Vor den Auslagen des K. d. W. stand Gerda von Wangenheim und studierte eine grasgrüne Gesellschaftstoilette. Ein herrliches Kleid für ihr Konzert wäre dies! Sie seufzte. Unerschwinglich. Mit Schaudern dachte sie an die Vorwürfe ihrer Mutter. Immer nur Geldkosten! Keine Aussicht auf Einnahme! Du mußt sparen, mußt dich bescheiden! Weiter bekam sie nichts zu hören.
Der Vater war lieb und gut zu ihr gewesen. Hatte sie nur einmal in sein Zimmer genommen und sie gefragt, ob sie nun bald auf Einnahmen rechnen könne, denn lange — lange reichte es nicht mehr aus. Da hatte sie ihn liebevoll umhalst und ihm gedankt und gesagt: ›Noch diesen Winter werde ich mit Stundengeben anfangen. Es wird nicht viel sein, aber der Anfang ist dann gemacht. Ich habe viel Beziehungen angeknüpft, man wird mir helfen. Nur mein erstes Konzert, lieber, guter Papa, das kostet noch, aber dann — du mußt an mich, an meine Kunst glauben. Es wird schon kommen, dann zahle ich alles zurück, dann soll das alles den Geschwistern zugute kommen.‹ Da hatte er gelächelt und geantwortet: ›Ich habe immer an dich geglaubt, Gerda.‹
Geld verdienen! Stunden geben! Sie schauderte, wenn sie an dieses, ihr Versprechen, dachte. Wer sollte Stunde nehmen, bei ihr, der jungen, unbekannten Anfängerin? Wieviel Schüler müßte sie haben und welches Honorar müßte sie verlangen, um auf eigenen Füßen stehen zu können?
Das Leben in Berlin kostet Geld. Selbst in zwei, drei Jahren würde sie nicht soviel verdienen können, wie sie brauchte, oder aber — es geschähe ein Wunder. Um vorwärts zu kommen, gebrauchte sie den Luxus, es ging nun einmal nicht anders. Würde sie bescheiden auftreten, würde sie beiseite gestellt und vergessen werden.
Das grüne Kleid! Wie herrlich es zu ihrem Haar stehen würde! Man könnte es von einer Schneiderin nacharbeiten lassen.
»So in die Modenschau vertieft, gnädiges Fräulein?«
Sie wandte sich um. »Herr Winkelmann! Nein, wie sich doch alles wieder zusammenfindet.«
»Die Motten umschwirren das Licht.«
»Nehmen Sie nun sich als Motte und bin ich das Licht? Oder meinen Sie damit den Schwarm, der die Großstadtluft atmet?«
»Eigentlich meine ich beides. Wie die Insekten blindlings dem Lichte nachziehen, ob es ihnen auch Tod und Verderben bereitet — so zieht uns, die Weltkinder, immer und immer wieder die Großstadt in ihren Strudel hinein. Und ich — mein gnädiges Fräulein — ich kenne mein Schicksal nicht, aber ich weiß, daß ich dem Feuer, das mir leuchtet —« und er warf einen bezeichnenden Blick auf die Fülle ihres Haares — »folgen muß in Tod und Verderben oder in Seligkeit und Glück.«