Diesmal hatte sich eines der schönsten Mädchen erklärt, es wolle dem Sieger in diesem Wettstreite seine Hand reichen, wenn es ihm gefalle, ein Anerbieten, das sich nicht zurückweisen ließ, das aber nicht gebilligt wurde, weil es frivol schien, auf das ungewisse sich zu binden, und es ebenso Mißfallen hätte erregen müssen, wenn die Uebermüthige dann ihr Wort nicht erfüllt hätte. Aber man vermuthete, daß es gerade kein Anerbieten auf's Gerathewohl gewesen, sondern daß die Schöne im unerschütterlichen Glauben lebte, der Preis könne nur dem Künstler zufallen, der die Hunnenschlacht eingeliefert hatte, und daß dies der Mann war, auf den sie ein Auge geworfen.

Es gab auch sonst in Wien Gelegenheit genug, sich zu unterhalten, und ebenso konnte man nach St. Pölten fahren, wo es immer etwas für Schaulustige zu sehen gab und heute ein interessantes Stück gegeben wurde, zu welchem man wohl eine Karte erhalten konnte. Die Rückfahrt konnte nach dem Theater noch immer erfolgen und stand der Besuch der Städte an arbeitsfreien Tagen jedermann frei, wenn es sich nicht darum handelte, dort zu übernachten. Die zurückgelegten Eisenbahnmeilen mußte man sich einrechnen lassen.

Die Nachbarorte von Wien waren etwas begünstigt, daher bei einem Wohnungstausche alles nach den Gemeinden des St. Pöltener und des Wienerneustädter Kreises drängte und es ebenso eine Belohnung für große Verdienste war, wenn jemand vom Arbeiterberufe dorthin versetzt wurde, wie es umgekehrt zu den Strafen gerechnet wurde, wenn eine unerbetene Versetzung in entferntere Gemeinden verfügt wurde. Es waren daher auch meistens besonders tüchtige Leute in den Gemeinden dieser Kreise anzutreffen.

Allein die Besuche in Wien blos für den Abend waren doch oft nicht besonders lohnend, denn da alle Arbeiter in drei bis vier Jahren einmal nach Wien beurlaubt wurden und diese Besucher aus entfernteren Gegenden natürlich für alle Genüsse den Vorzug vor jenen hatten, die jeden Sonntag wieder kommen konnten, so konnten diese ihren Zweck in Wien oft verfehlen.

Man schätzte die durchschnittliche Bevölkerung der Hauptstadt auf 350 Tausend. Es waren außer dem Adelsquartiere 350 Wohnquartiere, die für je 1000 Bewohner reichlich Raum hatten; aber zur Noth konnten auch 1200 in jedem Quartiere Aufnahme finden, was 420000 Anwesende ergab. Es kam auch bei besonders interessanten Festen, wenn eine Krönung oder ungewöhnliche Centennarfeier stattfand, vor, daß jedes Plätzchen besetzt war.

Die Bevölkerung bestand größtentheils aus vorübergehenden Besuchern aus der Provinz und dem Auslande. Die täglich nach Wien verkehrenden Züge brachten durchschnittlich 20000 Besucher und eben so viele mochten abreisen. Da die Fremden im Durchschnitte 7 Tage in der Residenz bleiben, so ergab das 140000 wechselnde Besucher. Die Hochschulen hatten an 60000 Studirende, worunter auch etwa 15000 Mädchen inscribirt waren, und dazu konnte man 20000 Professoren, Gelehrte, Künstler und Beamte an den wissenschaftlichen und Kunstanstalten rechnen, dann 70000 Pensionisten des Arbeiterberufes, was schon 290000 ergab, und rechnete man noch Hof, Adel, Beamte, andere Pensionisten, hauswirthschaftliche Arbeiter und Handwerker, worunter besonders viele die verschiedenen Kunstgewerbe als Beruf betrieben, so hatte man 350 Tausend. Diese alle waren für den Abend zu versorgen, an welchem sich niemand langweilen sollte.

Es war also, wie ersichtlich, abgesehen von der Geselligkeit, die man zu Hause fand, niemand in Verlegenheit, seine Zeit auch auswärts und insbesondere auch in der Kreisstadt oder in Wien angenehm zu verbringen, wenn etwa der Sonntag verregnet wurde, und man wartete in Geduld ab, ob es sich aufhellen würde. Aber Zwirner war verstimmt. Er sagte, er wolle mit uns zu Pferde den Kahlenberg besuchen und wir möchten uns ihm überlassen, der Mittag wäre auch vergeben. Es fiel uns auf, daß ihn das Regenwetter so mißgelaunt machte und wir sahen, daß er recht vergnügt aufsprang, als der erste Sonnenstrahl sich zum Fenster hereinstahl und bald darauf die Wolken sich zerstreuten und ein klarer Himmel uns einlud, in's Freie zu gehen. Jetzt war es umso besser, weil es weniger heiß war, und wir bestiegen also um 1/2-8 Uhr morgens unsere Pferde, die uns ohne Schwierigkeit waren angewiesen worden, da wir als bevorzugte Fremde einen Anspruch darauf hatten und übrigens die meisten sich der Eisenbahnen bedienten.

Wir sahen, daß Zwirner, der sein Pferd in scharfen Trab setzte, nicht den beliebten Weg über Tulbing einschlug, sondern gegen Königstetten einlenkte, und begriffen alles, als wir von weitem zwei Frauen auf herrlichen Goldfüchsen gewahrten, die uns zu erwarten schienen. Und so war es auch. — Zwirner hatte eine Verabredung mit Lori und seiner Schwester, die noch schöner als ihre Freundin war und sich durch lange aschblonde Flechten auszeichnete. Wir schätzten sie in dem Alter, in welchem Oesterreicherinnen sich zu vermählen lieben. Sie nahm uns rechts und links und unterhielt uns auf das reizendste mit ganz guter englischer Conversation, wobei sie nicht verfehlte, von älteren amerikanischen Autoren, Bret Harte, Prescott, Lawrence Gronlund und anderen zu sprechen. Sie mochte beabsichtigt haben, was sich scheinbar wie von selbst ergab, daß nämlich Zwirner und Lori hinter uns zurückbleiben und sich aussprechen sollten.

Kaum hatten wir Königstetten hinter uns, als die Straße sich rechts nach dem Gebirge wandte und in zahllosen Windungen, die oft beinahe wieder zum Ausgangspunkt zurückführten, die Höhe langsam erklomm. So hatten wir abwechselnd die Berge vor uns, dann wieder den Ausblick in's Thal und auf die Donau und wir hielten zuweilen die Pferde an, als wollten wir die Fernsicht genießen, in Wahrheit aber, um Freund Zwirner zu necken. Aber wenn die schöne Mary auch zwischen uns stille hielt und die Namen der Dörfer nannte, die wir zu unseren Füßen sahen, so glitt doch dann ein feines Lächeln über ihr allerliebstes Gesicht, wenn die Zurückgebliebenen in Gehörweite kamen, und sie wandte ihr Pferd der Straße zu, uns rechtzeitig entführend.