Man sieht, in dieser streng einheitlichen und geordneten Welt ist kein Platz für Freiheit des Willens. Unsre Taten und Gedanken sind durch den göttlich natürlichen Zusammenhang so notwendig bestimmt, wie die Umdrehung der Erde oder der Fall des Steins. Wir halten uns nur für frei, weil wir die Ursachen unserer Handlungen nicht kennen. Auch der geworfene Stein würde, wenn das ihm entsprechende Denken entwickelt genug wäre sich diese Frage zu stellen, meinen, er sei frei. Denn er würde die werfende Hand und die Anziehung der Erde nicht genügend erkennen. Ebensowenig hat diese Welt Raum für Unterschiede von gut und böse, von schön und häßlich. Alles einzelne folgt ja mit gleicher Notwendigkeit aus Gott. Nennen wir etwa ein Tier schädlich, so beziehen wir es einseitig auf die unbedeutende, kleine, eingeschränkte Erscheinung Gottes, die wir selbst sind. In der Ordnung des Weltganzen, der Gottheit, hat die Giftschlange dasselbe Recht wie der Mensch; und für die Giftschlange ist der Mensch, der sie totschlägt, mit gleichem Recht böse wie die Schlange für den Menschen. Auch können wir durch unsern Entschluß nichts an der Welt und folglich auch nichts an uns selbst ändern; sind wir doch ganz und gar Folgen der Weltordnung.
Nahe liegt hier die Folgerung, es hätte keinen Sinn, Vorschriften für das Verhalten der Menschen zu geben. Indessen dies wäre ein verzweifelter Abschluß für ein Werk, das den Titel Ethik führt und vor allem eine Anweisung zum rechten Leben erteilen will. In der Tat bemerken wir hier einen Bruch in dem scheinbar so fest geschlossenen System Spinozas. Ich habe meine Darstellung absichtlich so eingerichtet, daß Sie diesen Bruch deutlich erkennen. Wir verfahren im Sinne Spinozas, wenn wir unbekümmert um die Rücksicht auf seine Person und seinen Ruhm die Wahrheit suchen und sagen. Spinoza selbst hat die Schroffheit dieses Bruches nicht empfunden. Hätte ich Sie den Weg zu seinem Lebensideale geführt, den er selbst ging, so wäre sicherlich auch den meisten von Ihnen der Widerspruch verborgen geblieben. Denn es besteht zwischen Spinozas System und seiner Lebensweisheit zwar kein logisch unanfechtbarer Zusammenhang, aber eine um so engere Einheit persönlichen Erlebens, die wir nachzuerleben versuchen müssen.
Der einzelne Mensch existiert als Einzelwesen nur durch Verneinung, durch Einschränkung des göttlichen Seins auf seine enge Eigenart. Jedes einzelne Wesen sucht sich selbst zu erhalten. Sofern es dabei an seine Besonderheit denkt, kann es in Streit mit anderen Wesen kommen. Denn es wird dann leicht geschehen, daß mehrere den Besitz desselben Dinges zur Erhaltung oder Ausbreitung ihrer Macht nötig zu haben glauben. Wenn aber der Mensch erkannt hat, daß alle Dinge, alle andern Menschen und er selbst in Wahrheit zu demselben Wesen, zur Gottheit, gehören, wird das anders. Der Mensch, sofern er denkendes Wesen ist, hat so viel Wirklichkeit in sich, wie er Gotteserkenntnis besitzt. Hat er das einmal recht eingesehen, so weiß er, daß die wahre Erhaltung und Erhöhung seines Wesens einzig in der Gotteserkenntnis besteht. Da die ganze Ordnung der Natur die Gottheit offenbart, so führt jede wirkliche Einsicht in den notwendigen Zusammenhang der körperlichen oder der geistigen Dinge zu Gott. Soweit Menschen überzeugt sind, daß ihr wahres Wesen, ihre echte Selbsterhaltung in der Erkenntnis besteht, können sie nicht mehr in Kampf miteinander geraten. Denn diese wahre Einsicht ist kein Gut, das dem einen durch den andern entrissen werden könnte, im Gegenteil muß jedem daran liegen, daß möglichst viele seine Einsicht teilen, damit er mit seinen Mitmenschen in Eintracht leben kann. In der wahren Erkenntnis hören wir auf, einzelne Menschen zu sein. Jeder wahre Satz ist ja wahr ohne Rücksicht auf die besonderen Eigenschaften dessen, der ihn denkt.
Erkenntnis und Gottesliebe
Bis hierher spricht Spinoza verstandesmäßig kühl und nüchtern. Nun aber in den letzten Sätzen seines Werkes bricht die Wärme seines religiösen Gefühls durch. Jene Gotteserkenntnis führt zugleich zur Liebe zu Gott. Denn sein eigenes wahres Wesen liebt jeder, und in der rechten Gotteserkenntnis erfaßt der Mensch dieses Wesen als Einheit mit Gott. Hier berührt sich Spinoza am innigsten mit der Mystik. Aber was der Mystiker durch religiöse Übungen oder durch Abscheidung von der Welt und Versenkung in sein eigenes Inneres zu erreichen sucht, die Vereinigung mit der Gottheit, das erstrebt Spinoza auf dem Wege verständiger Erkenntnis. Auf der höchsten Stufe führt diese Erkenntnis dazu, in allem, was geschieht, die eine große notwendige göttliche Ordnung zu erblicken und zu lieben. Diese Liebe verzichtet auf die Möglichkeit der Gegenliebe. Wer Gott wahrhaft erkannt hat, weiß ja, daß Gott kein einzelnes Wesen neben anderen Wesen, sondern die einheitliche Ordnung der Welt ist. Die Gottheit würde erniedrigt werden, wenn sie irgendeinen Teil der Welt, der ja ein besonderer Teil nur durch Verneinung ist, mit besonderer Liebe umfaßte. Der echte Liebende will doch aber das Geliebte nicht herabziehen. »Wer Gott wahrhaft liebt, wünscht nicht, daß Gott ihn wieder liebt.« Die echte Gottesliebe ist also im höchsten Maße uneigennützig.
Als Goethe mitten in den leidenschaftlichen Stürmen seiner Jugend auf diesen Satz Spinozas stieß, fand er darin einen tiefen Frieden. Goethe war nicht, wie man oft lesen kann, im eigentlichen Sinne Anhänger Spinozas, aber der Gedanke einer göttlichen Einheit der Welt und das uneigennützige Gefühl der Liebe zu dieser Gottnatur begleiteten ihn durch sein reiches Leben. Mit diesen letzten Sätzen, in denen sich die Persönlichkeit des Weisen rein offenbart, wollen wir heute schließen. Es liegt eine tiefe innere Wahrheit in dieser uneigennützigen Gottesliebe, auch wenn es Spinoza nicht gelungen ist, sie ohne Widerspruch mit den Voraussetzungen seiner Philosophie zu verbinden.
Spinoza
Nach Seydlitz, Historisches Porträtwerk