Das stille, der Forschung und Lehre gewidmete Leben des Philosophen wurde durch zwei neue Reisen nach Sizilien unterbrochen. Platon unternahm sie, weil er bei dem Tyrannen Dionys von Syrakus, dem Herrscher der mächtigsten Stadt Siziliens, mit Hilfe seines Verwandten Dion, der Platons Schüler und Freund geworden war, seine politischen Gedanken zu verwirklichen hoffte. Er erlebte beide Male eine schwere Enttäuschung und verzichtete seitdem auf jede unmittelbare politische Wirksamkeit. Bis zuletzt wissenschaftlich tätig, starb er achtzigjährig im Jahre 348 oder 347.

Bei Sokrates darf man eigentlich nicht von einer Lehre reden, wenn man unter diesem Worte einen bestimmten Zusammenhang von Wahrheiten versteht. Vielmehr handelt es sich bei ihm um eine Grundüberzeugung, die in seinem Leben und in seinen Gesprächen Ausdruck findet. Auch Platons Schriften sind keine Lehrbücher, wohl aber Untersuchungen in Gesprächsform; sie streben danach, ein zusammenhängendes Ganzes der Erkenntnis aufzubauen. Dieses Verhältnis muß man berücksichtigen, wenn man Platons Fortbildung sokratischer Gedanken verstehen will.

Sokrates ist überzeugt, daß es eine Wahrheit gibt und zeigt den Sophisten, daß sie selbst Wahrheiten voraussetzen. Platon beweist diesen Satz streng. Gäbe es keine Wahrheit, so wäre ja auch der Satz, es gibt keine Wahrheit, unwahr. Nun behauptet aber der Gegner diesen Satz. Er behauptet also gleichzeitig, daß es keine Wahrheit gibt und daß der Satz, es gibt keine Wahrheit, wahr sei. Damit aber bejaht und verneint er dasselbe in demselben Satze, seine Voraussetzung ist widerspruchsvoll.

Wahrheit

Es entsteht nun aber sofort die weitere Frage, wie findet man die Wahrheit? Auf diese Frage hatte schon Sokrates geantwortet, daß das Denken allein Sicherheit gewährt. Platon vertieft und begründet diese Ansicht, indem er die Lehre des Protagoras von der Sinnesempfindung hinzuzieht. Protagoras hatte gezeigt, daß verschiedene Menschen dasselbe Ding verschieden sehen. Auch zu verschiedenen Zeiten wirkt eine Farbe, ein Ton, ein Geschmack sehr verschieden auf denselben Menschen. Daraus hatte er geschlossen, daß es keine für alle und zu allen Zeiten gültige Wahrheit gebe. Platon stimmt der Voraussetzung durchaus zu, bestreitet jedoch die Folgerung. Er schließt vielmehr: Da es Wahrheit gibt, und da sie in der Sinnesempfindung nicht liegt, so muß sie auf anderem Wege gefunden werden. Wir können, um seine Antwort zu verstehen, von der Sinneswahrnehmung selbst ausgehen. Wohl sieht man einen Tisch sehr verschieden je nach der Stellung des Kopfes zum Tisch, wohl wirkt die Farbe der Tischplatte in veränderter Umgebung ganz anders, trotzdem aber bezweifeln wir nicht, daß wir es in allen Fällen mit demselben Tische zu tun haben. Niemand zögert, den Tisch als ein Ding, das sich gleichbleibt, anzuerkennen, auch wenn er dem Auge verschiedene Bilder bietet. Können wir nun aber eigentlich sagen, daß wir dieses Ding, den Tisch, sehen? Doch wohl nicht. Wir sehen strenggenommen nur wechselnde Farben und Umrisse, fassen sie aber als einem gleichbleibenden Gegenstande zugehörige auf. Wenn wir weiter irgendwelche wahre Sätze von diesem Gegenstand aussagen, etwa: Dies ist ein Tisch, dieser Tisch ist viereckig, braun, größer als jener andere Tisch, so überschreiten wir noch viel deutlicher den bloßen Inhalt unserer Sinnesempfindung. Wir vergleichen in jedem dieser Sätze den Tisch mit anderen Gegenständen; denn sogar wenn wir ihn einfach braun nennen, erhält diese Farbenbezeichnung ihren Sinn nur durch Vergleichung mit anderen Farben. Die Bezeichnung viereckig beruht auf einer Zählung und zählen ist sicher etwas ganz anderes als Sehen oder Hören. Also: schon in den wahren Sätzen, die sich auf ein einzelnes eben vor uns stehendes Ding beziehen, liegt viel mehr vor als bloße Empfindung. Die Fähigkeit aber zu solchen Tätigkeiten, wie Vergleichen, Zählen, zur Einheit eines Dinges Zusammenfassen, nennen wir Verstand und können demnach sagen: schon was aus der schwankenden Empfindung ein Erkennen macht, ist der Verstand. Wollen wir weiter den Unterschied bestimmen, der zwischen den Empfindungen und den Erzeugnissen des Verstandes besteht, so sehen wir leicht, daß jede Empfindung (Farbe, Ton, Geruch) ein einzelnes Erlebnis ist, das entsteht und vergeht, während die durch den Verstand gewonnenen Bestimmungen, wie braun, viereckig, auf viele Empfindungen anwendbar, d. h. allgemein sind. Der Verstand geht also auf das Allgemeine oder, um nun die dem Philosophen geläufigen Worte einzuführen, er sucht aus den einzelnen Erlebnissen den allgemeinen Begriff zu gewinnen. Im gewöhnlichen Leben begnügt sich aber der Mensch, wenn er Worte wie Tisch gebraucht, mit einer sehr unbestimmten allgemeinen Vorstellung. Es ist daher die erste Aufgabe des wissenschaftlichen Denkens, diese unbestimmte Vorstellung klar und durchsichtig zu machen. Es gibt mannigfaltige Tische: runde und viereckige – auf einem, auf vier Beinen stehende, an der Wand befestigte Tische – Schreibtische, Ladentische, Eßtische usw. Was ist das ihnen allen Gemeinsame, das uns veranlaßt, hier doch überall das Wort Tisch zu gebrauchen? Zunächst ist alles, was wir im eigentlichen Sinne des Wortes Tisch nennen, ein von Menschen zu bestimmten Zwecken benutzter Gegenstand. Durch die Art seines Zweckes unterscheidet er sich von anderen Gebrauchsgegenständen. Wir können dann sagen: ein Tisch ist ein Gegenstand, der von Menschen zu dem Zwecke verfertigt ist oder benutzt wird, anderen Dingen während des Gebrauchs, auch vor oder nach dem Gebrauch, zur Unterlage zu dienen. Diese Erklärung gibt das allen Tischen Gemeinsame, den Begriff des Tisches. Diesen Begriff, aus dem wir erschließen, ob etwas ein Tisch ist, ob ein gegebener Tisch seinen Zweck gut oder schlecht erfüllt, sehen wir nicht, wir erzeugen ihn vielmehr in unserm Denken. Auch der Schreiner könnte keinen Tisch herstellen, wenn der Begriff des Tisches nicht in seinem Geiste läge. So kam Platon dazu, den Begriff, nicht aber die sinnlich erfaßbaren einzelnen Dinge, die wir als Exemplare (Beispiele) des Begriffs bezeichnen, für das eigentlich Erkennbare zu halten. Er war ferner überzeugt, daß unser Erkennen das wahre Wesen der Dinge, die höhere Wirklichkeit hinter den wechselnden sinnlichen Bildern erfasse. Darum sind die Ideen – wie er die im Begriffe erfaßten Wesenheiten nennt – das eigentlich Wirkliche, während die sinnlich wahrnehmbaren Dinge nur ein Widerschein dieses Wirklichen sind. Da so nach Platons Überzeugung alles von den Ideen abhängt, bezeichnet man seine Philosophie als Ideenlehre.

Ideenlehre

Ich habe soeben versucht, Sie auf einem Wege, der für jeden gangbar ist, zu einem gewissen Verständnis der Ideenlehre zu führen. Indessen, dieser Weg eröffnet uns zwar einige Aussicht auf diese Lehre, führt aber nicht eigentlich in ihr Inneres hinein. Platon selbst hat die Mathematik, insbesondere die Geometrie für die wahre Vorschule der Philosophie erklärt. »Kein der Geometrie Unkundiger trete ein«, soll über dem Tor der Akademie gestanden haben. Ich muß für die unter meinen Hörern, welche wenigstens die Grundlagen der Mathematik kennen, die vorige Betrachtung im folgenden durch eine andere ergänzen.

Was an der Mathematik die Philosophen immer wieder mit fast magischer Gewalt anzieht, ist die Sicherheit ihrer Ergebnisse. Bei geometrischen Sätzen gibt es unter Kennern der Geometrie keinen Streit über wahr oder falsch. Wenn einmal bewiesen ist, daß die Winkelsumme des Dreiecks zwei Rechte beträgt, so steht das ein für allemal fest; wir wissen von vornherein, daß kein einzelnes Dreieck jemals unsere Erwartungen über seine Winkelsumme täuschen wird. Es ist ferner möglich, sobald einmal gewisse Grundsätze über Linien und Flächen anerkannt sind, eine Fülle räumlicher Gebilde wissenschaftlich zu beherrschen und eine Menge von Eigenschaften dieser Gebilde abzuleiten. Platon lebte in der Zeit, in der die uns vertrautesten geometrischen Sätze entdeckt wurden. Die Sicherheit dieser jungen Wissenschaft mußte gerade im Gegensatz zu dem zersetzenden Zweifel der Sophisten den tiefsten Eindruck auf ihn machen. Fragt man sich nun, wodurch ein geometrischer Satz sich von einer Aussage über wirkliche Dinge, z. B. »Hunde sind wachsam«, unterscheidet, so erkennt man, daß es die Geometrie gar nicht mit einzelnen Dreiecken oder Kreisen zu tun hat, sondern daß die gezeichnete Figur nur ein Hilfsmittel ist, sich die allgemeinen Eigenschaften des Kreises oder Dreiecks besser vorzustellen. Sage ich dagegen, Hunde sind wachsam, so denke ich an Phylax oder Nero; bei diesen und anderen habe ich mit der Hundenatur die Wachsamkeit verbunden angetroffen, ich vermute, daß diese Verbindung die Regel sein wird. Aber ein schläfriger Köter genügt, um die Allgemeinheit dieses Satzes anzufechten. Woran nun liegt es, daß wir in der Geometrie solchen Gefahren nicht ausgesetzt sind? Der Grund dieses Vorzugs besteht offenbar darin, daß wir hier der besonderen Erfahrungen nicht bedürfen, sondern daß, wenn einmal der Begriff eines Dreiecks wirklich erfaßt ist, aus unserem Geiste allein heraus die notwendigen Eigenschaften des Dreiecks sich finden lassen. Platon hat dafür in einem seiner Gespräche eine klassische Darstellung gegeben. Er bringt durch geschickt gestellte Fragen einen der Geometrie unkundigen Sklaven dahin, aus sich selbst heraus einen geometrischen Satz zu finden. Daraus schließt er dann weiter, daß also die geometrischen Begriffe schlummernden Erinnerungen gleich im Geiste jenes Sklaven wie jedes Menschen liegen und nur geweckt zu werden brauchen. Des Sokrates Hebammenkunst bekommt so eine tiefere Begründung: sie erweckt die schlafenden Begriffe in unserem Geiste. Was die Geometrie mit den Figuren tut, eben das will Platon mit allen Begriffen und besonders mit den für uns wichtigsten, wie Tugend, Staat, Seele, tun: er will ihnen ihre ursprüngliche, gleichsam entschlafene Klarheit wiedergeben.

Wenn so die Ideen in unserem Geiste schlummern, wenn die ihnen entstammenden Erkenntnisse alle Erfahrungssätze an Sicherheit so weit überbieten, wie sind sie dann in unseren Geist gekommen? Hierauf gibt Platon eine seltsam scheinende Antwort. Er sagt, wir haben in einem früheren Leben, als die Seele noch nicht durch Verbindung mit dem Körper herabgezogen war, die Ideen selbst geschaut. Die dunkle Erinnerung an dieses vergangene Sehen befähigt uns allein dazu, aus den schwankenden, wechselnden Wahrnehmungen die gewöhnlichen Erkenntnisse zu gewinnen; so unsicher diese Meinungen sind, nicht einmal sie wären ohne jene Erinnerung möglich. Alle wissenschaftliche Erkenntnis aber besteht in einem bewußten Wiedererwecken jener Erinnerungen.

Idee und Welt