VII.
Zwirner war von vielerlei Geschäften in Anspruch genommen, weil Deputirte aller Hauptrudervereine da waren, Statuten und Preisausschreiben berathen werden sollten und internationale Verhandlungen schwebten wegen einer Regatta, die den Sieg unter allen Meistern Europas für die nächsten drei Jahre entscheiden und welche im nächsten Jahre am Rhein stattfinden sollte. Wir nahmen daher seinen Vorschlag gerne an, Reisen und Ausflüge auf eigene Faust zu unternehmen.
Wir besuchten den Badeort Baden und kamen dann auf den Semmering, wo noch ein altes Hôtel der vormals bestandenen Südbahngesellschaft steht. Wir sahen auf Photographien, die noch aufbewahrt waren, die ursprüngliche Anlage, die natürlich sehr erweitert und verschönert worden war, wie auch ein kaiserliches Lustschloß jetzt am schönsten Punkte steht, wo heuer ein Graf Coronini Hof hielt. Wir hätten uns kaum an diesem schönen Platze aufhalten können, der meist überfüllt ist, wenn nicht viele Gäste eines Festes wegen nach Graz gefahren wären. Man bat uns aber, nicht länger als bis zum nächsten Abend zu bleiben, weil der Aufenthalt für Leute von schwacher Gesundheit bestimmt sei, die hier Stärkung fänden.
In Bruck an der Mur, einem reizend gelegenen kleinen Orte, brachten wir eine Nacht zu. Um ein Uhr ertönten alle Gongs. Wir fuhren erschreckt auf und hatten nur noch Zeit, über die Stiege hinabzustürzen, da unser Wohnhaus in hellen Flammen stand. Kein Leben wäre in Gefahr gekommen, da überall Nachtwache gehalten und jedermann rechtzeitig gewarnt werden soll. Pflichtvergessenheit hatte das Uebel aber vergrößert. Alle waren guten Muthes; man half das Feuer localisiren und eine tapfere, todesmuthige freiwillige Feuerwehr, wohl ausgerüstet, rettete, was zu retten war.
Aber wir Armen! Wir hatten von unserer ganzen Habe nur das Hemd und die Socken gerettet und waren in Verzweiflung, deren Eingeständniß nur mit Lachen beantwortet wurde. Einige Männer nahmen uns, um uns vor den Frauen zu verbergen, in die Mitte, führten uns in ein gesichertes Gebäude, und ehe wir uns dessen versahen, waren wir mit neuer Wäsche und Kleidern aus den Vorräthen versehen und der Verwaltungsbeamte bat uns anzugeben, was uns sonst abhanden gekommen wäre. Wir hatten Ersatz, aber nicht das geringste persönliche Eigenthum mehr. Wie sollten wir nach Amerika kommen? Doch fühlten wir uns geborgen und begriffen, daß der Communismus auch sein Gutes habe. Nun erfuhren wir aber, daß uns alles, was noch fehlte, in Graz ersetzt werde, wo wir ja doch einige Stunden verweilen würden.
Wir wurden auch unterrichtet, daß die bezahlte Reisegebühr auch als Versicherung für Zufälle gelte und wir nach unserer Wahl beim Austritte aus Oesterreich die uns zur Verfügung gestellten Sachen, die besser und schöner waren, als was uns verbrannt war, behalten oder baaren Ersatz begehren könnten, der nach unserer Schätzung werde bezahlt werden.
Endlich fertigte uns noch der Ortsbeamte eine Interimsreisekarte aus. Da unsere Karten verbrannt waren, und er sagte uns zu, daß wir Duplicate unserer Reiselegitimationen in zwei Tagen aus Salzburg in Graz zugestellt erhalten würden.
Noch in der Nacht wurde Gericht gehalten über die schuldtragenden Personen. Es waren drei angeklagt. — Ein 15jähriges Mädchen hatte sich spät nachts, nachdem es sich entkleidet hatte, im Spiegel beguckt und dabei war das Licht dem Vorhange zu nahe gekommen. Da entstand das Feuer. Eine Matrone, welche in den Schlafsälen der unmündigen Mädchen die Aufsicht hatte, war auf ihrer Runde nach diesem Gemache gekommen und hatte auf die Bitten der kleinen Uebelthäterin versucht zu löschen und es unterlassen, das Haus und die Verwaltung zu alarmieren, was mit einem Drucke auf eine elektrische Klingel hätte bewirkt werden sollen. Der junge Mann endlich, welcher auf dieser Seite die Nachtwache hatte, war im Garten auf einer Bank eingeschlafen.
Die Angeklagten wurden vor den Verwaltungsbeamten gerufen, der die Disciplinargewalt hatte. Ein Verbrechen lag nicht vor und es kam daher die Jurisdiction ihm zu. Der Sachverhalt war in wenigen Minuten festgestellt, da viele Zeugen zugegen waren.
Die jungen Leute, welchen nur Nachlässigkeit zur Last fiel, kamen gelinde durch. Es wurden ihnen die Sonntage auf ein Jahr und die Ferien auf drei Jahre gestrichen. Der junge Mann sollte auf die Hochschule kommen, da man ihn zum Verwaltungsdienste hatte ausbilden wollen; daraus konnte nun wohl nichts mehr werden, weil dieser Beruf Aufmerksamkeit, Ordnungssinn und Pflichttreue voraussetzt.