»Ah — also angehende Künstlerin —« und er heftete einen seiner verschleierten und heißen Blicke auf sie.

»Fräulein von Wangenheim wird Karriere machen,« rief die Amerikanerin, indem sie sich von dem eintretenden Zimmermädchen den Mantel um die Schultern legen ließ.

»I’m ready, Mr. Winkelmann.« — — —


»Naseweis und frech wie ein Spatz.«

»Sagen Sie lieber gänzlich unerzogen, Fräulein Wunsch.«

»Nein, das möchte ich nicht sagen, Frau Holm. Ich habe schon zuviel gut erzogene junge Damen ein schlechtes Benehmen zeigen sehen, daß ich nicht auf dem Standpunkt stehe, daß schlechtes Benehmen stets eine Folge schlechter Erziehung ist.

Was hier zutrifft, weiß ich nicht. Im allgemeinen wird den amerikanischen jungen Damen eine sehr gute, sogar strenge Erziehung zuteil. Allerdings genießen sie im Umgang mit jungen Männern eine große Freiheit, wobei ›drüben‹ gar keine Gefahr besteht, denn die Frau genießt ja in Amerika einen ganz andern Schutz als hier bei uns. Sie ist dem Manne tatsächlich ein Wesen, dem man Achtung schuldig ist und dem kein Mann wagen wird, sich unehrerbietig zu nahen.«

»Sie können doch im Ernst nicht behaupten wollen, daß ein gut erzogenes junges Mädchen unserer Kreise sich derartig benehmen kann, wie es diese Dame tut?«

»Unter Umständen noch viel schlimmer. Sie kennen unsere Großstadtluft nicht — die zersetzt. Man ist so vielen Einflüssen ausgesetzt. Es gehört schon Charakter dazu, sich rein zu halten und den verwilderten Elementen fern zu bleiben. Glauben Sie mir, ich spreche nicht so obenhin. Seit zwanzig Jahren lebe ich hier, stehe mitten im Leben, habe viel wohlerzogene Töchter guter Familien an mir vorüberziehen sehen. Viele sind bergab geschritten — moralisch — denn der Weg bergab führte oft zur Höhe des gesellschaftlichen Lebens — zu Ruhm und Glanz.«