Fichte hat sich, wie wir wissen, schon vorher der Wirklichkeit mehr und mehr genähert. Jetzt, unter dem Eindruck der Vernichtung aller deutschen Staaten, tat er den letzten entscheidenden Schritt. Schon der Titel beweist das: er spricht nicht mehr zu Menschen schlechthin oder zu Gelehrten schlechthin – er spricht zu Deutschen. Fichte hat die sittliche Notwendigkeit des besonderen deutschen Volkstums in seinem Schmerz um den Zusammenbruch, in seinem Kampf um die Umgestaltung erlebt. Aber wie er überall nicht vermag, die Anerkennung des Gegebenen mit der Einheit der Vernunft zu verbinden, so gelingt ihm auch hier die Erhebung seines Vernunftinstinktes zu einsichtigem Bewußtsein nicht ohne Rest. Er kann nicht das Recht der geschichtlich gewordenen Mannigfaltigkeit verschiedener Nationen anerkennen, die auf verschiedenen Wegen dem Ziel des rechten Volkslebens nachstreben. Vielmehr fordert seine Einheit heischende Vernunft ein Volk, und dies eine Volk sieht er jetzt in den Deutschen, weil sie allein unter den Völkern germanischer Herkunft sich die Reinheit der Ursprache bewahrt haben (die Skandinavier zählt er folgerecht zu den Deutschen). Die anderen Völker können nur durch das Menschheitsvolk, durch die Deutschen, zur Höhe der wahren Menschheit erhoben werden. Dabei denkt Fichte freilich nicht an Gewalt oder politische Herrschaft, sondern nur an geistige Einwirkung. Voraussetzung dazu ist aber die staatliche Unabhängigkeit. Nur ein von äußerer Herrschaft freies Volk kann seine Aufgabe erfüllen; auch der einzelne kann nur als Glied eines freien Volkes erfolgreich wirken. Darum muß er mit Einsetzung aller Kraft danach streben, daß das Volk, dem er angehört, dessen Sprache sein Innenleben gebildet und genährt hat, auch nach außen seine Geschicke selbst bestimmt, wenn nötig Gewalt der Gewalt entgegensetzend. Freilich, der tiefste sittliche Wert des einzelnen ist vom Erfolge unabhängig; er kann ohne Schuld sein, wenn sein Volk untergeht, er kann und darf dann bei seinen vergeblichen Kämpfen Trost aus dem Glauben schöpfen, daß auch erfolgloses, sittliches Wirken ewigen Wert hat und irgendwie, auch wenn wir es nicht zu erkennen vermögen, der moralischen Weltordnung dient. Aber dieser letzte Trost der Religion, der den verzweifelten Kämpfer aufrechterhält, soll nicht die Schlaffheit beschönigen. Gerade weil Fichte ganz von lebendiger Religion durchdrungen war, hatte er scharfe Worte gegen die, die aus der ewigen Seligkeit ein Schlummerkissen machen wollten. Wir sind auf der Erde, um hier nach Kräften dem für recht Erkannten zum Siege zu verhelfen. »Der natürliche, nur im wahren Falle der Not aufzugebende Trieb des Menschen ist der, den Himmel schon auf dieser Erde zu finden, und ewig Dauerndes zu verflößen in sein irdisches Tagewerk, das Unvergängliche im Zeitlichen selbst zu pflanzen und zu erziehen.« In diesem Sinne ruft Fichte hier die Deutschen auf. Jeder soll an der besseren Zukunft mitarbeiten. Denn im Entschlusse jedes einzelnen liegt das Heil. »Diese Reden sind nicht müde geworden euch einzuschärfen, daß euch durchaus nichts helfen kann denn ihr euch selber.« Im energischen Willen allein liegt die Möglichkeit einer Besserung.

Der Wille eines ganzen Volkes aber ist nicht auf einmal umzuwandeln. Hier muß die Erziehung eintreten, und darum entwickelte Fichte in den Reden an die deutsche Nation einen großgedachten Erziehungsplan, dessen Einzelheiten ich nicht besprechen kann. Fichte knüpfte an Pestalozzis Versuche an, jedem, auch dem ärmsten Kinde, zu freiem menschlichen Bewußtsein, zur Beherrschung seiner Sinnes- und Verstandesgaben zu verhelfen, den Geist jedes Kindes frei zu machen durch Arbeit, Einsicht und Liebe. Wie Fichte diese Erziehung fern von der Verderbnis der ihn umgebenden Welt durchgeführt denkt, ist uns weniger wesentlich. Das Entscheidende ist, daß jeder zur Selbsttätigkeit und zur freiwilligen Unterwerfung unter das für recht Erkannte erzogen werden soll. Nicht dumpfe Knechte einer äußeren Autorität, nicht schlaffe Sklaven der eigenen sinnlichen Triebe, sondern freie Diener des Vernunftgebotes, autonome Menschen sollen gebildet werden.

Nicht in den Mitteln der Erziehung, wohl aber in dem Werte, den er auf Erziehung und Bildung legte, und in dem hohen Ziele, das er der Bildung gab, stimmte Fichte mit den Männern überein, die Preußen damals von Grund auf erneuerten. Sie konnten das ungestört tun, denn den politischen Wert der besseren Erziehung erkannte Napoleon nicht. In diesem Sinne wurde unter Fichtes lebhaftester Anteilnahme die Universität Berlin begründet. Auch diesmal entsprach die Wirklichkeit nicht ganz den strengen und hohen Ansprüchen des Philosophen. Aber Fichte wußte jetzt, daß wir in der Umgebung, in die wir hineingesetzt sind, zu wirken haben trotz aller Widerstände; er ließ daher das Werk nicht im Stich.

Fichtes Tod. Rückblick

Als dann 1813 der Befreiungskampf begann, wollte Fichte abermals wie schon 1806 als religiöser Redner mit in den Krieg ziehen. Da ihm das auch diesmal nicht gewährt wurde, blieb er in Berlin, übte seinen Beruf weiter aus und ließ sich einexerzieren, um im äußersten Falle als Soldat des Landsturms dem Vaterland zu dienen. Seine wackere Frau half die zahlreichen Verwundeten und Kranken pflegen, die besonders seit den Schlachten von Großbeeren und Dennewitz nach Berlin gelegt wurden. Sie zog sich dabei selbst eine ansteckende Krankheit zu. Fichte pflegte sie und ging, um ihr Leben bangend, am 3. Januar 1814 ins Kolleg. Er las zwei Stunden über höchst abstrakte Fragen der reinen Philosophie, während er fürchtete, seine Frau nicht mehr lebend anzutreffen. Als er nach Hause kam, sagten ihm die Ärzte, daß die Krise vorüber und die Kranke wahrscheinlich gerettet sei. Froh beugte er sich über sie und empfing dabei vermutlich selbst den Keim der Krankheit, der er am 29. Januar 1814 erlag, während seine Frau genas.

Obwohl dieser Tod Fichtes Leben gleichsam krönt, wäre es doch ganz und gar nicht in seinem Sinne, mit dem Tode zu schließen. Fichtes Philosophie ist eine Lehre des Lebens und seiner Gestaltung durch den vernünftigen Willen. Diese Formel gemahnt an Sokrates und fordert zu einem Rückblicke auf.

Sokrates hat als erster die Grundfrage nach den Zwecken unseres Daseins in den Mittelpunkt des Nachdenkens gestellt und dadurch der Philosophie ihren wahren Gegenstand bestimmt. In der Erkenntnis glaubte er die Lösung aller Schwierigkeiten zu besitzen. Noch hing er mit den Überlieferungen seines Volkes so eng zusammen, daß er überzeugt war, durch sein Denken die alte Sitte und Religion nicht umzustürzen, sondern erst in voller Reinheit zu erfassen. Platon, von der Wirklichkeit zurückgestoßen, in seinen Reformversuchen erfolglos, baute in großartiger Weise ein System menschlicher Ziele auf und stellte es in eine Welt, die selbst ganz und gar nach den Ideen der Vernunft gebaut ist. Die Wissenschaft der Neuzeit beweist im Gegensatz dazu, daß unsere Naturerkenntnis nicht nach Zwecken, sondern nach Ursachen fragen muß, wenn sie Erfolge erzielen will. Von neuem fordert der Umsturz einer lange herrschenden Denkweise zu einer Prüfung der Erkenntnisgrundlagen auf; Descartes findet in der Selbstgewißheit des Denkens den festen Punkt, von dem aus er den Zweifel überwindet. In ihm erreicht die Einsamkeit des Philosophen, seine Entfremdung von Staat, Volk und Gesellschaft einen Höhepunkt; denn schon sein Schüler Spinoza, durch das Schicksal ganz auf sich selbst gestellt, betont doch wieder die Fragen des menschlichen Zusammenlebens. Er findet in der Hingabe an eine ganz verstandesmäßig gedachte Gottnatur Befriedigung seiner religiösen Sehnsucht. Aber so groß der Eindruck seines Systems ist, der kritischen Vernunft hält es nicht stand. Wir haben an ihm die Unmöglichkeit einer Metaphysik und damit zugleich einer Ethik erkannt, die von einer Vorstellung des Weltzusammenhanges her den Wert unseres Lebens bestimmen wollte. Kant erst macht vollen Ernst damit, die Philosophie auf die Untersuchung der Voraussetzungen und der Tragweite unseres Erkennens zu begründen. Er findet, daß die Welt selbst unsere Aufgabe ist, daß wir sie als Ziel verstehen müssen, nicht aus ihr unsere Ziele ableiten dürfen. Zugleich macht er mit seiner Ethik des guten Willens der alten Einseitigkeit ein Ende, die glaubt, daß durch die richtige Erkenntnis schon das richtige Handeln gewonnen sei. So schafft er die Grundlagen, von denen aus wir nun von neuem versuchen müssen, Klarheit über die Ziele unseres Lebens zu erlangen. Als erster hat Fichte diese Aufgabe in ganz bestimmter Weise zu lösen begonnen. Von allgemeinen Forderungen ausgehend, kam er schrittweise zu der Erkenntnis, daß jedem Menschen nach seiner besonderen Stellung in seiner Zeit und in seinem Volke besondere Aufgaben erwachsen. Die Einheit mit seiner Umgebung, die in Sokrates trotz der beginnenden Entfremdung noch naiv vorhanden ist, wird hier als Vernunftziel gestellt. Dieser Gedanke ist für unsere Gegenwart besonders wichtig; wir sind getrennt und zerspalten in Stände und Parteien, jeder von uns ist auf ein kleines Lebens- und Arbeitsgebiet beschränkt und muß es sein, wenn er etwas leisten will. Die enge und innige Einheit, die eine als selbstverständliche Wahrheit hingenommene Überlieferung früheren Jahrhunderten gab, ist unwiderbringlich verloren. Und doch sollen wir ein echtes Volk, ein einheitlich fühlendes und handelndes Volk werden; denn wir sind weit entfernt es zu sein. Wir können das nur durch »Vernunftkunst«, um Fichtes Wort zu gebrauchen, durch wissenschaftlich begründete und dem Leben angepaßte Überzeugungen von dem, was wir sollen. Wir müssen dabei Fichtes Irrtum, die Mannigfaltigkeit des Lebens aus der Einheit der Vernunft abzuleiten, überwinden. Aber die Aufgabe, mit der er sein Leben lang kämpfte, die Vereinigung reinsten Wollens und Erkennens aus ursprünglichster Kraft mit Anerkennung des geschichtlich gewordenen Zusammenhangs ist auch die unsere.

Ich konnte Ihnen nur den ersten Anfang des Weges zeigen, den man hier gehen muß. Meine Absicht war, die Überzeugung von der Notwendigkeit der Philosophie als einer Wissenschaft von den Zielen unseres Lebens zu wecken und Ihnen die sicheren Grundsätze dieser Wissenschaft mitzuteilen.