16. bis 20. Tausend

Wilhelm Borngräber Verlag Berlin

Alle Rechte, auch das
der Übersetzung, vom
Verleger gewahrt.

In dem eleganten kleinen Teeraum der Pension Mohrmann lag Miß Webb tief in einen der bequemen Sessel geschmiegt, rauchte ihre Zigarette und gab ihrem Erstaunen über Deutschland im allgemeinen und Berlin im besonderen Ausdruck.

»Oh, ich muß Ihnen sagen, Miß Wunsch, daß ich sehr erstaunt bin über alles, was ich hier in Deutschland sehe. Ich habe immer gehört, die deutsche Frau ist nicht elegant und versteht sich nicht zu kleiden. Sie ist nur Hausfrau, hat viele Kinder, kocht, wäscht und besorgt im Haushalt alles selbst. Und nun sehe ich, daß es ganz anders ist. Die deutsche Frau ist eine elegante Dame. Sie kleidet sich nach der Mode, hat Schick und versteht zu flirten. O nein, ich finde die ›Deutsche Hausfrau‹ nicht.«

Lachend warf die der Sprecherin gegenübersitzende Lotte Wunsch den Rest ihrer Zigarette in den Aschenbecher, schlürfte langsam ihren Tee und erwiderte spöttisch: »Auf Ihren Wegen werden Sie auch die deutsche Hausfrau schwerlich finden, Miß Webb.«

»Ich bin sicher, daß es einige gibt. Aber was will das sagen im Vergleich zu den vielen?«

»Geht man nachmittags zum five o’clock tea, man trifft viele Damen, Frauen, die Haus und Kinder haben. Abends in den Restaurants, alles Familien! Ich sehe, es ist nicht richtig mit Ihren drei K — Kirche, Küche, Kinder — ich finde, man amüsiert sich sehr viel bei Ihnen.«

»Man arbeitet aber auch bei uns.«

»Das ist wahr. Ich habe es bemerkt. Die Herren bei Ihnen arbeiten viel, beinahe so viel wie bei uns. Es gibt viele Frauen in Deutschland, die einen Beruf haben und die sich ihren Lebensunterhalt verdienen. Das imponiert mir sehr. Aber Zeit für Amüsement haben sie trotzdem. Oh, ich denke lange in Berlin zu bleiben to amuse myself.« Miß Webb zündete sich eine neue Zigarette an, warf den Kopf weit zurück, schlug die Beine übereinander, daß die schlanken, in spinnwebfeinen schwarzen Seidenstrümpfen steckenden Beine sichtbar wurden, und den Rauch der Zigarette in leichten Wölkchen in die Luft blasend, fragte sie: »Haben Sie auch den Schrei nach dem Kinde gehabt, Miß Wunsch?«