Form und Inhalt der Ethik

Spinozas Hauptwerk ist in einer eigentümlichen Form geschrieben. Da die Geometrie für ihn das Vorbild strenger, wissenschaftlicher Beweise war, bildete er seine Darstellung dem berühmten griechischen Lehrbuch der Geometrie, dem Werke des Euklid, nach. Wie ein Mathematiker beginnt er mit Grundsätzen, deren Wahrheit nach seiner Überzeugung selbstverständlich ist, und mit Erklärungen oder Definitionen der Grundbegriffe. Von diesen Voraussetzungen aus beweist er dann die einzelnen Lehrsätze. Diese Form müssen wir der Verständlichkeit unsrer Darstellung zuliebe ganz unberücksichtigt lassen. Aber es ist doch hervorzuheben, daß die Wahl der geometrischen Darstellung keine willkürliche Laune Spinozas ist, sondern mit dem Inhalt seiner Lehre aufs engste zusammenhängt. Schon Descartes hatte gelehrt, man dürfe nur annehmen, was sich mit derselben Klarheit wie die Sätze der Mathematik einsehen läßt. In einer Art Umkehrung dieses Satzes hatte er ferner geschlossen, daß das klar und deutlich Erkannte an sich auch wahr sei. Folgerichtig war es nun, die Durchführbarkeit einer Darstellung, in der jede Behauptung mathematisch streng bewiesen wird, als Prüfstein für die Wahrheit des philosophischen Systems anzusehen. So wenig also Spinoza seine Grundüberzeugungen durch geometrische Beweise gewonnen hat, und so künstlich einem modernen Leser diese Beweise vielfach zu sein scheinen, so notwendig war doch für Spinoza seine Philosophie erst vollendet, als er sie in jene strenge Form zu kleiden vermochte.

Descartes hatte die Gottheit als den Inbegriff aller Vollkommenheit gefaßt. Von diesem Gedanken eines allervollkommensten Wesens geht Spinoza aus. Da für ihn wie für seinen Lehrer in jeder Wirklichkeit eine Vollkommenheit liegt, muß alle wahre Wirklichkeit Gott angehören. Gott fällt so zusammen mit der Welt; denn unter Welt verstehen wir die Einheit, den inneren Zusammenhang aller Dinge. Gott ist das All, das All ist Gott. Man nennt diese Lehre Pantheismus (griechisch von »pan« All und »theos« Gott), und wir haben bereits gesehen, daß der Pantheismus aus den Voraussetzungen des Descartes notwendig folgte: Er hat aber noch eine andere Wurzel: im religiösen Erleben. Für die rohen Anfänge der Religion bedeutet ein Gott ein übermächtiges Wesen, das dem Menschen schaden oder nützen, wie ein Feind oder wie ein Schirmherr gegenüberstehen kann; so verhielt es sich z. B. bei den Griechen, wie Homer sie schildert. An die Schirmherrschaft eines Gottes über sein Volk schließt sich der Gedanke an, daß die Volkssitte von diesem Gotte stammt und geschützt wird. Gott wird der gerechte Herrscher, dann der liebende Vater des Menschen. Die zunächst als äußeres Gebot befolgte Sitte verklärt sich mehr und mehr zu einer von der Stimme des Gewissens geforderten Sittlichkeit. Je inniger der religiöse Mensch das als Gottesgebot empfundene Sittengesetz mit seinem eigenen Wesen verknüpft fühlt, um so mehr empfindet er die Gottheit in sich selbst wirksam. Aber in uns widerstrebt etwas dieser göttlichen Wirkung, eine Fremdheit bleibt, die zugleich Unseligkeit ist. Ihre Ursache wird darin gefunden, daß wir uns an einzelne Dinge hingeben. Von ihnen müssen wir uns abwenden, dann werden wir mit Gott eins werden. Daher finden wir bei christlichen, jüdischen und mohammedanischen Gottesgelehrten des Mittelalters vielfach den Gedanken, daß der wahrhaft fromme Mensch im Innersten seines Wesens mit der Gottheit zusammenfällt. Wie der Mensch auf der höchsten Stufe der Gott-Innigkeit sich mit Gott eins fühlt, so ist in seinem Kerne jedes Ding eins mit Gott, alle Getrenntheit von Gott ist Schein und Folge des Abfalls. Vereinigung mit Gott finden heißt zugleich, Gott als Kern aller Dinge erkennen. Diese Art der Frömmigkeit, die durch Versenkung aller Gedanken in die Gottheit die volle Vereinigung des Menschen mit Gott sucht, heißt Mystik, und wir können demnach sagen, daß alle Mystik zum Pantheismus strebt. In Spinoza nun trifft eine mystische Religiosität mit jenem verstandesmäßig (rationalistisch) aus der Lehre des Descartes entstandenen Pantheismus zusammen.

Gott ist das allervollkommenste Wesen und der Inbegriff alles Seins, nichts ist außer ihm, also ist er das einzige, was Substanz heißen darf. Aus Wesen und Begriff dieser einzigen, unendlichen, alles umfassenden Substanz muß nun alles einzelne Sein und Geschehen mit mathematischer Notwendigkeit folgen. Die Schöpfung der Welt kann also Spinoza nicht als eine freie Tat Gottes ansehen, die seine Willkür auch hätte unterlassen können; vielmehr ist die Einheit der Welt selbst Gott, es gehört zum notwendigen Wesen Gottes, sich in dieser Welt darzustellen. Alles einzelne ist nur wirklich, sofern es an der Gottheit teilhat. Daß es ein einzelnes ist, beruht auf seiner Beschränktheit und damit auf einer Verneinung. Diese Gleichsetzung von Einzelheit, Beschränkung und Verneinung wird Ihnen zunächst fremd vorkommen. Doch ist nicht schwer zu zeigen, was der Denker damit meint. Wir sind nur Mensch, indem wir nicht Tier, Pflanze und Stein sind, wir können einen bestimmten Lebensberuf nur ergreifen, indem wir auf alle anderen Möglichkeiten der Lebensgestaltung verzichten. So verstehen wir den Satz, mit Hilfe dessen Spinoza die Besonderheit der einzelnen Wesen aus der Einheit der Gottesnatur herzuleiten sucht: Alle Bestimmtheit ist Verneinung.

Gott

Gott oder die Natur oder das allervollkommenste Wesen ist durch und durch erkennbar, freilich nicht für unsern menschlichen Verstand, der selbst vereinzelt, bestimmt, beschränkt und daher mit der Verneinung behaftet ist. Aber sogar unser menschlicher Verstand kann allgemein die Notwendigkeit einsehen, mit der alles einzelne aus der Gottheit folgt, und beherrscht in der mathematisch erkennbaren Ordnung der körperlichen Bewegungen ein ihm zugängliches Teilgebiet der göttlichen Ordnung der Welt. Spinoza ist wie Descartes Anhänger der neuen naturwissenschaftlichen Auffassung der Körperwelt, nach der jede Bewegung aus dem vorangehenden Zustande der Körper notwendig und berechenbar folgt. Für ein Eingreifen des Geistes in die Körperwelt, wie wir es in jeder unserer Bewegungen zu erleben glauben, läßt diese Auffassung, wenn sie streng durchgeführt wird, keinen Raum. Alle körperlichen Bewegungen sind wieder nur durch andere körperliche Bewegungen hervorgerufen, unsere Armbewegung etwa durch eine Bewegung in unserem Gehirn. Nun haben wir aber als denkende Wesen Anteil an einer von der Körperwelt ganz verschiedenen Art des Seins. Dieses geistige Sein ist im Grunde vom Körper ebenso unabhängig, wie jener von ihm. Man sieht, Spinoza folgert aus der schroffen Entgegensetzung von Geist und Körper, wie Descartes gelehrt hatte, die Unmöglichkeit ihrer Wechselwirkung. Es entsteht daher für ihn die Aufgabe, das anscheinende Ineinanderwirken geistiger und körperlicher Geschehnisse zu erklären. In der göttlichen Einheit besitzt er das Mittel dazu. Alle einzelnen Dinge, Körper wie Seelen, sind nur notwendige Folgen und Einschränkungen der einen wahrhaft wirklichen Gottnatur. Diese ist nun so beschaffen, daß sie sich in unendlich vielen Weisen entfaltet und offenbart. Diese Entfaltungsweisen der Gottheit, deren jede von jeder anderen unabhängig, jede in ihrer Art unendlich ist, nennt Spinoza Attribute. Von den unendlich vielen Attributen der Gottheit sind uns nur zwei zugänglich, die Ausdehnung oder die Körperwelt und das Denken oder die Welt des Geistes. Beide sind völlig unabhängig voneinander; aber da beide derselben allumfassenden, göttlichen Einheit angehören, herrscht in beiden die gleiche gesetzliche Ordnung. Nicht unser Gedanke oder Willensentschluß bewegt unsern Arm; aber es ist in der Einheit Gottes begründet, daß, wenn wir den Arm bewegen wollen, zugleich aus der Notwendigkeit des körperlichen Geschehens eine Gehirnbewegung folgt, die Ursache der Armbewegung wird. Niemals erzeugt ein Gedanke eine Bewegung oder eine Bewegung einen Gedanken. Aber da Bewegungen und Gedanken aus derselben göttlichen Notwendigkeit folgen, ist die Ordnung und Verknüpfung der körperlichen Dinge dieselbe wie die Ordnung und Verknüpfung der Gedanken.

Körper und Seele

Notwendig folgt daraus weiter, daß jedem körperlichen Dinge ein seelisches Sein entspricht. Unsere Seele kann ja für Spinoza nicht wie für Descartes eine selbständige Substanz sein, vielmehr ist sie ein bloßes Stück der göttlichen Ordnung der Geisterwelt, das einem bestimmten Stück der göttlichen Ordnung der Körperwelt, eben unserem Körper, entspricht. Was von unserem Körper gilt, muß für jeden anderen ebenso zutreffen. Spinoza hat nicht mehr nötig, die Tierseelen zu leugnen, denn sie sind in seiner Welt keine Ausnahme; vielmehr gehört für ihn auch zu allem scheinbar Unbeseelten etwas Seelisches. Wir müssen uns aber sehr hüten, diese Überzeugung des Philosophen mit der poetischen Naturbeseelung zu verwechseln, die sich z. B. in der griechischen Göttersage findet. Für den Griechen lebt in Baum und Quell ein uns verwandtes, unsern Bitten zugängliches Wesen. Für Spinoza gehören wir selbst zu einer notwendigen Ordnung, die durch unsere Wünsche nicht im mindesten geändert werden kann. Von einem menschlichen Hineinfühlen in die Körperwelt ist gar keine Rede. Die nach innerer Zweckmäßigkeit den Lauf der Welten regelnden Sternseelen, die die Renaissance annahm, werden nicht etwa der neuen Astronomie zum Trotz wiederhergestellt – im Gegenteil: auch die Bewegung der Glieder unseres Leibes vollzieht sich nach unerbittlicher Notwendigkeit. Zwecke und Zweckmäßigkeit gibt es in der Natur nicht, nur Ursachen und ihre notwendigen Wirkungen. Genau die gleiche Notwendigkeit aber herrscht auch auf geistigem Gebiete. Jede Regung unserer Seele folgt ebenso unbedingt mathematisch aus Gottes Entfaltungsweise oder Attribut des Denkens, wie der Fall eines geworfenen Steines aus Gottes Attribut der Ausdehnung folgt. Darum betrachtet der Philosoph die menschlichen Leidenschaften ohne Liebe und Abscheu, mit der gleichen kühlen, verstandesmäßigen Ruhe wie die geometrischen Figuren. Auch sie folgen notwendig aus Gott und sollen in dieser Notwendigkeit verstanden werden.