Trinken Sie, Fräulein von Wangenheim, Sie sehen wirklich nicht aus, als ob Sie zu einem Ball gehen wollten.«
»Ich muß Ihnen gestehen, daß mir etwas unbehaglich zumute ist. Wenn dies auch nicht das erste Maskenfest ist, welches ich besuche, so habe ich doch einen Schrecken vor all den fremden Menschen, die unter der Maske verborgen sind. Bei uns war man doch stets in seinem Kreise, fremde Elemente konnten nicht eindringen — aber hier — man kann nicht wissen, mit wem der Zufall einen zusammenführt.«
Lotte lachte. »Sie sind Künstlerin, Sie brauchen die Menschen und fürchten sich vor ihnen?«
»Ja, ich scheue mich, mit ihnen in Berührung zu kommen.«
»Ihnen steckt der Aristokrat im Blut. Sie werden in Ihrer Laufbahn harte Kämpfe bestehen müssen, oder aber — — — trinken Sie, Frau Ebba, auch Ihnen würde ein wenig Farbe kleidsam sein. Sie sehen beide noch viel zu blaß aus.«
Ebba, im Gewand einer Griechin, lehnte das Haupt zurück, trank und sagte: »Auch ich liebe solche Massenfeste nicht und trotzdem besuche ich sie ab und zu gern einmal, um mich an den gut gekleideten Menschen, an dem künstlerischen Rahmen, an dem ganzen Bild, das solche Feste bieten, zu erfreuen. Ich käme nicht auf den Gedanken mitzutollen, mitzumachen, nein, ich genieße als Zuschauerin.«
»Ich bin Zuschauerin, oft Durchschauerin, und mache auch mit, wenn es mir paßt und ich mir zusagende Menschen finde.« Und Lotte schenkte noch einmal die Gläser voll. »Doch nun ist es Zeit, nehmen Sie Ihre Masken zur Hand und schalten wir uns ein mit dem letzten Schluck zum fröhlichen Genießen.« — — —
Eine heiße schwere Luft schlägt ihnen entgegen, als sie den Saal betreten. Die Lampen sind mit orangefarbenen Schleiern verhängt und verbreiten ein mattopalisierendes Licht. Seide, Sammet und Spitzen rauschen und flattern in sinnverwirrenden Farben vorüber. Ketten und Spangen klirren. Perlengehänge und Steine funkeln und gleißen. Und aus all dem Gewirr tauchen Arme, weiß und kühl, locken blühende Schultern und feurig atmende Brüste. Eine Gruppe, sich an den Händen haltend, wirbelt durch den Saal, zerrt bald nach rechts, bald nach links. Sie eilen auf die drei Frauen zu und nehmen sie mit Hallo in ihre Mitte. Und nun geht der Spektakel los. Unter Johlen und Jauchzen vollführen sie einen Indianertanz um ihre Opfer. Gerda steht atemlos und klammert sich an Lotte. »Mein Gott, was sind das für Menschen!« Lotte lacht. »Junge, übermütige Künstler. Passen Sie auf, gleich werden wir aufgegriffen werden und auseinandergewirbelt.« Ein wilder Freudensprung, begleitet von ohrenzerreißendem Aufschrei, macht Gerda zusammenzucken. Dann fühlt sie sich um die Taille genommen und wie toll umhergewirbelt. Sie wehrt sich und versucht sich aus den sie haltenden Armen zu befreien. »Ich mag das nicht,« stößt sie hervor. Aus einem braungeschminkten bärtigen Männerantlitz funkeln ihr nachtschwarze, feurige Augen entgegen, und heiße Lippen lachen: »Mummenschanz, schlanke Maske!« Und fester umspannen sie die starken Arme, und sie muß tanzen, tanzen. »Laß mich in deinem kühlen Licht gesunden, holder Stern. Wisse, heiße Glut tobt mir in den Adern, ich brauche milde Strahlen, um diese Glut zu dämpfen. Sei du mein Stern in dieser Nacht.« Er hat aufgehört zu tanzen. Mit einem Ruck reißt sie sich los. Ihre Augen sprühen ihn an. »Ich liebe dergleichen Scherze nicht.« »Gnädigste sollten nur Hoffestlichkeiten besuchen.« Er verbeugt sich tief und geht von dannen. Zwei schlanke Rattenfänger umkreisen sie und suchen sie im Charakter ihrer Rollen zu locken. Sie achtet nicht darauf. Unruhig sucht sie das feuerfarbene Gewand zu erspähen oder der Griechin sich nähern zu können. Fortgewirbelt waren auch sie.
»So einsam, schöne Königin?«