushalt, klopfte Zeug und wichste Stiefel, schöpfte Wasser zum Scheuern und Waschen aus dem Fleet, besorgte Wege fürs Kontor, fütterte die Katzen mit Panzen (Magen) und war ein großer Freund der Kinder vom Hause. Durchweg trug er ledernes Schurzfell mit Leibriemen, an dem vorn eine kleine Messingtonne als Schild prangte. Im Winter sah man ihn vielfach in pelzbesetzter Mütze mit Quaste, als Zeichen seines Amtes, wie er zu sagen pflegte. (Vgl. Hertz 33 f.)
Der Hausküper hörte es gern, wenn man ihn „Koptein“ anredete, indessen bestreiten ihm die „Quartiersleute“ das Recht auf diesen Titel: ausschließlich ihnen gebühre solcher, da sie unabhängig daständen, während der Hausküper nur ein auf Kündigung Angestellter sei. Im Besitz der Schlüssel war dieser für alles verantwortlich, auch für die Arbeidslüd’, die gegen festen Wochenlohn unter ihm tätig waren, wie für Gelegenheitshülfe, die er im Tagelohn annahm. Solch’ vorübergehende Arbeit hieß eine Hüür im Gegensatz zu Bahntje für feste Anstellung. Der Hausküper sorgte für das Aufbringen, Einwägen und zweckmäßige Wegstauen der Waren, für Marken und Ummarken der Kolli sowie für ihre Ablieferung, weiter für rechtzeitiges Umstapeln von Sachen, die dem Verderb unterlagen, kurz für alles, was der Lagerbetrieb erheischen mochte. Nebenbei entwickelte er eine staunenerregende Warenkenntnis bei Empfang und Ablieferung. — War es erforderlich, so erschien er wohl gelegentlich bei seinem Geschäftsherrn an der Börse, sonst jedenfalls abends regelmäßig am Kontor, um dort Rechenschaft abzulegen und neue Vorschriften entgegenzunehmen. Das Gewichtbook, das er dabei überbrachte, war in großen Betrieben in verschiedenfarbigen Einbänden vorhanden, etwa in gelb für eingehende und in blau für abgelieferte Partien. Von jedem hatte man zwei Exemplare, wovon eins bis zum nächsten Abend am Kontor verblieb, um danach Rechnungen auszustellen oder einlaufende zu prüfen, das andere inzwischen zur Benutzung auf dem Speicher.