In einer Beziehung erinnert der Beginn der Neuzeit an die Periode des Sokrates und Platon. Beide Male geriet eine religiöse Überlieferung und eine eng damit verbundene Art der Lebensführung ins Schwanken. In solchen Zeiten besinnen sich denkende Männer auf die Grundlagen, auf denen man gebaut hatte. Aber weiter reicht die Ähnlichkeit beider Zeiten auch nicht. Die Überlieferung des Mittelalters war selbst etwas ganz anderes als die griechische Religion und der griechische Staat. Das Römerreich hatte die Völker der damals bekannten Welt fast alle in seine Einheit verflochten; das Christentum setzte für den größten Teil dieser Völker eine innere Einheit an die Stelle jener äußeren politischen Verbindung. Wir können darum das Mittelalter als eine Zeit der Einheit bezeichnen; politisch fühlte sich trotz aller Kriege die Christenheit als ein Ganzes, außerhalb ihrer standen die Feinde, die Muselmanen; weiter reichte der Gesichtskreis kaum. Geistig wurde das ganze Leben von der Kirche beherrscht. Wie aber jene politische Einheit der christlichen Welt im Vergleich zu den kleinen griechischen Staaten einen ungeheuren Umfang hatte und im Gegensatze zu der unmittelbaren Wirksamkeit jener Staaten mehr als ideale Forderung denn als wirkliche Macht bestand, so war auch die Einheit des geistigen Lebens weit komplizierter und barg viel größere Gegensätze in ihrem Schoße. Der Kultus der Götter, in dem die Religion der Griechen wesentlich bestand, war eine Staatsangelegenheit und wurde mit dem Schwerte gegen Feinde, aber eigentlich nicht mit Gründen gegen Andersgläubige oder Ungläubige verteidigt. Glaubenssätze, über die sich streiten ließ, enthielt diese Religion in der vorphilosophischen Zeit kaum. Im Mittelalter war das anders. Der christliche Glaube mußte sich von Anfang an gegen philosophisch gebildete Angreifer verteidigen. Innerhalb der Christenheit selbst entstanden verschiedene Richtungen; und gegen Absonderungen der Ketzer konnte man sich nur durch strenge Aufrechterhaltung bestimmter Glaubenssätze oder Dogmen schützen. Viele unter diesen Dogmen – ich erinnere an die Dreieinigkeit, an die Gottheit Christi – waren schwer zu erfassen und bedurften zu ihrer Auslegung und Verteidigung großen Scharfsinns. Es wurde also viel und zusammenhängend nachgedacht, es galt, aus den Lehren der Kirche, den Überlieferungen der biblischen Bücher, den Anforderungen der fortschreitenden Zeit eine Einheit zu bilden. Man bedurfte gelehrter Denker. Der Übung ihres Scharfsinns diente auch ein lebhafter Betrieb der weltlichen Wissenschaft, die fast ganz mit der Philosophie zusammenfiel und deren Pflege wesentlich in geistlichen Händen lag. Theologie und Philosophie unterlagen ähnlichen Bindungen. Wie die Theologie an der Bibel, so hatte die Philosophie besonders im späteren Mittelalter an den Schriften des Aristoteles eine Autorität. Über diese Schriften wurde nachgedacht, und über ihre Auslegung stritt man sich. Alle Studien, selbst die medizinischen, waren wesentlich Bücherstudien.

Zeitalter

Am Beginn des 17. Jahrhunderts, in der Jugendzeit des Descartes, war etwa seit hundert Jahren diese alte Einheit erschüttert, ohne daß doch ihre Herrschaft schon vorbei gewesen wäre. Die Neuzeit beginnt auf geistigem Gebiete überall damit, daß man nicht mehr wie bisher unter Voraussetzung des traditionellen Systems von Lehren und Büchern um seine Ausbildung und Auslegung streitet, sondern daß die Voraussetzungen der geltenden Lehre selbst angegriffen werden. Das erweiterte Bild der äußeren Welt sprengte den alten Rahmen. Schon die geographischen Entdeckungen hatten den Gesichtskreis ausgedehnt; viel stärker aber noch wirkte die neue Astronomie. Bis zum 16. Jahrhundert hatten die meisten Denker mit Aristoteles geglaubt, daß die Erde im Mittelpunkt der Welt stehe und Sonne, Mond und Sterne sich um sie drehen. Kopernikus ließ die Erde sich als Planeten um die Sonne bewegen und Giordano Bruno faßte das ganze Sonnensystem als eine Welt unter unzähligen anderen auf; auch die Fixsterne sind nach seiner Lehre Sonnen, deren Planeten wir nur nicht erblicken können. Diese Sätze, die heute Schulknaben nachreden, ohne daß sie ihnen Eindruck machen, waren um sechzehnhundert noch aufregende, von allen Kirchen verdammte Kühnheiten, für die Bruno selbst zum Märtyrer wurde. Nur das Umstrittene bewegt die Geister. Mit der alten Einheit der äußeren Welt gleichzeitig war auch die Einheit der Kirche durch die Reformation vernichtet worden. An Stelle des einen Aristoteles ferner war infolge der erweiterten Kenntnis des Altertums eine Menge einander bekämpfender alter Philosophen getreten. Alle diese Neuerungen bewirkten – zumal in Italien, dem geistig führenden Lande der Übergangszeit – eine große Gärung. Der einzelne Mensch, nicht mehr gehalten durch die Bande der Überlieferung, fühlte sich als freies, selbstherrliches Individuum. Aber der Fülle neuer Anregungen fehlte zunächst noch die verbindende Einheit und die Sicherheit streng wissenschaftlichen Denkens. Der frei gewordene Geist ergriff, was ihm verwandt war, was seine Sehnsucht zu befriedigen versprach, mit ungestümem Eifer. Darum blühen in jenen Zeiten des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit die Scheinwissenschaften der Astrologie, Magie, Alchimie. Langsam ringt sich aus diesem Chaos die echte Wissenschaft empor – ihre Anfänge liegen in der Mathematik, der Astronomie und der philologischen Behandlung der alten Schriftsteller.

Von diesen Neuerungen drang vieles auch in den Unterricht der Jesuitenschule ein. Denn die Jesuiten wollten nicht weltfremde Mönche, sondern treue Diener der Kirche in der Welt heranbilden. Sie mußten ihren Zöglingen daher von der neuen Weisheit so viel mitteilen, wie man in der Welt brauchte. So stand in ihrem Unterrichte die gründliche Kenntnis der alten Sprachen und Schriftsteller und, wenigstens in La Flèche, auch der Mathematik neben der Kirchenlehre und der ihr entsprechenden Philosophie. Den meisten Zöglingen war dieses Nebeneinander unverträglicher Gegenstände ganz recht, wie ja immer in den Seelen der Mehrzahl Widersprechendes sich sehr gut verträgt. Aber es ist ein Kennzeichen philosophischer Geister, daß sie ein Nebeneinander unverbundener, ja widerstrebender Teile nicht ertragen können. Darum befriedigte Descartes der Unterricht nicht. Von Anfang an suchte er einheitliches und sicheres Wissen und begann früh alle Zweige des Unterrichts daraufhin zu prüfen, ob sie beweisbare Wahrheiten enthielten. Er mußte also an dem, was man ihn lehrte, Kritik üben, verfuhr aber dabei nicht etwa als junger Umstürzler, der, weil seine Erwartungen nicht befriedigt wurden, sich gegen alle Vorteile des empfangenen Unterrichtes verstockte. Vielmehr wußte er ganz wohl, daß er viel Nützliches gelernt hatte, daß die alten Sprachen seinen Stil gebildet, die griechischen und römischen Schriftsteller seinen Geist bereichert hatten. Auch für die religiöse Unterweisung war er empfänglich, fühlte sich sein Leben lang als Christ und suchte stets mit der katholischen Kirche im Einvernehmen zu bleiben. Aber der Preis der geistig Armen, der auch in den bildungsstolzen Schulen nicht ganz verstummen durfte, ließ den Nutzen gelehrter Theologie zweifelhaft erscheinen, zumal der Streit um die rechte Auslegung der Lehre endlos fortging. Nirgends zeigte sich die Sicherheit der Ergebnisse, die Descartes leidenschaftlich begehrte. Nur in der Mathematik fand er dieses Streben befriedigt. Aber hier handelte es sich um Gegenstände, die ihn im Grunde kalt ließen; für Zahlen und Figuren als solche interessierte sich der junge Descartes wenig, so sehr ihn auch die strenge Form der mathematischen Methode anzog.

Unbefriedigt von der Schulweisheit, dabei als Sohn eines wohlhabenden Edelmannes unabhängig, beschloß Descartes, statt der Bücher die Welt zu studieren. Da er sich einen Beruf wählen sollte, entschied er sich, einem Wunsche seines Vaters folgend, dafür, Soldat zu werden. Beim Verlassen der Schule 1612 war er indessen noch zu jung und zu schwächlich, um Kriegsdienste zu nehmen. Er stählte daher zunächst seinen Körper durch geeignete Übungen und begab sich dann zur gesellschaftlichen Ausbildung nach Paris.

Jugend. Kriegszüge

Aber schon hier zeigte es sich, daß dem jungen Manne die Versenkung in sich selbst und das stille Studium im Grunde angemessener war als das rauschende Treiben der Welt. Verkehr mit Mathematikern gab ihm neue Anregung, ihre Wissenschaft fesselte ihn jetzt so sehr, daß er zwei Jahre hindurch zurückgezogen mathematischen Studien lebte.

Im Jahre 1617 war er kräftig genug zum Kriegsdienste; er blieb nun 5 Jahre lang bis 1622 Soldat. Aber dieser junge französische Edelmann trat nicht, wie man vermuten möchte, ins französische Heer ein, sondern ging zu dem protestantischen Moritz von Oranien, der damals allerdings mit Frankreich verbündet war. Als später in Deutschland der große Krieg begann, schloß er sich dem Heere Tillys, des Feldherrn der katholischen Liga, an. Man sieht, daß weder religiöse noch politische Interessen ihn bei der Wahl der Fahne leiteten, der er folgte. Auch militärischer Ehrgeiz lag ihm fern. Er blieb stets Volontär und benutzte die Kriegszüge lediglich als Mittel, die Welt zu sehen.

Zwischen der kriegerischen Laufbahn eines Sokrates und der eines Descartes besteht also der entschiedenste Gegensatz. Sokrates erfüllte als Krieger seine Bürgerpflicht und ging völlig im Dienste seiner Vaterstadt auf. Descartes machte die Kämpfe, die das Geschick der europäischen Menschheit bestimmten, nur deshalb eine Weile mit, weil sie ihm Gelegenheit zur Ausbildung seiner Persönlichkeit gaben. Nicht nur zwei Männer, zwei Zeiten und zwei Lebensauffassungen stehen hier einander gegenüber. Descartes selbst spricht von seinen Kriegszügen wie von Reisen; durch Reisen, so sagt er, lernt man die Sitten verschiedener Völker kennen und befreit sich von dem Vorurteil, daß man nur nach der in der Heimat gewohnten Weise leben könne.

Aber das Lesen im eigenen Innern war für Descartes auch in dieser Zeit wichtiger noch als das Lesen im Buche der Welt. Mehr als von Kampf und Sieg, mehr auch als von der Durchquerung Mitteleuropas bis nach Ungarn hin, spricht er von den inneren Erlebnissen in der Stille der Winterquartiere. Hier nahm er im innigsten Zusammenhang mit seinen philosophischen Überlegungen auch das Studium der Mathematik wieder auf. An Kennern dieser Wissenschaft fehlte es in den Heeren jener Zeit nicht, da man mathematischer Berechnungen besonders bei Belagerungen bedurfte.