Wovon sollte sie träumen? Konnte sie mit ihren achtunddreißig Jahren überhaupt noch träumen? Sie ein Verstandesmensch? Sie, die das Denken über das Fühlen stellte!

Wo suchte sie ihr Glück?

In der Arbeit.

Nein — nein — das ist nicht wahr — die Arbeit allein, sie brachte nicht das Glück.

Ihrer Kunst, ihrem großen Ziele hatte sie sich hingegeben mit Eifer und Glut, alles andere von sich gewiesen. Die hohe Aufgabe, die sie sich gestellt, hatte sie ganz erfüllt, und der Erfolg, sich als tüchtige, gefeierte Bildhauerin zu sehen, hatte ihr große Befriedigung gebracht — und doch, und doch dieses Verlangen — wonach? Wie kam es, daß sie oft ein Gefühl ängstlichen, ungestillten Sehnens schmerzlich erfaßte, ein Gefühl der Leere, des Bangens sie beschlich?

War dieses, durch Arbeit und Erfolg im Beruf glücklich sein, nicht ein kühles Verstandesglück, das mit dem eigentlichen Glück gar nichts gemein hat?

Was fehlte ihrem Leben? — — —

Sie lebte ein Leben ohne Liebe, das war es — ein verfehltes Leben für eine Frau.

Ihr war das Schicksal etwas schuldig geblieben — noch konnte sie fordern — oder — —

Sie sprang empor und lief zum Spiegel. Noch war sie nicht alt, aber schon im Stadium unbarmherzigen Welkens, jenes frühen Welkens, das in einem Verlöschen aller Farben, in einem Rücktritt jeglicher Frische besteht. Nie hatte sie etwas für ihren Körper, für ihren Teint getan. Das glatt gebürstete, im Nacken zu einem Knoten zusammengedrehte Haar gab ihrem Antlitz einen strengen, scharfen Ausdruck, machte sie älter, als sie in Wirklichkeit war. Wenn es nach Liebe war, wonach sie hungerte, wie kam es, daß keiner von denen, die sich ihr genaht, ihr Liebe eingeflößt hatte? Keiner ihr Herz angezogen, ihre Sinne in Wallung gebracht?