Staat

Diesen drei Teilen der Seele entsprechen die Teile des »Menschen im großen«, d. h. die Stände des Staates. Regieren soll auch hier der vernünftige Teil; so rechtfertigt sich Platons bekannter und zuweilen belachter Ausspruch, nicht eher werde es im Staate besser werden, als bis die Könige philosophieren oder die Philosophen Könige sind. Unter einem Philosophen versteht Platon hier nämlich nicht einen einsamen, in sein Studierzimmer eingeschlossenen Grübler, sondern einen Mann, der außer der Erziehung durch das praktische Leben auch noch die höchste wissenschaftliche Ausbildung empfangen hat und darum befähigt ist, die Wissenschaft ebensowohl zu fördern wie auf den Staat anzuwenden. Der zweite Stand, der dem Mute entspricht, ist der Kriegerstand, der im Innern die von den Herrschern befohlene Ordnung aufrecht erhält und gegen äußere Feinde den Staat beschirmt. Auch die herrschenden Weisen haben zum Kriegerstand gehört, ehe sie in ihre höhere Stellung aufrückten. Damit die beiden herrschenden Stände sich ganz ihren Aufgaben widmen können, ist von ihnen jede Sorge um den täglichen Unterhalt, jede Begierde nach Reichtum fernzuhalten. Sie werden daher aus Staatsmitteln ernährt und dürfen weder Privateigentum noch Familie haben. Der dritte Stand ist der erwerbende, er entspricht der Begierde und hat im rechten Staate zu gehorchen. Bei der Behandlung des Nährstandes zeigt sich in Platons Ausführungen eine Schwäche, die er mit allen Griechen teilt. Dem sklavenhaltenden Griechen war die Erwerbsarbeit etwas, das im Grunde eines freien Mannes nicht würdig schien. Wir sind hier längst über das Griechentum hinausgeschritten und sehen in jeder recht getanen Arbeit eine Verwirklichung des Besten im Menschen. Diese Schwäche macht sich auch sonst in Platons Staatsideal geltend. Man hat wegen der von ihm geforderten Eigentumslosigkeit der höheren Stände in Platon oft einen der Urväter des Sozialismus gesehen – kaum mit Recht. Denn Platon hat wenigstens in seinem »Staat« an das Privateigentum der Erwerbsstände nicht gerührt.[4] In für uns auffallender Weise werden alle wirtschaftlichen Fragen vernachlässigt. Nicht im Interesse gerechter Güterverteilung, sondern nur, damit sie ganz ihrem Amte leben können, wird den Kriegern und Weisen das zu ihrem einfachen abgehärteten gemeinsamen Leben Nötige aus öffentlichen Mitteln zugeteilt. Das Herrschen ist nach Platon kein Genuß, kein Mittel, den Herrschern Vorteile zu verschaffen, sondern ein im Dienste des Ganzen geübtes Amt, dem sich die dazu Tüchtigen sowenig entziehen dürfen, wie etwa die Vernunft des einzelnen Menschen es unterlassen darf, sein tägliches Leben nach ihren Einsichten zu regeln. Aus denselben Gründen wie das Privateigentum ist für die höheren Stände auch die Familie abzuschaffen; in ihnen gibt es nur einzelne gleichberechtigte Männer und Frauen, deren Verbindungen von den Herrschern im Interesse eines tüchtigen Nachwuchses geregelt werden. Während Platon in der Unterschätzung der Erwerbsarbeit griechischen Vorurteilen folgte, trat er in der Bewertung der Frau der in seinem Volke herrschenden Meinung entgegen. Er forderte völlige Gleichstellung beider Geschlechter. Zu Kriegern und Herrschern werden Frauen wie Männer gemacht. Die Kinder dieser höheren Stände erhalten gemeinsame Erziehung und kennen ihre Eltern nicht. Nur die unter diesen Kindern, die ihrer Abkunft Ehre machen, bleiben im Stande der Eltern, die übrigen werden in den dritten Stand herabgesetzt. Ebenso werden unter den Kindern der Gewerbsleute die tauglichen in die höheren Stände emporgehoben.

Vieles einzelne in Platons Staatsideal ist überwunden, anderes, wie die Forderung wissenschaftlicher Bildung für die Regierenden, ist wenigstens teilweise Wirklichkeit geworden; manches, wie die Zugänglichkeit der höchsten Stellen für alle Tüchtigen und die Auswahl der Regierenden allein nach der Tüchtigkeit, ist auch heute noch Ziel unseres Strebens. Aber weit wichtiger als alle diese Einzelheiten ist der Geist, der in Platons Staatslehre waltet. Alle Einrichtungen beherrscht die Vernunft, jeder Mensch dient den großen Zielen des Ganzen. Auf diese Ziele ist der Sinn gerichtet und von ihnen aus werden die Mittel gewürdigt. In unserer Zeit haben sich die Mittel des Lebens unendlich vervollkommnet. Bewundernswertes ist für die Bequemlichkeit und Gesundheit des äußeren Lebens geschehen, und diese Fortschritte werden wachsenden Teilen des Volkes zugänglich. Wir sollen diese technischen Errungenschaften nicht unterschätzen. Aber auch wenn wir mit immer größerer Schnelligkeit reisen, und wenn unsere Worte durch Telephon und drahtlose Telegraphie den Raum überwinden, die Hauptsache bleibt stets, zu welchen Zwecken wir reisen und was wir reden. Gerade die großen Fortschritte der Technik lassen viele vergessen, daß alle diese Erleichterungen der Ernährung und des Verkehrs nur Mittel sind, und daß es auf die Zwecke ankommt, zu denen wir diese Mittel gebrauchen. Das Nachdenken über diese Zwecke heißt Philosophie. Den Wert dieses Nachdenkens hat niemand mit größerer Kraft hervorgehoben als Platon. In der Mahnung, über die Ziele des Lebens nachzudenken, gipfele Ihre Erinnerung an ihn.

Platon
Nach einer Marmorbüste in Rom


Dritter Vortrag.
Descartes.

Geschichtliche Stellung

Nicht Geschichte der Philosophie will ich Ihnen in diesen Stunden vortragen, sondern meine Absicht ist, daß Sie die philosophischen Grundgedanken gleichsam mit entdecken, im Geiste großer Denker miterleben. Unter diesem Gesichtspunkte habe ich Philosophen gewählt, die recht ursprünglich aus sich heraus die Fragen neu stellen und lösen. Es gibt unter den großen Philosophen auch Geister anderer Art, solche, die eine ungeheure Menge von Wissensstoff in ein einheitliches System zu formen unternehmen. Ihre Aufgabe ist die höchste; denn der Geist des Menschen strebt zuletzt danach, die ganze Mannigfaltigkeit der Dinge und Erlebnisse als gegliederte Einheit zu überschauen. Platons großer Schüler Aristoteles leistete das für seine Zeit und wurde dadurch während des ganzen Mittelalters der eigentliche Lehrer Europas. Als großer Vollender, Zusammenfassender, Abschließender hat er das griechische Denken den Völkern des Morgen- und des Abendlandes vermittelt. Aber gerade jene Fülle der Materialien und der Gesichtspunkte, die seiner Wirkung einst günstig war, erschwert uns heute die Annäherung. Der Stoff des Wissens, den Aristoteles beherrschte und verarbeitete, ist veraltet. Wir wissen vieles besser, und vor allem der Umfang unserer Kenntnisse ist weit größer. Wir sind nicht etwa klüger als Aristoteles, aber wir haben das Glück, die Vorarbeiten vieler Geschlechter für uns benutzen zu können und sind dadurch an Erfahrungen reicher. So vieles wir noch von Aristoteles lernen können, über seinen Schriften liegt der Staub der Geschichte. Wir müssen uns, um Systemen, wie Aristoteles und seine mittelalterlichen Schüler sie schufen, gerecht zu werden, in den Geist ferner Zeiten zurückversetzen. Sie werden bei Sokrates und Platon selten eine derartige Schranke gefühlt haben. Die Fragen, die diese Männer zum ersten Male mit voller Klarheit stellten, quälen noch heute unklar jeden, der nachzudenken beginnt; ihre Antworten zeigen auch uns noch den Weg der Lösung. Wir verkehren mit ihnen über die Jahrtausende hinweg gleichsam unmittelbar. Ein ähnliches Gefühl der Verwandtschaft ergreift uns erst wieder den Führern der beginnenden Neuzeit gegenüber. Von dem größten unter ihnen, von René Descartes, will ich heute reden.

René Descartes (die lateinische Namensform Renatus Cartesius hat der Philosoph selbst nicht gebraucht) wurde 1596 als jüngerer Sohn eines französischen Edelmannes geboren. Er wurde, sobald seine zarte Gesundheit es erlaubte, sorgfältig und vielseitig unterrichtet. Den wichtigsten Teil seiner geistigen Ausbildung erhielt er in der damals neu gegründeten Jesuitenschule von La Flèche; er war ein Musterschüler dieser Musteranstalt. Descartes selbst hat später den Eindruck des dort erhaltenen Unterrichtes auf ihn geschildert. Wir werden seine Darstellung verstehen, wenn wir uns die Eigentümlichkeiten jenes Zeitalters rasch vor Augen führen.