Jugend. Bann

Die Rabbinen ergriffen schließlich die äußersten Maßregeln gegen ihn; im Jahre 1656 wurde er mit dem großen Banne belegt und aus der Gemeinde ausgestoßen. Die aus dem frühen Mittelalter stammende Bannformel lautete fürchterlich genug. Dies sind ihre wichtigsten Sätze:

»Nach dem Beschlusse der Engel und dem Ausspruche der Heiligen, mit Zustimmung des heiligen Gottes und dieser ganzen Gemeinde bannen, verstoßen, verwünschen und verfluchen wir Baruch d'Espinoza« … – »Verflucht sei er am Tage und verflucht sei er bei Nacht, verflucht beim Niederlegen und verflucht beim Aufstehen, verflucht bei seinem Ausgang und verflucht bei seinem Eingang. Gott möge ihm nie verzeihen!« … »Wir verordnen, daß niemand mit ihm verkehre, nicht mündlich und nicht schriftlich, niemand ihm eine Gunst erweise, niemand unter einem Dache oder innerhalb vier Ellen mit ihm zusammen sei, niemand ein von ihm verfaßtes oder geschriebenes Werk lese.«

Der Bann bedeutete für Spinoza die Trennung von allen Genossen seiner Jugend; wie es scheint, hat später kein Jude mehr zu seinem Umgangskreise gehört. Aber damit nicht zufrieden, suchten die Rabbinen auch seine bürgerliche Existenz zu vernichten; sie zeigten ihn der protestantischen Geistlichkeit als einen religionsgefährlichen Menschen an und bewirkten seine Ausweisung aus Amsterdam. Allzuviel erreichten sie damit nicht; denn infolge der toleranten Haltung der weltlichen Behörden konnte er in einem Dorfe, wenige Meilen von der Hauptstadt entfernt, ruhig wohnen.

Spinoza mußte sein Leben ganz neu gestalten: er war entschlossen, nichts gegen seine Überzeugung zu tun, dabei aber Streit mit seiner Umgebung möglichst zu vermeiden. Er trat nie zum Christentum über, da er bei aller Verehrung für die persönliche Hoheit und die Moral Christi sich nicht zu den Glaubensformeln einer christlichen Kirche bekennen konnte. Am nächsten stand er einigen Sekten, die gleich ihm nur in Holland Duldung fanden, Gemeinden, die den moralischen Lebenswandel für das Wesentliche am Christentum hielten und ihren Mitgliedern in dogmatischer Beziehung viel Freiheit ließen. Unter ihnen, den Mennoniten und Kollegianten, fand Spinoza Verkehr, ohne zu ihnen zu gehören.

Da er mittellos war und ihm jede öffentliche Anstellung, jede ausreichend bezahlte Unterrichtstätigkeit verschlossen blieb, mußte er durch seiner Hände Arbeit für seinen Lebensunterhalt sorgen. Er nutzte seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse aus, indem er optische Gläser für Brillen und Fernrohre schliff. Infolge der astronomischen Entdeckungen bestand damals viel Nachfrage nach Fernrohren, während nur wenige kundige Männer die dazu nötigen Linsen schleifen konnten. Spinoza verdankte also die Möglichkeit, sich sein Brot durch eigene Arbeit zu erwerben, der modernen Naturwissenschaft, nicht etwa, wie man manchmal lesen kann, dem Talmud. Man behauptet nämlich öfter, daß Spinoza einer talmudischen Vorschrift gefolgt sei, die von jedem Gelehrten die Erlernung eines Handwerks fordere. Aber es handelt sich dabei nicht um eine Vorschrift, sondern nur um einen Rat, der meist unbefolgt blieb; und vollends das Schleifen optischer Gläser hätte Spinoza als Talmudschüler nicht erlernen können.

Lebensart. Schriften

Alle Zeit, die ihm sein Handwerk frei ließ, widmete er seinen Studien. Schlicht und bescheiden lebte er anfangs in einem Dorfe bei Amsterdam, später bei Leiden, in der Nähe des Haag und schließlich im Haag. Dieser Aufenthaltswechsel und die Zurückgezogenheit könnte an Descartes erinnern. Aber zwischen beiden Männern bestand ein großer Unterschied. Descartes, als Edelmann geboren, wohlhabend, unabhängig, wählte sich die Einsamkeit; dem gebannten Juden, der sich sein Brot verdienen mußte, war sie aufgenötigt. Trotzdem oder vielmehr gerade deshalb nahm Spinoza an dem Geschick der ihn umgebenden Bevölkerung weit mehr Anteil als Descartes. Die Glaubensfreiheit Hollands, die seinen Eltern Zuflucht gewährt hatte und ihm trotz aller Anfechtungen Sicherheit bot, war bedroht; denn die kalvinistische Geistlichkeit, der sich aus politischen Gründen das Haus der Oranier anschloß, erstrebte die Alleinherrschaft ihrer Kirche. In diese Streitigkeiten griff Spinoza 1670 durch eine anonym erschienene Abhandlung, den theologisch-politischen Traktat, ein. Wie der Name sagt, behandelt dieses Buch das Verhältnis von Theologie und Politik, von Kirche und Staat, und zwar kämpft es für die Oberherrschaft des Staates und gegen den politischen Einfluß der Geistlichkeit. Zugleich erschüttert Spinoza den Anspruch der Bibel auf göttlichen Ursprung durch eine historische Kritik am Alten Testament, zu der seine jüdische Jugendbildung ihn befähigte. Die kühne Schrift erregte großes Aufsehen: ebenso allgemein wie die Entrüstung war der Wunsch, sie zu lesen. Eine Fülle von Gegenschriften entstand, und der Verfasser, der trotz der Anonymität bald erkannt wurde, hatte die Folgen seines Unterfangens zu spüren. Persönliche Freunde wandten sich von ihm ab, zeitweise schien es, als solle mit dem Buch auch der Verfasser verfolgt werden. Vor ernsthafter Gefahr schützte ihn die Gönnerschaft des Jan de Wit, damals noch der Leiter der holländischen Politik. Indessen schon war de Wits Stellung nicht ohne eigne Schuld erschüttert; denn dieser sonst untadelhafte, stolze Aristokrat hatte das Landheer gegenüber der Flotte vernachlässigt und dadurch den Widerstand gegen das Eindringen der Heere Ludwigs XIV. geschwächt. Die Erbitterung des Volkes darüber, von den Priestern aufgestachelt, führte 1672 zu der gräßlichen Ermordung Jan de Wits und seines Bruders. Leidenschaftliche Empörung über diese Schandtat ergriff den sonst so gelassenen Philosophen. Er wollte, um seiner Entrüstung Ausdruck zu geben, an den Hausmauern ein Plakat anheften, in dem er die Bewohner des Haag für die niedrigsten aller Barbaren erklärte. Unzweifelhaft wäre er bei diesem nutzlosen Beginnen der Volkswut zum Opfer gefallen, wenn ihn sein Hauswirt nicht eingeschlossen und dadurch an der Ausführung seines Vorhabens gehindert hätte.

Aus den äußeren Verhältnissen begreift man, warum zu Spinozas Lebzeiten nur eine Darstellung der Philosophie des Descartes unter seinem Namen erschien; entstanden war diese Schrift für einen Schüler, den Spinoza nicht als reif genug ansah, um ihm die eigene Lehre mitzuteilen. Dies Buch verschaffte dem gebannten Juden einen Ruf an die Universität Heidelberg. Aber so ehrenvoll ein solches Zeichen freier Gesinnung für den Landesherrn, den Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz, ist – so wenig wäre die Ausführung auf die Dauer möglich gewesen. Stand doch in dem an Spinoza gerichteten Briefe neben der Zusicherung der Lehrfreiheit die Erwartung, daß er nichts gegen die Kirche sagen werde. Spinoza wußte, daß Konflikte nicht ausbleiben konnten, und in der klaren, ruhigen Weise, in der er seine persönlichen Angelegenheiten stets besorgte, lehnte er den ehrenvollen Ruf ab. Sein Leben blieb unverändert, aber die doppelte Anstrengung geistiger und körperlicher Arbeit und der Glasstaub, der beim Schleifen entsteht, scheinen seiner zarten Natur geschadet zu haben, er wurde lungenkrank und starb 1677, erst 45 Jahre alt.

Bald nach seinem Tode wurden seine hinterlassenen Schriften, darunter sein Hauptwerk, von seinen Freunden herausgegeben. Spinoza nannte dieses Hauptwerk Ethik, d. h. Lehre vom Sittlichen oder vom rechten Leben. Schon in diesem Titel zeigt sich die Verschiedenheit seines Strebens von dem seines Lehrers Descartes. Für jenen war die Erkenntnis als solche Lebensziel, Spinoza aber wollte durch seine Erkenntnis vor allem die richtige Lebensart finden. Zwang ihn doch schon seine äußere Lage, viel mehr über die Lebensführung nachzudenken. Descartes konnte, während er eine Revolution in seinen Gedanken machte, äußerlich in den Formen seines Standes weiterleben; Spinoza mußte, durch den Bann ausgestoßen, nirgends zugehörig, sich sein ganzes Dasein nach eigenen Grundsätzen aufbauen. Weit wichtiger aber als diese äußeren Dinge war ein tief innerer Unterschied der Naturen. Descartes hatte, wenn man so sagen darf, alle Leidenschaft nur im Kopfe. Die ganze Wärme seiner Natur gehörte dem Suchen nach klarer Erkenntnis; außerhalb dieses Gebietes war er kühl. Selbst seine unzweifelhaft aufrichtige christliche Frömmigkeit war mehr Verstandes- als Herzenssache. Spinoza dagegen war eine durch und durch religiöse Natur, ganz erfüllt von dem Streben nach inniger Vereinigung mit Gott. Im Dienste des Strebens stand für ihn die Erkenntnis. Gerade weil er tief religiös und zugleich Denker war, konnte er sich keiner herrschenden Kirche anschließen. Für Naturen, in denen entweder die Klarheit des Denkens weniger groß ist oder die Gewalt des religiösen Gefühles zurücktritt, ist die äußere Anpassung leichter. Man muß diese tief in Spinozas Natur angelegten Bestrebungen: ein sittlich religiöses Leben durch das Denken zu begründen, mit den am Anfang dieses Vortrags dargelegten folgerichtigen Weiterbildungen der Lehre des Descartes zusammennehmen, um Spinozas Philosophie zu verstehen.