Gab es Arbeit, die der Hausküper nicht mit den eigenen Leuten bewältigen konnte, so holte er sich weitere Kräfte von de Lüd’ von de Eck. Das waren nicht etwa Gelegenheitsarbeiter in Art der berühmten „Löwen von’n Hoppenmark“, die nur gelegentlich Obstkörbe aus den Ewern auf den Markt schleppten und sich hauptsächlich von Schnaps ernährten, sondern sie mußten ehrbare Hamburger Bürger sein und entsprechend dem Vertrauen, das man in sie setzte, streng auf Standesehre halten. Keineswegs konnte sich jeder beliebig zu ihnen gesellen. Er mußte guten Leumund besitzen und in aller Form um seine Aufnahme ersuchen. War solche zugestanden, so wurde er ins Buch eingetragen, das jede „Ecke“ führte, nachdem er „en Daler oder twe as Inspringelgeld“ erlegt hatte. Der Hausküper war, um solche Spikerarbeiders oder Spikerlüd’ anzuwerben, je nach der Lage seines Speichers auf eine bestimmte Ecke angewiesen; erst wenn hier niemand zu finden war, durfte er sich weiter umsehen. Die „Ecken“ hatten ihre festen Bezeichnungen: de Englännereck (Katharinenstraße), de Wandrahmseck, de Pickeck (Rödingsmarkt-Steintwiete) usw. und standen in Verbindung mit einer Köhminsel, einer bestimmten Destillation (Schnaps- und Bierausschank), wo der Hausküper zunächst einzukehren hatte, wenn er an der Ecke keine Leute antraf. Bei diesem Kröger war den Lüd’ von de Eck’ das Recht eingeräumt, statt einzelner Schnäpse zum Sechsling (3¾ Pf.) das Glas, eine Flasche für drei Schilling (22½ Pf.) zu erstehen und in einem Hinterzimmer zu vertilgen. Traf der Hausküper sie gerade bei einer frischen Pulle an oder wurde eine solche auf dem Speicher „ausgegeben“, so gebührte ihm der erste Schluck. „Een’n utgeven“ kam auf dem Lager nicht selten vor, sei es daß der Geschäftsherr sich blicken ließ oder daß Makler, Agenten oder Käufer dort zu tun hatten. Als zarter Wink mit’n Lüchtenpahl diente dann wohl: „Is mal dröge Luft“ oder „dat stöft hier bannig“. War sonst niemand da, den man um Getränk ansprechen konnte, so meinte wohl einer der Arbeiter: „Wöhlt wi nich en Lütten passen?“ d. h. es sollte zusammengeschossen werden, um Alkohol anzuschaffen. Kam dann gerade ein junger Mann vom Kontor darüber zu, so erwartete man, daß er sich in hervorragender Weise beteiligte. Dafür durfte er den ersten Schluck aus dem Glase tun, das nachher die Reihe herum ging. — Es wurde früher recht häufig getrunken, wenn auch nicht viel zur Zeit. Bei Ablieferung von Waren hatte der empfangende Hausküper oder Quartiersmann, wenn es sich nicht um ganz kleine Partien handelte, den Arbeitern gleichfalls einen auszugeben, und zwar wurde dies op de halven beansprucht, d. h. wenn die Hälfte der Partie abgeliefert war. Morgens vor 8 Uhr wurde „en Sweizer“ für das Geld geholt, nach 8 Uhr Kümmel und Flaschenbier. Der Verwalter des Getränks wurde Buddelör genannt. Das gewöhnliche Schnapsgemisch war Köhm un Grön d. i. Kümmel und Wermut. Beim Sweizer kam noch Pfeffermünz hinzu. „Lat uns mal en lüttje Sweizerreis’ maken!“ hieß es wohl. Besonders geschätzt war das Helmerssche Erzeugnis; daher: „Hal mal een von Helmers sien!“ oder „Dat ’s woll Helmers sien?“ (mit Anklang an Hennessy). Die Höhe des betreffenden Trinkgeldes, das zuweilen auch je zur Hälfte vom Ablieferer und Empfänger getragen wurde, richtete sich ungefähr nach der Größe der abgelieferten Partie. Man rechnete z. B. bei 50 Sack Kaffee vier Schilling (30 Pf.), bei 100 Sack das Doppelte. — Wollte man Köhm un Beer in einer Wirtschaft genießen, so forderte man „Lütt un lütt“, d. h. en lütt Glas Köhm un en lütt Glas Beer. Das kostete zusammen einen Schilling (7½ Pf.). Es gibt noch heute viele Wirtschaften, wo je 2 Glas Lütt un Lütt für 15 Pf. geliefert werden. War man dann gemütlich im Schnacken, so hieß es bald: „Op een Been kann man nich stahn!“ Solcher Redensarten, die sich natürlich nicht auf die Speicherarbeiter beschränken, ließen sich noch manche sammeln. „Eenmal vergebens un denn mit alle Mann“ rief man bei einer Arbeit, wo alle Kräfte anzuspannen waren. Wollte man eine Arbeit aufgeben, so hieß es: „Lat uns man in’n Sack hauen!“ Stand einer müßig herum, so sagte man wohl: „Breek di man nich de Hann’ in de Tasch af“ oder man fragte: „Na, puulst in’e Nees?“ und erhielt vielleicht zur Antwort: „Djä, ick kann mi mit’n lütt Stück Arbeit lang behelpen“. Ein dritter meinte dann dazu: „Worto hett man denn de Been, as um de Arbeit ut’n Weg to gahn.“ Allerhand Ökelnamen für andere Beschäftigungen gibt es auch. Rümdriewer heißt der Böttcher, weil er beim Antreiben der Bänder ums Faß eilt. Daher auch: „He löppt as so’n Fattbinner“ (Korr. Bl. 23,57 u. 33,43). Die Zollbeamten nennt man Tollmus’kanten, Grashüpper und Grönröck, die Kontoristen Fedderveeh und Kantorknüppel, den jungen Kommis, der Muster entnahm, Provenrieder usw.

Solange sie unbeschäftigt waren, trugen die Lüd’ von de Eck sauberen dunklen Anzug, Schurzfell und schwarzen Zylinder. Waren sie für Arbeit angenommen, so legten sie hohen Hut, Jacke und Schurzfell ab und zogen zum Schutz gegen Staub eine wollene oder baumwollene Mütze, die „Mudder“ aus alten Stoffresten angefertigt hatte, die Klottje, Über den Schädel, sowie ein Busseruuntje, eine Art Bluse, als Arbeitsgewand über den Oberkörper. (Klottje aus dem französischen calotte, gleich Käppchen.) Zu Busseruuntje erklärt Schütze, daß diese Bezeichnung aus dem Holländischen stamme und gleichbedeutend mit Schanslöper sei. (Vergl. Goedel 57.) Vorn über den Leib kam außerdem die Hälfte eines alten Kaffeesackes, die durch Bänder auf dem Rücken befestigt war. Der Hausküper war vornehmer, er trug bei der Arbeit die Hälfte eines weißen Saatsackes ohne Naht, der dann jeden Sonnabend in die Wäsche kam.

Die obige, etwas flüchtig hingeworfene Skizze aus meiner Sammlung entstammt den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und zeigt einige Lüd’ von de Eck in der damaligen Tracht. Der Zeichner, W. Lühring, war damals bei der hiesigen Häutefirma George Maltz u. Co. als Handlungsdiener tätig. — Man beachte, daß der Schuster sowohl wie die Person im hohen Hut (vielleicht ein Quartiersmann) kurze Kalkpfeifen rauchen, deren man 8 Stück für einen Schilling erhielt.

In ähnlicher Weise wie bisher berichtet ging im Speicherbetrieb alles streng nach genauer Ordnung vor sich. Beim Aufwinden von Waren galt z. B. der feste Satz von 80 Pfund Leistung auf den Mann, wenn sie den ganzen Tag zu arbeiten hatten; sonst konnten sie es auch bis zu 300 Pfund bringen. Ebenso behielt jeder mit seinen Händen den Platz am Windetau, den Löpers, den er zu Anfang eingenommen hatte. Diese Löpers, zwei starke Taue ohne Ende, liefen durch Löcher im Fußboden durch alle Stockwerke des Speichers und dienten dazu, eine Holzrolle auf dem Spitzböhn in Umschwung zu bringen, auf der sich das starke Tragetau, der Dreger, auf- oder abwickelte. Zu solchem Zwecke hatte diese Welle, der Winnbohm oder Wellbohm, an beiden Enden Rööd, Wellräder, deren Kranz mit Doppelzacken versehen war, in die die Löpers sich klemmten. Das Ende des Dregers war über den außen hohlen Rand der Kausch gespleißt, ein Eisenring, in dem der eiserne Haken hing. (Kausch heißt auf der Elbinsel Finkenwärder das Segelöhr.) Über den Haken hinweg wallte das aufgerebbelte Ende des Dregers, der P’rükenkopp, der dazu diente, die Feuchtigkeit ablaufen zu lassen. Außerdem ermittelte man gelegentlich, ob dies äußerste Stück des Dregers noch haltbar sei, indem man einzelne Strähne des P’rükenkopps auf ihre Widerstandsfähigkeit prüfte. Zeigten sie sich mürbe, so wurde ein Stück des Dregers weggeschnitten und das neue Ende wieder Über die Kausch gespleißt.

Als Zurufe bei der Arbeit des Auf- und Abwindens herrschten hergebrachte Ausdrücke. Der Hausküper, oder, wenn er sich vertreten ließ, der Lukenvice, rief den an den Löpers angestellten Arbeitern von der Luke aus seine Anordnungen zu. War unten in der Schute die Ware am Haken befestigt (anslahn), so hieß es: „Sso, winn’ op!“ oder „Hüüs’ op!“ (vergl. hissen, heißen, z. B. der Flagge), auch wohl „Hiev op!“ (an Schiffsbord: „Anker hieven“). Hatte die Last seine Luke erreicht, so rief er „Haaah“ (helles a wie in Rabe), worauf die Löpers über den Knaggen geworfen werden mußten, damit infolge vergrößerter Reibung je ein Mann die Last schwebend erhalten konnte, während die übrigen sich mit an die Luke begaben, um sie hereinzuziehen. Der Knaggen, auch Achtersmiter oder Hemmhaken genannt, war ein am Pfeiler neben den Löpers befestigtes starkes Brett, meistens Buchsbaumholz, woraus man ein länglich rundes Stück weggeschnitten hatte. In die entstandene Höhlung paßten die Löpers. Fand man einen kräftigen Baumast, der sich für den Zweck eignete, so nahm man ihn noch lieber. Innerhalb der mit Haspelwinde versehenen alten Kaufmannshäuser vertraten häufig zwei eiserne Wandhaken nebeneinander die Stelle des Knaggens. War nur ein einziger vorhanden, so wurden die Löpers zweimal hinübergeworfen, weil sonst an den glatten Eisen nicht genügend Reibung entstanden wäre. Dies brachte indessen starke Abnutzung des Windetaues mit sich. — Beim Rufe „Striek wat!“ wurde das Hereinziehen der Last durch Nachgeben der Löpers ermöglicht, bei „Los!“ ließ man diese fahren. (Strieken ist ein altes Wort mit großer Zahl von Bedeutungen; hier „nachlassen“, „nachgeben“. Wenn die hochdeutsche Sprache sich mehr um ihre ebenbürtige niederdeutsche Schwester bekümmern wollte, hätten wir statt des Streiks den „Striek“ gehabt, also ein gut deutsches Wort.) — War der Haken befreit, so mußten die Löpers auf „Sla los!“ oder „Smiet los!“ vom Knaggen herabgehoben werden, um den Dreger in kräftigen Zügen wieder nach unten zu befördern. Die Läng’ oder Längde wurde zu neuer Verwendung hinterhergeworfen, nachdem der Mann in der Schute gewarnt worden war, sich nicht vom Platz zu rühren, durch „Fast dar nerrn!“ oder „Waarscho!“ oder „Ünnerruut!“ und geantwortet hatte: „Smiet!“ (Nerrn, früher nedden — unten, Waarscho = Acht geben. Wenn Goedel im Quickbornbuch 9 S. 19 meldet, dies Wort sei in Kiel von der Marine wieder in den Sprachschatz der Stadtbevölkerung übergegangen, so kann ich dem gegenüber feststellen, daß es in Hamburg nie außer Übung gekommen ist.) Inzwischen wurden Kisten oder Säcke aus dem Wege geräumt, um für die nächste Ankunft Platz zu haben. Wurden sie später aufgestapelt, so lautete das Kommando: „Hoch op!“, „Höger rop!“ und „Hoch!“, je nachdem Knie- oder Ellbogenhöhe oder endlich volle Höhe erreicht war. — Zu Läng’ ist zu bemerken, daß dies ein zusammengespleißtes Hanftau ohne Ende war, das man niederlegte, um darauf eine Anzahl Säcke oder Kisten aufzubauen. Dann wurde die Schlinge des längeren Endes durch die kürzere gezogen, diese fest heruntergedrückt und die längere in den Haken gehängt. Hatte das Aufwinden begonnen, so mußte das kurze Ende noch weiter niedergepreßt werden, damit die Ware nicht herausschießen konnte. Ein Ewerführer, der eine Hieve Rosinen in Säcken vielleicht nicht fest genug eingeschlagen hatte, sah sie herabstürzen, bevor sie die Luke erreicht hatte, konnte aber noch rechtzeitig beiseite springen und rief dann in gut gespielter Entrüstung hinauf: „Hett jo gar keen Sinn, dat ick dat inwickel, wenn ji dat wedder dalsmiet!“ — Für schwere Lasten benutzte man eine kürzere und dickere Läng’, die Stropp, für Fässer Hakens, an einer Kette ohne Ende hängende gekrümmte Eisen, für Kisten, die es vertragen konnten, Düvelsklauen, je ein starkes gekrümmtes Doppeleisen an den Enden einer Kette.

Die Ausrufe galten mehr der Aufmerksamkeit des Ewerführers, als den Leuten an der Winde, wenn eine Ware hinabgelassen werden sollte. War sie zunächst handbreit aufgewunden, so hieß es: „Achter!“ (Achtärr) oder „Maak fast!“ oder „Smiet achter!“ damit die Löpers über den Knaggen geworfen wurden. Die Ware wurde nun zur Luke hinausgeschoben und schwebte frei. Auf „Striek wat!“ dann „Lat reisen!“ oder „Los lat fallen!“ auch wohl „Los lat strieken!“ ließ man dann die Löpers durch die Hände gleiten, die durch Sackleinen geschützt waren, während der Knaggen durch die Reibung genügend hemmte, um die Last immer in der Gewalt zu behalten. Schien sie nahe dem Ziel, so mußte auf „Sinnig!“ (Sinniiich) angehalten werden, bis der Ewerführer sie nah dem Punkte hingezogen hatte, wo er sie aufzustapeln gedachte. Auf „Striek!“ oder „Los lat strieken!“ oder „Los lat scheeten!“ mußten die Löpers rasch nachgegeben werden, bei „Achterruut!“ waren sie vom Knaggen abzuheben, um den Dreger wieder aufzuwinden. Wenn wir als Jungens beim Winden helfen durften, machte die Betonung „Los lat scheetennnn!“ besonders starken Eindruck.

Die Löpers waren natürlich durch alle Böden hindurch von den Knaggen freizuhalten, wenn gewunden werden sollte. Im Sommer dehnten sie sich und schleiften dann im Raum, dem untersten Boden, während der Windearbeit in tollen Kapriolen auf dem Fußboden hin und her. Paßte man in der herrschenden Dunkelheit nicht auf, so hatte man die schönste Gelegenheit, darin verstrickt und vielleicht gar stranguliert zu werden. Die Finsternis in sämtlichen Räumen des Speichers pflegte undurchdringlich zu sein, wenn die Luken geschlossen waren, denn die aufgestapelten Waren nahmen das bißchen Tageslicht weg, das durch die Fenster Einlaß fand. Dies um so mehr, als die Speicher häufig schmal und sehr tief waren. Man hielt das der Erhaltung der Waren zuträglicher, als wenn Licht und Luft Zutritt hatten, auch konnte man häufig feststellen, daß die Partien das Gewicht, das sie vielleicht während der Reise eingebüßt hatten, bei längerer Lagerung wiedergewannen. Aus diesem Grunde schüttelte manch alter Praktiker den Kopf, als er die größere Breite und viel geringere Tiefe sah, die man den neuen Speichern im Freihafen gegeben hatte. — Mußte man auf dem Speicher eine Ware ansehen, so pflegte der führende Arbeiter, der auch im Dunkeln Schritt und Tritt kannte, einem oftmals die Hand zu reichen, damit man sich durchwinden konnte.

Der größte Teil der Ausrufe, die ich hier wiedergegeben habe, fällt bei den elektrischen oder hydraulischen Winden der Neuzeit fort und wird durch Handbewegungen ersetzt. Erwähnt mag bei dieser Gelegenheit noch werden, daß schon um 1865 der Versuch gemacht wurde, die mühselige Handarbeit beim Aufwinden der Kaufmannsgüter durch eine Dampfwinde zu ersetzen, die man in der Schute aufstellte. Es erhob sich aber so lebhafter Widerspruch seitens der Arbeiter gegen eine solche Neuerung, die ihnen das Brot nehmen würde, daß man bald hiervon zurückkam.

Nach beendeter Arbeit wurde der Dreger bis an den Utlegger aufgewunden, eine am Giebel angebrachte Vorrichtung mit einer Rolle aus Pockholz oder Eisen, später aus Gelbmetall, die Schiev, über die der Dreger lief. Geschützt war der Utlegger durch den Winn’kasten, auch Galgen genannt, einen unten offenen Holzkasten. An den Haken war zuvor ein dünnes Tau geschlungen, die Fanglien, die neben der untersten Luke befestigt war und sein Herabziehen zu neuer Benutzung ermöglichte. Zuweilen war noch am äußersten Ende des Winn’kastens ein Haken angebracht, an den man Schiev un Tau hängen konnte, um leere Kisten, Körbe oder Säcke aufzunehmen, wozu es dann nur eines Mannes bedurfte.