»Sie wollen uns schon verlassen, Fräulein von Wangenheim?«
»Ich habe mich heute mit dem Studium überanstrengt. Ich möchte die Stunde bis zum Abendessen zum Ruhen benutzen.«
Gerda von Wangenheim stand in ihrer schlanken Höhe vor den beiden Damen, reichte ihnen die Hand und schritt schwebenden Schrittes aus dem Zimmer.
»Eine herrliche Erscheinung.«
»Und eine gut erzogene junge Dame, Frau Holm. Ob sie nach einem Jahre noch so wirken wird?«
»So lassen Sie doch Ihren Skeptizismus aus dem Spiel. Man muß an das Gute im Menschen glauben; das wäre ja entsetzlich, wenn man allen Menschen nur das Schlechte und Gemeine zutrauen wollte. Sie sind ein ganz unglücklich veranlagtes Wesen, wenn Sie bei den Menschen nur die Anlage zum Bösen sehen.«
»Keine Veranlagung, Frau Ebba, das Leben hat mich so denken gelehrt! Glauben Sie mir, als ich mit achtzehn Jahren hier einzog, in die große Stadt, an die Quelle des pulsierenden Lebens, da lag es vor mir, das Leben, voll eitel Sonnenschein, da glaubte ich an die Menschen, die Glückbringer. Mit ausgestreckten Händen stand ich da: gebt, was gut und schön ist in euch, um euch. Auch ich will euch beschenken, ich bringe meine Jugendkraft, mein heiliges Glühen für alles Schöne und Edle, helft mir schaffen, genießen — leben. Ich war jung, Frau Ebba, da hat man noch Blütenträume!«
»Das Leben erfüllt uns selten die Blütenträume.«
Lotte Wunsch nickte. »Und es ist gut so. Wir Künstler brauchen Bitternisse, Hindernisse! So erst kommen wir zum Schaffen. Die große Enttäuschung im Leben einer Frau ist gewöhnlich der Mann. So war es auch bei mir.
Mit achtzehn Jahren kam ich nach Berlin, um mich der Kunst zu widmen. Nach den Studienjahren in der Kunstschule ging ich in das Atelier des Professor Stein, um unter seiner Leitung zu arbeiten. Ich war eine eifrige Schülerin und, wie mir der Professor versicherte, sehr talentvoll. Er mochte ausgangs der Fünfziger gewesen sein, als ich bei ihm arbeitete. Er war verheiratet und hatte zwei Töchter, von denen die eine mit einem Offizier verlobt war. Er sprach wenig während der Arbeit, liebte es aber, sich in den Pausen und nach Schluß der Arbeitszeit mit mir zu unterhalten. Wir saßen dann gemütlich in der Plauderecke des Ateliers und rauchten Zigaretten. Ab und zu tranken wir auch wohl ein Glas Wein zusammen. Wir sprachen über Kunst und Theater. Er erzählte mir auch mal einen derben Atelierwitz und amüsierte sich, wenn ich darüber in Verlegenheit geriet. Er meinte: daran müssen Sie sich gewöhnen, Kleine, das ist Atelierton. Ich hatte auch weiter keinen Arg, war er doch mein Lehrer und in meinen Augen der alte Herr mit zwei erwachsenen Töchtern. Das ging nun so eine Weile. Eines Tages, als wir wieder saßen, plauderten und rauchten — er hatte hastig drei Gläser Wein hinuntergestürzt — sah er mich scharf an und sagte: ›Du mußt übrigens ein vorzügliches Aktmodell abgeben.‹ Ich erschrak. ›Zieh dich einmal aus.‹ Ich sprang entsetzt in die Höhe. Da fing er unbändig an zu lachen und schrie mich an: ›Willst eine Künstlerin sein und tust so zimperlich? Weißt doch, daß wir den menschlichen Körper studieren, wo wir ihn finden. Brauchst doch selbst die Leiber der anderen für deine Zwecke, also herunter mit dem Firlefanz, ich will Studien machen an dir — weiter nichts.‹