Die letzten Sätze zeigen bereits, daß Platon zu Untersuchungen geführt wird, die Sokrates abgelehnt hätte. Wenn die Seele vor ihrer Vereinigung mit dem Körper die Ideen selbst, unvermischt mit den Wahrnehmungen der Sinnesorgane, geschaut hat, so müssen diese Ideen also einerseits ein gesondertes Dasein haben, anderseits aber doch auch in den einzelnen wahrnehmbaren Dingen irgendwie wirksam sein. Infolge dieser doppelten Stellung der Ideen lassen sich die Fragen nach der Natur der körperlichen Dinge nicht mehr abweisen. Sokrates, der immer nur auf den einzelnen Fall seine Grundüberzeugung angewendet hatte, konnte sie vernachlässigen; Platon, der einer in sich zusammenhängenden Erkenntnis zustrebte, durfte es nicht mehr. Auch er will vor allem die Bestimmung des Menschen in der Welt erkennen, aber diese Frage schließt für ihn doch die andere in sich ein: was ist die Welt? Platons Antwort, daß sie ein getrübtes Abbild jener vorbildlichen Welt reiner Ideen ist, bereitet viele Schwierigkeiten, die der Denker selbst erkannt hat. Wie steht denn der allgemeine Begriff des Menschen, die Idee »Mensch«, zu Peter und Paul und den andren einzelnen Menschen? Platon hat diese Frage bald in streng begrifflichen Ausführungen, bald in Bildern mythologischer Art zu lösen gesucht. Aber alle diese Darstellungen, so bewundernswert sie uns seinen reichen und ringenden Geist offenbaren, geben neue Rätsel auf. Noch heute herrscht Streit über Platons eigentliche Meinung. Da zudem in diesen Ausführungen, so wichtig sie für manche späteren Denker geworden sind, doch nicht der ewige Wert von Platons Philosophie liegt, darf ich sie hier übergehen. Was für uns an Platons Lehre wichtig ist, können wir auch ohne Eingehen auf diese Schwierigkeiten verstehen.

Wir finden diesen für uns wesentlichen Kern, wenn wir uns unserer Grundfrage erinnern: Was soll ich in dieser Welt? Um Platons Antwort darauf zu verstehen, haben wir nur noch nötig, einen Punkt dem bisher Gesagten hinzuzufügen. Wir wissen: Das wahrhaft Erkennbare und das wahrhaft Seiende sind die vom Verstande erfaßten Begriffe oder Ideen. Sie sind es aber auch, die den einzelnen, sinnlich erlebbaren Gegenständen ihren Wert und ihre Bedeutung verleihen. Ein Pferd ist gut, wenn es alle Eigenschaften, die zum Begriff des Pferdes gehören, wie Schnelligkeit, Lenksamkeit, Stärke, in vollkommener Weise besitzt. Es gibt nun viele Ideen, wie es viele Arten von Dingen und Eigenschaften gibt. Es gibt Ideen des Pferdes und des Hundes, aber auch des Tieres; des Mannes und der Frau, aber auch des Menschen. Augenscheinlich sind einzelne dieser Ideen untereinander ähnlich und anderen untergeordnet. Der Begriff des Mannes ist dem der Frau ähnlicher als dem des Pferdes; Mann wie Frau stehen unter dem allgemeineren Begriffe des Menschen; Mensch und Pferd stehen unter dem Begriff des lebendigen Wesens. Da alle Ideen einen einheitlichen, vernunftbeherrschten Zusammenhang bilden sollen, muß es eine oberste Idee geben. Diese oberste Idee nun, unter der alle anderen stehen, ist für Platon die Idee des Guten. Der Denker selbst bezeichnete diese Einsicht als die am schwersten zu erringende. Wie er dazu kam, werden Sie vielleicht begreifen, wenn sie sich erinnern, daß alles Gute in den einzelnen Dingen von den Ideen kommt, daß ferner die Sicherheit unseres Erkennens und damit die Güte unsres Handelns auf der Wiedererweckung der Ideen in unserm Geiste beruht.

Ist die oberste Idee die des Guten, so fällt für Platon auch die Gottheit mit dieser obersten Idee zusammen. Denn die Ideen sind es ja, die göttergleich dauern und in ewigem Sein unsere wechselnde Welt bestimmen. Die Einheit von Macht und Güte, die reine Idee der Gottheit ist so errungen. Aus diesem Gedanken folgt, daß auch in der Welt der Körper alles gemäß der Idee des Guten, d. h. dem Zwecke des Guten entsprechend geordnet ist. Platon begründet eine Art der Naturerklärung, die aus einer zweckmäßigen Ordnung alles einzelne abzuleiten sucht. Die Sterne z. B. bewegen sich in kreisförmigen Bahnen, weil die gleichartige und in sich zurücklaufende Kreisbewegung die vollkommenste Art der Bewegung ist. Wie Sie wissen, geht die moderne Wissenschaft ganz anders vor. Sie hat gefunden, daß die Sterne sich nicht in Kreisen, sondern in Ellipsen bewegen, und sie sucht nun nicht etwa zu beweisen, daß die Ellipse vollkommener ist als der Kreis, sondern sie weiß gar nichts von »vollkommener« Bewegung, sie fragt nur, welches die Ursachen dieser Bewegung sind, und findet diese Ursachen in der gegenseitigen Anziehung und in der Lage der Sterne zueinander. Diesen Gegensatz einer Erklärung aus Ursachen (kausal) und einer Erklärung aus Zwecken (teleologisch) hat Platon sich durchaus deutlich gemacht. In dem Gespräche Phädon, das wir schon kennen, läßt er den Sokrates etwa folgendes ausführen: Wenn man meint, durch Angabe der Ursachen die Natur erklärt zu haben, so komme ihm das vor, als wenn man sage, Sokrates sei im Gefängnis, weil seine Muskeln und Sehnen sich soundso bewegt hätten und weil sie jetzt so gestellt seien, daß er nicht weggehe. Und doch haben ihn nicht die Muskeln und Sehnen verhindert zu fliehen, als die Möglichkeit dazu gegeben war. Er ist vielmehr geblieben, um, wie er es für recht hielt, den Gesetzen der Vaterstadt zu gehorchen.

Naturauffassung. Liebe

Für die Naturerklärung ist Platons Weg ungangbar, weil wir als beschränkte Menschen die Zwecke des Weltganzen sicherlich nicht erkennen können. Wir werden im nächsten Vortrage sehen, daß hier nur die entgegengesetzte Methode zur Erkenntnis führt. Aber gerade das Beispiel, das ich eben aus dem Phädon anführte, wird Ihnen gezeigt haben, daß unser Handeln nur recht gewürdigt und geleitet werden kann, wenn wir es von seinen Zielen aus beurteilen. Klug handelt, wer die Mittel zu seinen Zwecken richtig wählt, weise, wer sich die wahrhaft richtigen Zwecke stellt. Um Ihnen nun zu zeigen, wie Platon seine Lehre auf unser Leben anwandte, kann ich an zwei Verbindungen anknüpfen, in denen Sie Platons Namen wahrscheinlich oft gehört und gebraucht haben, an die platonische Liebe und den platonischen Staat. Freilich sind die landläufigen Vorstellungen von diesen beiden bekanntesten platonischen Lehren gründlich verkehrt.

Platonische Liebe, so meint man wohl, sei eine Liebe, die nicht auf den Besitz des Geliebten geht, die ihren Gegenstand nur von ferne schwärmerisch verehrt. Aber wenn zwischen sinnlicher und platonischer Liebe wirklich nur dieser Unterschied bestände, wenn Platon also eine Liebe gepriesen hätte, die weder die Kraft hat, sich das Geliebte zu erringen, noch den Mut, endgültig zu verzichten, so wäre die platonische Liebe ein Trost für schwache Süßlinge, wert des Spottes lebenskräftiger Frohnaturen. In Wahrheit ist nicht der Verzicht auf sinnlichen Besitz, sondern der Zusammenhang mit der Ideenlehre wesentlich für den Begriff der platonischen Liebe. Wir haben gesehen, daß alles Wertvolle, Schöne und Gute in den Dingen von ihrem Anteil an den Ideen herkommt. Wie jeder, der mit offenem und künstlerischem Auge in die Welt schaut, liebte und bewunderte Platon kraftvolle und schöngebildete jugendliche Gestalten. Er rechtfertigte sein Gefühl vor sich selbst durch die Lehre, daß in der Schönheit des Leibes sich die ewige Idee des Menschen dem irdischen Auge offenbart. Seiner Idee nach ist der Mensch ein vernunftbeherrschtes Wesen; und wir dürfen, wenn wir Platons Lehre von der Liebe verstehen wollen, nicht vergessen, daß für den Griechen ein schöner Körper sich in erster Linie durch gleichmäßige Ausbildung aller Muskeln auszeichnet. Einem solchen Körper sieht man es an, daß er leicht und frei der Absicht des Willens gehorcht; daher kommt in dem schönen Körper des Griechen die Herrschaft des vernünftigen Geistes über die Glieder des Leibes zum Ausdruck. Es ist ein Zeichen niederer Sinnesart, wenn manche Orientalen an den Frauen die tote Masse des fetten Körpers lieben. Echte Liebe sucht, selbst wenn sie sich dessen nicht voll bewußt ist, im geliebten Wesen das wahrhaft Wertvolle. Daraus folgt, daß ihr der sinnliche Besitz nicht das Höchste sein kann; aber die bloße Enthaltung vom sinnlichen Besitze macht für sich genommen den Wert einer Liebe keineswegs aus, sondern darin zeigt sich die echte Liebe, daß man in sich selbst wie im Geliebten ein Höheres zu erzeugen sucht. Platonische Liebe sieht also im Geliebten die Vollkommenheit angelegt und strebt für sich selbst und für das geliebte Wesen nach der Herrschaft und Durchsetzung dieser Vollkommenheit. Da aber alle einzelnen Dinge und Menschen ihre Vollkommenheit doch nur aus den Ideen haben, so geht die wahre Liebe von den Körpern zu den Seelen und von den Seelen zu den Ideen. Der Philosoph liebt die Wahrheit mit demselben Feuer, mit dem der Liebende seine Geliebte liebt; in dem Streben nach Wissen, das für Platon wie für Sokrates alles beherrscht, steckt eine leidenschaftliche Liebe.

In jeder Liebe hoher Art lieben wir, selbst wenn wir uns dessen nicht bewußt sind, die Idee, die Gottheit. Dadurch sind für Platon die innigsten menschlichen Verhältnisse an die großen Gedanken seiner Philosophie angeknüpft. Noch enger fast ist Platons Lehre vom Staate mit der Ideenlehre verbunden. Die Vernunft, die im einzelnen Menschen herrschen soll, hat auch den Staat zu regieren. Hier wie dort sollen die niederen Triebe in strengem Gehorsam gehalten werden. Die eben angedeutete Vergleichung des einzelnen Menschen und des Staates hat Platon überall durchgeführt. Der Staat ist ihm nicht eine bloße Vergesellschaftung der Menschen zum Zwecke der Sicherheit und Wohlfahrt, sondern ein in sich wertvolles vergrößertes Abbild des Menschen. Wie der einzelne die Aufgabe hat, die Idee der Menschheit in sich darzustellen, so soll das in größerer und vollkommnerer Weise der Staat tun. Platon erbaut sich in Gedanken ein Staatswesen, das diesen Anforderungen genügt. Nicht aus der Wirklichkeit nimmt er das Vorbild für diesen Staat; ja er weiß, daß ein Staat ganz so, wie er sich ihn denkt, nie existieren wird. Aber auch der Kreis des Mathematikers ist in der Körperwelt nie völlig genau vorhanden und bleibt trotzdem das Vorbild jedes Kreises, den wir zeichnen. So soll der ideale Staat Platons ein Vorbild sein, dem sich die Wirklichkeit möglichst zu nähern hat. Da nun der Staat der Mensch im großen ist, so entsprechen seine Teile, die Berufsstände der Bürger, den Teilen der menschlichen Seele. Wir müssen daher, um Platons Staatsideal zu verstehen, einen Blick auf seine Seelenlehre werfen.

Staat. Seelenlehre

Da die Seele sich im irdischen Leben der einst geschauten Ideen erinnert, hat sie vor ihrer Vereinigung mit dem Körper schon existiert. Sie wird ebenso den Körper überdauern. Noch in anderer Weise leitet Platon die Unsterblichkeit der Seele aus der Ideenlehre ab. Unsere Seele ist fähig, die reinen Begriffe oder Ideen zu erfassen. Diese Begriffe aber werden und vergehen nicht, sondern sind aus dem Flusse des zeitlichen Geschehens gleichsam herausgehoben. Man kann sich das wieder an einem geometrischen Begriffe wie dem des Kreises klar machen. Begrifflich, für die Beweisführung des Mathematikers, ist der Kreis, den der große alexandrinische Mathematiker Euklid sich dachte, und der Kreis, an dem heute ein Schullehrer seinen Schülern die geometrischen Sätze beweist, genau derselbe; es kommt für die Geometrie gar nicht in Betracht, daß jener erste Kreis vor mehr als 2000 Jahren gedacht wurde, daß die Zeichnungen, die Euklid davon machte, längst verschwunden sind. Ein Wesen aber, das Zeitloses, Ewiges zu erfassen vermag, muß selbst an der Ewigkeit teilhaben, kann nicht in die engen Grenzen eines Menschenlebens eingeschlossen sein. Es liegt in diesem Beweise der richtige Gedanke, daß wir durch Teilnahme an dem ewig Wahren uns gleichsam über das zeitliche Leben emporheben. Aber ein zeitliches Fortleben jenseits des Todes läßt sich weder auf diesem noch auf einem der andern von Platon versuchten Wege wissenschaftlich beweisen. Platon wollte hier zur Sache des Wissens machen, was immer Sache des Glaubens bleiben muß.

In diesen Unsterblichkeitsbeweisen ist die Seele so völlig aus der körperlichen Natur herausgehoben worden, daß eine besondere Vermittlung zwischen den beiden Gegensätzen nötig wird. Platon findet sie in der Lehre von den Seelenteilen. Wie die Ideen selbst außer ihrem reinen und abgesonderten Dasein doch auch in der Körperwelt wirksam sind, so beherrscht unsere Seele zugleich einen besonderen Körper, eben unseren menschlichen Leib. Der Teil der Seele, der die Ideen schaut, ist die Vernunft. Sie herrscht über den Leib mit Hilfe der wollenden Seelenteile; aber den Willen bestürmen zugleich die körperlichen Begierden. Wenn wir unsere Gelüste nicht beherrschen, werden wir von ihnen unterjocht. Darum unterscheidet Platon zwei Willens- oder Triebkräfte, eine höhere, den Mut, wie er sie nennt, durch den die Vernunft wirkt, und dem auch jene edlere Liebe angehört, und eine niedere, die Begierde. Auch die sinnlichen Begierden gehören zum Menschen, wie wir ja ohne Essen und Trinken unser Leben nicht erhalten können; aber sie sollen nicht herrschen, sondern dienen. Gebieten soll die Vernunft, ihre Gebote durchsetzen soll der Mut.