Die Sommerferien hatte Ebba mit Lukas und Inge im Thüringer Wald verbracht. Sie hatten einen kleinen, von der großen Masse wenig besuchten Flecken zum Aufenthalt gewählt. Hatten lange Spaziergänge gemacht und waren erfrischt an Leib und Seele nach Berlin zurückgekehrt. Namentlich Lukas Seele war erstarkt. Er hatte im Umgang mit der klaren und ruhigen Frau sein erschüttertes Gleichgewicht wiedergefunden. Thea war ausgestrichen aus seinem Herzen, sein Leben, seine Ziele, waren andere geworden. Mit aller Zärtlichkeit, deren seine müde Seele fähig war, hatte er sich an Inge geklammert, die überglücklich ihre Liebe zwischen Vater und Tante verteilte. Es waren schöne, ruhige Tage gewesen, die sie zusammen verbracht, und mit Traurigkeit und Bangen vor dem Getriebe und der Hetzjagd der Weltstadt hatten sie ihre Heimreise angetreten. Die Trennung von Inge wurde Ebba schwer. Sie hatte sich so wohl gefühlt in ihrer Mutterrolle. Ihr Leben war von Sorge um die beiden Menschen so ausgefüllt, daß sie Angst hatte vor der Einsamkeit, und bange war, sich pflichtenlos zu fühlen.
Auch Inge standen die Tränen in den Augen, und sie hatte gejammert, jetzt ohne ihr ›Muttchen‹ sein zu müssen. — — —
Nun saßen sie seit Wochen wieder daheim. Ebba und Inge sahen sich täglich, denn ohne Tante Ebba konnte Inge nicht mehr leben, das wollte sie beschwören. Und gestern endlich war sie mit einem Vorschlag herausgerückt. »Du weißt doch, daß wir die große Wohnung aufgeben, Tante Ebba? Papa und ich allein in den vielen Gesellschaftsräumen — es ist schaurig in der großen, toten Wohnung. Und das Geld — du weißt ja, Papa will sparen. Wir haben uns schon Wohnungen angesehen. Eine gefällt uns sehr gut. — Aber — wir möchten gern, daß du zu uns kommst. Papa und ich haben das schon lange besprochen, aber Papa getraut sich nicht, dich darum zu bitten. Aber ich — ich habe mehr Mut, und mir — kannst du doch nichts abschlagen. Nicht wahr — du tust es doch?«
Ebba zog das junge, im Eifer seiner Rede erglühte Mädchen an ihre Brust. »Wenn du so genau weißt, daß ich dir nichts abschlagen kann, so bleibt mir doch gar nichts anderes übrig, Liebling.«
»Siehst du, siehst du, ich hatte recht, wir haben gewettet, Papa und ich. Papa sagte nämlich: ›Sie wird sich besinnen,‹ und ich sagte: ›Sie tat es ohne Besinnen!‹«
»So sicher warst du deiner Sache?«
Sie nickte.
»Inge,« Ebba nahm den Kopf des jungen Mädchens in ihre Hände und sah liebevoll in ihre Augen — »erinnerst du dich unserer ersten Unterhaltung? Weißt du, daß wir miteinander kämpfen wollten? Ich, die Unmoderne, mit dir, der ›ganz Modernen‹, wie du dich ausdrücktest. Du wolltest mich zu dir hinüberziehen, und ich wollte dich zur Überwindung deiner Schwächen bringen. Wer hat nun eigentlich gesiegt?«
»Du, Tante Ebba — denn du bist so geblieben wie du warst, und ich schäme mich, wenn ich an all das dumme Zeug denke, das ich im Kopfe getragen. Modern und unmodern, ist ja auch alles Unsinn — weißt du, man sollte zuerst Mensch sein — und das bist du — ein prächtiger Mensch. Ich aber — du, Muttchen —« und sie versteckte ihren Kopf an Ebbas Schulter — »ich habe gefunden, daß es sich mit Menschen, die ein Herz in der Brust haben, doch viel, viel besser leben läßt.« —