Wir haben nicht zu untersuchen, ob und inwieweit die einzelnen Vorschläge des geschlossenen Handelsstaates notwendig, zweckmäßig und durchführbar sind. Philosophisch wichtig ist die Art ihrer Begründung, und diese muß für solche Untersuchungen vorbildlich bleiben, mögen auch alle Einzelheiten durch veränderte Verhältnisse und erweiterte nationalökonomische Kenntnisse sich ganz anders darstellen.

Unwillkürlich werden Sie bei diesem Staatsideal an den platonischen Staat zurückgedacht haben. Der Gegensatz fällt sofort in die Augen: Platon hatte zwar für die oberen Stände das Privateigentum abgeschafft, aber – wenigstens im »Staat« – keinen eigentlichen Sozialismus gelehrt; denn die Eigentumsverteilung des wirtschaftlich arbeitenden Volkes, die ganze Lage dieses Volkes war ihm gleichgültig gewesen. Das hängt mit Platons Philosophie aufs engste zusammen; ihm kam es überall nur darauf an, daß die Ideen sich rein in der Wirklichkeit spiegeln, daher bestand für ihn die Aufgabe des Staates darin, die Idee des Menschen, der kein einzelner gleichzukommen vermag, im Großen darzustellen. Der Nährstand entsprach dabei den niederen Begierden und Trieben, die zum Leben nötig sind, im übrigen aber dienen müssen. So hoch diese Anschauung mit ihrer reinen Hingabe an das Ideal auch steht, immer blickt sie auf den Erfolg, nicht auf den Willen; wer jeder Menschenseele die Anlage zur vollen Sittlichkeit zuspricht, wer im guten Willen unabhängig von der Höhe der Erkenntnis und der Größe der Fähigkeiten den höchsten Wert sieht, kann solche aristokratische Härte nicht gutheißen. Das Christentum, für das jeder Mensch zur Gotteskindschaft berufen ist, mußte den starren antiken Stolz schmelzen; erst auf seinem Boden konnte der Gedanke von dem unvergleichlichen Werte jeder Seele wachsen, den die neuere Philosophie zur Klarheit brachte. Die Idee der Menschheit liegt für Kant und Fichte in jedem einzelnen Menschen, und darum hat jeder ein Recht darauf, sich seinen Fähigkeiten gemäß als freie, sittliche Persönlichkeit zu betätigen.

Fichte blieb mit Ausnahme einer kurzen Lehrtätigkeit an der damals preußischen Universität Erlangen in Berlin. Er ließ seine Familie dorthin nachkommen und verkehrte viel mit allen führenden Geistern der preußischen Hauptstadt. Berlin besaß damals noch keine Hochschule, aber dem Bildungsbedürfnis weiter Kreise kam man durch Vorlesungen entgegen. So hielt auch Fichte öffentliche Vorträge, die sehr besucht waren.

In diesen Reden schmeichelte er der vornehmen und bildungsstolzen Gesellschaft keineswegs, erfüllte vielmehr hier wie immer, wenn er sich an die breitere Öffentlichkeit wandte, die Aufgabe, durch die Philosophie auf das Leben bessernd zu wirken. Ja, er faßte diese Aufgabe jetzt noch viel genauer. Er stellte nicht mehr bloß ein Bild des Gelehrten, des Staates, des Menschen auf, wie er sein sollte, sondern er fragte nach der besonderen Beschaffenheit seiner Zeit und nach den Aufgaben, die aus dieser besonderen Beschaffenheit folgten.

Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters

Im Winter 1804–1805 hielt er Vorträge unter dem Titel: Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters. Die Frage, was bedeutet unsere Zeit, kann man nur beantworten, wenn man eine Überzeugung von der Bestimmung des Menschengeschlechtes zugrunde legt und dann untersucht, wie sich die bisherige Entwicklung zu dieser Bestimmung verhält. Das Ziel des Menschen ist sittliches Handeln, d. h. ein Handeln aus Pflichtbewußtsein und zugleich aus voller Pflichterkenntnis. Seine Pflicht erkennen aber kann nur der Mensch, in dem das vernünftige Denken frei und mächtig geworden ist. Auch soll er ja das Rechte aus seiner eigenen Erkenntnis heraus tun, er soll autonom sein und nicht einer fremden Autorität folgen. Wenn die Menschheit auf dieser Stufe stehen wird, so werden auch alle äußeren Angelegenheiten den Anforderungen der Vernunft gemäß geordnet sein. Das Ziel der Menschheit ist also ein Zeitalter der Vernunftkunst. Wie verhält sich nun die bisherige Entwicklung zu diesem Ziele? Der Mensch soll sich zum Vernunftwesen entwickeln. Daraus folgt, daß er am Anfang seiner Geschichte noch kein solches Vernunftwesen ist, aber doch die Anlage dazu in sich hat. Die noch unbewußte Anlage bewährt sich zunächst in einer für die früheren Zustände des Menschengeschlechts zweckmäßigen Lebensordnung. Da diese Regelung nicht dem Denken entstammt, doch aber zweckmäßig ist, spricht Fichte von einem Vernunftinstinkt. Noch unfähig, sich selbst das Gesetz zu geben, unterwerfen sich die Menschen einer äußeren Autorität. Ein bloß gesetzliches Handeln gewöhnt sie an Beherrschung ihrer sinnlichen Triebe durch ein Gebot. Zugleich bilden sich die äußeren Formen des menschlichen Zusammenlebens aus, auch sie geschützt durch die Heiligkeit göttlicher Gebote. Da aber der Mensch dazu bestimmt ist, frei zu werden, so muß er aus diesem Zustande heraustreten, er muß dazu übergehen, selbst zu prüfen und nur das zu befolgen, was er für recht erkannt hat. Diese Befreiungs- und Aufklärungsbewegung führt zunächst zum Zweifel an dem Rechte der Autoritäten, die bis dahin die egoistischen Triebe in Schranken gehalten haben, und bald zur Leugnung dieses Rechtes. Da die Einsicht in das Sittengesetz, in die Notwendigkeit der Vernunft fehlt, folgt jeder seiner eigenen Selbstsucht. Nur die gegenseitige Furcht hält die Ordnung der menschlichen Gesellschaft noch aufrecht. Aus wohlverstandenem Eigennutz schont man Leben und Eigentum der andern, damit diese uns die gleiche Rücksicht zuteil werden lassen; aber niemand will für das Ganze, für große sittliche Ziele Opfer bringen. Dieser Zustand kann nur überwunden werden, wenn das von seinen Fesseln befreite Denken sich auf die in ihm selbst liegenden Befehle der Vernunft besinnt, und wenn das durch keine Autorität mehr gebundene Handeln sich aus Erkenntnis seiner Pflicht in den Dienst der großen Ziele der Menschheit stellt. Noch, so sagt Fichte zu seinen Hörern, die meist in dem Gefühle lebten, es herrlich weit gebracht zu haben, noch fehlt den meisten diese Einsicht und dieser Entschluß, noch leben wir im Zeitalter der vollendeten Sündhaftigkeit. Die Menschheit muß durch diesen Zustand hindurch, aber nur solche Völker werden die allgemeine Kultur fördern und selbst weiterbestehen, deren Mitglieder aus eigener Freiheit sich sittlich bestimmen.

Denken wir an den Zeitpunkt jener Vorträge, so wirken sie fast prophetisch. Schon 1806 brach der preußische Staat zusammen. Nach der Schlacht bei Jena (14. Oktober 1806) verließ Fichte Berlin. Er konnte nicht als Untertan des fremden Eroberers leben, der für ihn eine Verkörperung kraftvoller Selbstsucht war, und dessen Sieg er sich daraus erklärte, daß seine Gegner Selbstsucht mit Schwäche paarten. In Königsberg, wohin Fichte dem König gefolgt war, faßte er, als Preußen und Deutschland für immer vernichtet schienen, zugleich mit wenigen andern Getreuen Entschluß und Plan der inneren Erneuerung. Der Grundsatz seiner kraftvollen Sittlichkeit: »Du kannst, denn du sollst«, hatte sich jetzt zu bewähren. Der lebenden Generation freilich traute er die Kraft sittlichen Entschlusses nicht zu, sondern erwartete die Besserung von einem besser erzogenen Geschlechte. Jetzt erkannte er die volle Bedeutung der neuen Erziehungsweise, die er bei Pestalozzi in Zürich kennengelernt hatte.

Reden an die deutsche Nation

Um die in Königsberg gefaßten Vorsätze zu verwirklichen, hielt er in Berlin, wohin er nach dem Friedensschlusse zurückgekehrt war, unter den Augen der französischen Spione im Winter 1807–1808 seine berühmten Reden an die deutsche Nation. Kurz zuvor war in Nürnberg der Buchhändler Palm standrechtlich erschossen worden, weil in seinem Verlage eine gegen Napoleon gerichtete Broschüre erschienen war. Unter dem Eindruck dieser Gewalttat schrieb Fichte am 2. Januar 1808 an Beyme: »Ich weiß recht gut, was ich wage, weiß, daß ebenso wie Palm das Blei mich treffen kann. Aber dies ist es nicht, was ich fürchte, und für den Zweck, den ich habe, würde ich auch gerne sterben.«

Die Reden an die deutsche Nation knüpften unmittelbar an die »Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters« an. Die Zeit der vollendeten Sündhaftigkeit hat ihre Früchte gezeitigt, der Staat ist zusammengebrochen. Jetzt hat es keinen Sinn mehr, über vergangene Sünden zu rechten, sondern es kommt darauf an, einen neuen Entschluß zu fassen. Denn sonst wird das deutsche Volk geknechtet bleiben, damit aber wäre die Zukunft der ganzen Menschheit gefährdet.