2. Descartes hatte aus seinen Voraussetzungen geschlossen, daß das klar und deutlich Erkannte auch wirklich sein müsse. Klar und deutlich erkennen wir aber uns selbst als denkendes Wesen, Gott als allervollkommenstes Wesen und die Körper als bewegte, raumerfüllende Dinge, deren Beziehungen und Veränderungen der Mathematik zugänglich sind. An diesen Teil der Philosophie des Descartes knüpfte die Entwicklung der Philosophie unmittelbar an.
Auch hier lagen Schwierigkeiten genug vor; denn Descartes hatte jene drei Arten von Substanzen einfach nebeneinander gestellt, dabei aber doch zugegeben, daß Gott in anderem Sinne Substanz ist als die von ihm geschaffenen Seelen und Körper. Einerseits steht der Philosoph durchaus auf dem gewöhnlichen Standpunkt schroffer Entgegensetzung von Gott und Welt, anderseits scheint seine Lehre zu einer Einheit beider zu führen, wenn man sie zu Ende denkt. Gott ist ja der Inbegriff aller Vollkommenheit, »Sein« aber ist auch eine Vollkommenheit, und alles Seiende ist vollkommen, soweit es existiert. Man darf daher diese beschränkten Vollkommenheiten nicht von der Gottheit abtrennen, sonst würden sie ihr fehlen, und Gott wäre nicht das allervollkommenste Wesen. Daraus aber folgt, daß alle Dinge zur Gottheit gehören, daß Gott kein Wesen ist, welches außerhalb der Welt sein gesondertes Leben führt, sondern eben die Einheit der Welt selbst.
In anderer Weise tritt Descartes' Grundsatz, alles klar Gedachte ist wirklich, alles Wirkliche erkennbar (wiewohl nicht für unsern begrenzten Verstand), mit seinem Gottesbegriffe in Widerstreit. Denn danach muß auch das Verhältnis der einzelnen Dinge und Ereignisse zu Gott sich klar einsehen lassen, d. h. alles, was da ist und geschieht, muß mit Notwendigkeit aus dem Begriffe der Gottheit erschlossen werden können. Dann aber bleibt kein Raum mehr für Gottes freie Schöpfertätigkeit.
Wie in der Gotteslehre, so treibt auch in der Frage nach der Beziehung von Körper und Seele die Lehre des Descartes über sich selbst hinaus. Bei ihm stehen Körper und Seele einander schroff gegenüber. Die einzigen Eigenschaften des Körperlichen sind Ausdehnung und Beweglichkeit. Der Zusammenhang ihrer Bewegungen soll mit Hilfe der Mathematik so eingesehen werden, daß, wenn man die Ursachen kennt, die daraus folgenden Wirkungen berechnet werden können. Dann aber dürfen nur Bewegungen Ursachen von Bewegungen sein. Der Geist ist unausgedehnt und im Raume unbewegt. Er hat mit dem Raume überhaupt nichts zu tun, er kann also strenggenommen weder Bewegungen von Körpern hervorrufen noch seinerseits durch Körperbewegungen bestimmt werden. Beides hatte Descartes, obgleich er die Schwierigkeiten kannte, der gewöhnlichen Ansicht entsprechend angenommen. Wir glauben ja alle, daß wir durch unsern Willen vermittels der Glieder unseres Körpers auf die Körperwelt wirken. Wenn aber alles körperliche Geschehen mechanisch, d. h. durch Druck und Stoß benachbarter Körper bewirkt wird, so läßt sich das Eingreifen einer seelischen Ursache in die Körperwelt nicht begreifen. Diese Erwägung führte mehrere Schüler des Descartes dazu, die Möglichkeit eines unmittelbaren Einflusses des Körpers auf die Seele und der Seele auf den Körper zu leugnen, vielmehr die Verbindung beider Arten von Substanzen der vermittelnden Wirkung Gottes zuzuschreiben. Verbindet man diese Lehre mit der vorher verfolgten Weiterführung, daß Gott selbst die Einheit der Welt ist, so kommt man dazu, Körper und Seele als zwei Offenbarungsweisen der Gottheit anzusehen, die nur in Gott verbunden sind, während der Schein ihrer unmittelbaren Verknüpfung darauf beruht, daß die Veränderungen beider mit gleicher mathematischer Notwendigkeit aus der Gottheit hervorgehen.
So kann man von Descartes ausgehend die Grundsätze eines neuen philosophischen Systems ableiten und man findet dann, daß Spinoza ein System dieser Art wirklich ausgebildet hat. Absichtlich habe ich Sie diesen Weg geführt, um Ihnen an einem Beispiele zu zeigen, was in der Geschichte der Philosophie die notwendige Fortentwicklung der Gedanken bedeutet. Aber wir dürfen über dieser Notwendigkeit den persönlichen Anteil der einzelnen Philosophen nicht vernachlässigen. Es gehört schon Größe dazu, wirklich Folgerungen zu ziehen, die verbreiteten Meinungen der Zeit so entschieden widersprechen, wie die dargelegten; viele Zeitgenossen sahen die Widersprüche im System des Descartes und suchten sie zu lösen, aber nur einer dachte folgerichtig genug, um vor den Konsequenzen nicht zurückzuschrecken. Vor allem aber ist die Bedeutung von Spinozas Philosophie mit den unvollständigen Umrißlinien, die eine Weiterbildung des Descartes ergibt, keineswegs erschöpft. Um sie zu würdigen, müssen wir den Schöpfer des Systems und seine Herkunft kennen lernen.
Herkunft
Die zahlreichen Juden, die seit den Zeiten arabischer Herrschaft in Spanien lebten, hatten im 16. Jahrhundert viele Verfolgungen zu erdulden. Durch Zwang zum Christentum bekehrt, blieben sie doch der Inquisition verdächtig, bloße Scheinchristen zu sein, und mußten fortwährend für ihr Leben fürchten. Eine Zuflucht bot sich ihnen zu Beginn des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden, die selbst in hartem Kampfe gegen Spanien sich die Freiheit protestantischer Religionsübung errungen hatten. Dort nahmen die spanischen Juden den Glauben ihrer Vorfahren wieder an und lebten streng nach den Gesetzen des Talmud. Als Sohn einer solchen Auswandererfamilie wurde Baruch d'Espinoza (so lautete der Name ursprünglich) 1632 in einer der engen Gassen der Amsterdamer Judenstadt geboren. Diese Herkunft bestimmte seine Jugendeindrücke und seine erste Geistesbildung.
Um die Überlieferungen ihrer Religion aufrecht zu erhalten und neuen Geschlechtern mitzuteilen, gründeten die Juden Amsterdams eine Schule, zu deren Lehrern sie berühmte Rabbinen beriefen. Auch Baruch d'Espinoza empfing hier seine Jugendbildung; er erlernte die hebräische Sprache, las Bibel und Talmud und übte an ihrer Auslegung seinen Scharfsinn. Seine Begabung wurde offenbar; er wollte sich, da ihm die Neigung zum Kaufmannsstande fehlte, ganz der jüdischen Theologie widmen. Schon sah man in dem Jüngling die künftige Säule der Synagoge. Diese Hoffnungen der Rabbinen wurden aber durchkreuzt, als Spinoza die Gedanken der neuen Wissenschaft kennen lernte. Auch in das abgeschlossenste Ghetto dringt etwas von den geistigen Bewegungen der Umwelt, und die Amsterdamer Juden standen – mochte ihr Privatleben noch so eingeschränkt sein – durch zwei große Kanäle mit dem Leben ihrer christlichen Zeitgenossen in Verbindung, durch den Handel und die Medizin. In empfänglichen Geistern entstand so ein Zwiespalt zwischen den überkommenen Lehren und dem Wissen der Neuzeit. Schon während der Knabenjahre Spinozas hatte das zu einem Konflikt geführt, der manchem unter Ihnen aus Gutzkows Drama Uriel Acosta bekannt sein wird. Übrigens ist die Rolle, die der Dichter hier den jungen Spinoza spielen läßt, reine Erfindung.
Wie sich im einzelnen Spinoza unter diesen Verhältnissen entwickelte, wissen wir nicht. Sicher ist nur, daß er frühzeitig Verlangen trug, die Wissenschaft der Neuzeit kennenzulernen. Vorbedingung dazu war damals die Kenntnis der lateinischen Sprache, die noch durchaus die Sprache der Gelehrten war, in der jüdischen Schule aber keinen Gegenstand des Unterrichts bildete. Bei der Wahl seines Lehrers hatte er Glück; denn dieser konnte dem wissensdurstigen Jüngling mehr geben als Kenntnis des Lateinischen. Franziscus van den Ende, als Katholik geboren, aber dem Kirchenglauben entfremdet, war mit der Naturwissenschaft und mit der Philosophie des Descartes vertraut. Bei ihm muß Spinoza die Schriften des Descartes zuerst gesehen und gleichzeitig seine Kenntnisse lebender Sprachen erweitert haben. Spinoza war in dieser Beziehung von vornherein begünstigt; denn neben seiner Muttersprache, dem Spanischen, war ihm naturgemäß von Jugend auf das Holländische bekannt. Dazu erlernte er nun mehrere andere Sprachen, besonders Französisch und Italienisch.
Die neue Bildung und die veränderten Überzeugungen trennten Spinoza von seinen Glaubensgenossen. Zwar lag ihm jeder Gedanke an agitatorische Wirksamkeit fern, aber es war ihm auf die Dauer noch weniger möglich, bei gänzlich veränderten Überzeugungen die streng gebundene Lebensweise eines orthodoxen Juden zu führen. Mit dem Tode des Vaters 1654 scheint für ihn der wichtigste Grund zu äußerer Anbequemung gefallen zu sein; seitdem besuchte er die Synagoge nicht mehr, übertrat die Speisegesetze und verkehrte viel mit freigesinnten Christen. Naturgemäß erregte das Anstoß. Aber die Juden hätten gern Aufsehen vermieden, fürchteten wohl auch, daß das Verhalten eines Menschen, auf den die Rabbinen solche Hoffnungen gesetzt hatten, Nachahmung finden würde. Man versuchte ihm daher mit Geld beizukommen und versprach ihm ein Jahresgehalt, wenn er sich wenigstens äußerlich der jüdischen Sitte fügte. Erst als Spinoza diesen schimpflichen Vorschlag zurückgewiesen hatte, wurde er als Abtrünniger verfolgt. Sein Schwager und seine Schwester machten seinen Abfall geltend, um ihm den Anspruch auf das väterliche Erbe zu bestreiten. Er nahm die holländischen Gerichte in Anspruch, siegte, wie zu erwarten war, und überließ dann freiwillig den Geschwistern das Erbe, während er sich nichts als ein Bett vorbehielt.