Zitternd und bebend war ich in eine Ecke geflüchtet. Er war an den großen schwarzen Sammetvorhang getreten, dessen Falten er ordnete. Jetzt wendete er sich und sah mich stehen. Er kam auf mich zu, streichelte mir das Haar und sagte: ›Kind, ich tue dir doch nichts, du als Künstlerin mußt mich doch verstehen. Ich suche wochenlang nach einem Körper wie der deine, tue mir den Gefallen und sträub’ dich nicht, du weißt doch, du dienst der Kunst damit. Komm, hier, trink noch ein Glas, und dann laß uns arbeiten.‹

Ebba Holm — eine Stunde habe ich vor dem Vorhang gestanden — es waren Qualen der Hölle, die ich erlitt. Ich schwor mir zu, der Kunst zu entsagen und nie, nie mehr den Meißel anzurühren. Und kehrte wieder des anderen Tags und arbeitete wie eine Rasende. Und nach der Arbeit stand ich wieder eine Stunde vor dem schwarzen Vorhang und diente seinem Werk. Als ich ging, flüsterte er heiser vor Aufregung: ›Nur noch morgen, Kind, ich danke dir.‹

Und als ich kam, bat er: ›Laß heut deine Arbeit, wir wollen gleich anfangen.‹

Ich stand — stand und krampfte den emporgestreckten rechten Arm in die Falten des Vorhanges — so war die Stellung — da — da sah ich zwei gierige, lüsterne Augen, hörte ich stöhnen — ich wollte schreien — doch schon umkrampften mich seine Arme, bedeckten brennende Küsse meinen jungen Leib — ich wehrte mich wie eine Rasende — immer fester umschlang er mich — wir stürzten zur Erde — im Fallen riß ich den Vorhang herunter — das war meine Rettung. Er verwickelte sich und suchte sich zu befreien — dabei mußte er mich loslassen — ich entschlüpfte und stürzte nach meinen Sachen. — Als ich, in Eile bekleidet, forteilen wollte, kam er zitternd auf mich zu: ›verzeih‹ — ich spie ihm ins Gesicht, ging — und kam nie wieder — — —

Da starb, was edel ist, in den Menschen, da versank die Schönheit des Menschengeschlechts. Nur noch die Begierde sah ich nackt und häßlich, wie sie die Menschen beherrscht.

Ich lernte sehen. Ich sah nicht nur das, was mir geschehen — nein — ich sah auch, was um mich war — was in meiner Umgebung geschah. Im Taumel der Lust, im Begehren nach Gold und Sinnenreiz sah ich die Menschen. Vor meinen Augen war der Vorhang des Idealismus gesunken. Ich sah die Menschen nackt — sah sie so, wie sie sind. Ich habe das Vertrauen zu den Menschen verloren.«

»Sollten Sie nicht ungerecht urteilen?«

»Es gibt Ausnahmen — aber daß es eben Ausnahmen sind, ist gewiß.«

»Und — haben Sie nie jemand liebgehabt?«

»Ich konnte nicht. Verschüttet war mir der Weg zur Liebe, Ebba Holm. Wohl streckte sich manche Hand aus, wollte mich führen und deutete glückverheißend auf das geöffnete Tor — aber — auf dem Weg lag ein Gespenst — zwei gierige, lüsterne Augen — ich konnte nicht an ihnen vorbei — ich fand nicht den Mut, einzutreten in das Land der Liebe — ich hatte sehen gelernt.«