»Schwer wohl nur in dem Sinne, daß man sich seiner Verantwortung nicht bewußt wäre.«
»Ich empfinde umgekehrt! Das Bewußtsein meiner eigenen Verantwortlichkeit könnte mich zu Boden drücken.«
»Sie sagen wohlweislich: Könnte, Fräulein Wunsch, eine Natur wie die Ihrige kämpft mit dem Leben und zwingt das Schicksal.«
Lottes Augen flammten auf. »Sie haben recht, ich habe gekämpft, und ich werde weiter kämpfen. Ich werde das Schicksal zwingen nach meinem Willen, bin ich verantwortlich, so könnte man mich auch zur Verantwortung ziehen, etwas versäumt zu haben. Das darf nicht sein. Ich selbst bin mein Schicksal — Sie haben recht, Gehring.«
»Nein, nein, sagen Sie das nicht! Ich selbst sollte verantwortlich sein für mein verpfuschtes Leben? Das wäre eine Vorstellung, die mich zu Tode peinigen könnte.« Und Ebbas zarte weiße Hand strich nervös über die Stirn.
»Gnädige Frau, Sie sprechen von einem verpfuschten Leben und stehen erst im Anfang Ihres bewußten Lebensweges. Wie können Sie wissen, ob nicht gerade dies, das Sie verpfuscht nennen, für Ihr weiteres Leben notwendig war, ob nicht gerade dies Sie auf den Pfad gebracht hat, der zum Zweck und Ziel Ihres Lebens Ihnen bestimmt ist. Wenn man so jung ist wie Sie, darf man nicht von einem verfehlten oder verpfuschten Leben sprechen. Ihr Leben zu erfüllen steht Ihnen noch bevor. Warten Sie noch zwanzig Jahre, und dann überschauen Sie Ihren Lebensweg. Vielleicht empfinden Sie dann, daß Ihnen der Kampf mit Leid und Schmerzen zum Segen geworden und daß Sie keinen dieser Leidenstage aus Ihrem Leben streichen möchten, denn aus diesem Leid erwuchs Ihnen vielleicht, was Ihr Leben reich und glücklich machte. Hören Sie folgende Verse von Lulu von Strauß und Torney:
Sieh, auch der Schmerz ist unermeßlich reich!
Und keinen möcht ich missen und vergessen
Der Schmerzenstage, die mein Fuß durchmessen.
Sie waren schwarzen Marmorstufen gleich.