Die Straße führte lange so fort und wir konnten oft vier und fünf Wegschlingen hinter uns überblicken. Die kleinen waldigen Berge, zwischen denen kleine Mulden lagen, die entweder mit Wein bepflanzt waren oder frische Matten trugen, verschoben sich in einem fort und boten die abwechslungsreichsten Bilder. Lange blieb der Tulbinger Kogel rechter Hand sichtbar, endlich aber hatte die Straße die Höhe des Bergüberganges erreicht und führte tief in ein waldreiches Gebiet, von wo kein Ausblick mehr auf den Tullner Boden zu gewinnen war. Zwischen Wäldern und Wiesen ging es mehr als zwei Stunden fort und wir setzten die Pferde ab und zu in scharfen Trab. Endlich verließen wir die Heerstraße, um einen köstlichen Waldweg einzuschlagen, der hoch mit abgefallenem Laub bedeckt, unter jungen Bäumen fortführte, die nur selten ein Stückchen Himmel freiließen und eine herrliche lichtgrüne Wölbung bildeten. Die Bäume mochten in den letzten 150 Jahren wohl oft abgeholzt worden und wieder aufgewachsen sein.
Jetzt führte der Weg wieder in's Freie und auf hochgelegene Wiesen und Mary erzählte uns, daß nach den alten Karten da einstmals ein Bauernhof zum Steinriegel müsse gestanden haben, daß aber solche abgelegene Gehöfte selten mehr vorkämen, weil sich nicht leicht jemand entschließe, dem abwechslungsreichen Leben in der Gemeinde zu entsagen und weil solche Gebäude doch zum Schlupfwinkel für Feinde der Gesellschaft dienen könnten, wenn sie nicht regelmäßig bewohnt würden.
Nun führte unser Weg wieder durch Wald und dann kam ein reizendes langgestrecktes und vielfach gewundenes Thälchen, gebildet von einem schmalen Wiesenstreifen, der auf beiden Seiten von niederen Hügeln begleitet war, die, dicht mit Eichen und Buchen bestanden, förmliche von Grün strotzende Mauern bildeten. Jetzt hatten wir den Gebirgsstock erreicht, dessen nordöstliches Ende der Kahlenberg und Leopoldsberg bilden, und nachdem wir auf einer viel gekrümmten Straße eine ansehnliche Höhe erklommen hatten, ritten wir am Fuße des Hermannskogels herum und dann auf dem Gebirgskamme über Wiesen und durch herrliche Wälder nach dem Endziele unseres Ausfluges, das wir erst nach Mittag erreichten.
Wir ließen die Pferde, welche ziemlich angestrengt worden waren, in den Stall führen und wählten, um unseren Lunch einzunehmen, Plätze auf der Terrasse, von wo man den Ausblick über Wien hat. Da Lori und Mary, wie auch Zwirner, hier wohl bekannt waren, bedurfte es keiner Legitimation und wir erinnerten uns noch unseres ersten Besuches hier oben.
Die drei Oesterreicher traten an die Brüstung, blickten nach der Riesenstadt vor uns und wiesen, im Gespräche vertieft, auf den Tribunatspalast, der ihre Aufmerksamkeit zu erregen schien und allerdings mit seinen Thürmen aus dem Häusermeer besonders hervorragt.
Sieh' da, die schöne Selma kam, uns das Frühstück zu bringen. Sie grüßte uns heiter. — Wir erkundigten uns, ob die Sachen zurückgekommen wären, die wir uns bei unserem ersten Besuche ausgeborgt hatten, und Selma bejahte und sagte, man habe ihr auch den Gruß bestellt, den ich ihr entrichten ließ. Es sei aber allzu bequem gewesen, das anderen zu überlassen; man führe ja täglich an zwanzig Gespräche zwischen Tulln und dem Kahlenberge, da hätte ich mich wohl auch einmal hinsetzen und mich mit Selma “verbinden” lassen können. Ich entschuldigte mich lachend und sagte, wir hätten mittlerweile eine Reise nach Abbazzia und Lacroma gemacht, sonst würde ich wohl die angenehme Gelegenheit benützt haben. Lächelnd ging sie ihrer Wege, nachdem sie Lori und Mary, welche sich jetzt zu uns wandten, die Hand gereicht hatte. Nach dem Lunch streiften wir über Wiesen und Wälder und wieder zogen sich Lori und Zwirner mit Vorliebe seitwärts. Aber nun schlossen wir uns einem Lawn-tennis-Spiele an, obwohl unsere Freunde mit den anderen Spielgenossen nicht bekannt zu sein schienen. Als aber ein hübscher junger Mann, der wohl ein Auge auf Mary Zwirner geworfen haben mochte, vorschlug, daß wir mit ihm und seinen Genossen einen Tisch für Mittag bestecken sollten, sagte Mary, die seine Aufmerksamkeiten nicht beachtete, daß wir in Königstetten speisen wollten.
Nun war es nahezu drei Uhr geworden und wir sollten in Königstetten um fünf Uhr zur Tafel erscheinen. Zwirner und die beiden Mädchen waren etwas beunruhigt. Man hatte nicht bedacht, daß die Entfernung groß war und unsere Pferde schon mehr als fünf Stunden, die edlen Pferde aus dem Marstall von Königstetten mehr als vier Stunden gegangen waren und daß es jetzt gelte, einen scharfen Trab einzuschlagen, wenn wir Königstetten rechtzeitig erreichen wollten, worauf die Oesterreicher sehr bedacht schienen.
Wir befürchteten den Pferden zu viel zuzumuthen, und Zwirner ging mit mir nach dem Stalle, um sich umzusehen. Er erkundigte sich, was sonst für Pferde hier wären, und erfuhr, daß der Arzt und die Lehrer, im ganzen eine Gesellschaft von acht Personen, aus Klosterneuburg zu Pferde heraufgekommen wären. — Zwirner suchte den Arzt auf und erkundigte sich, ob die Klosterneuburger Pferde schon einen weiten Weg gemacht hätten, worauf sich ergab, daß das nicht der Fall war, und die Gesellschaft erbot sich, uns fünf gute Traber zu überlassen und unsere Pferde zu übernehmen, die den Weg nach dem nahen Klosterneuburg umso leichter machen konnten, als die Gesellschaft erst spät abends aufbrechen wollte. Da die jungen Leute jetzt Ferien hätten, würden sich dann am nächsten Tage recht gerne einige von ihnen bereit finden lassen, unsere Pferde nach Hause und die anderen dafür zurückzubringen.
So wurde denn aufgebrochen, und als wir Klosterneuburg hinter uns und die Höhen gegen Kierling erreicht hatten, ging es größtentheils im scharfen Trabe, zuweilen im Galopp über St. Andrä nach Königstetten. Auch dieser Weg war anmuthig und besonders der Abschnitt zwischen Kierling und St. Andrä bot eine reizende Abwechslung. Die Freundinnen waren nun voraus und es war ein Genuß, die herrlichen Gestalten der Mädchen zu schauen, die frohgemuth dahinritten. Wir folgten mit Zwirner, und Lori rief diesem zurück, daß der Fürst und die Fürstin heute aus besonderer Ursache, wie sie lächelnd betonte, zu Hause geblieben seien und daher Mary nicht, wie beabsichtigt war, die Repräsentation führen werde.
Zwirner ließ die Freundinnen etwas vorausreiten und erklärte uns die Stellung seiner Schwester im Hause Hochberg. Er sagte: “die Heirathskandidatinnen werden in gewisser Beziehung wie Priesterinnen heilig gehalten und die anderen Mädchen sind damit ganz einverstanden und auch von Jugend auf an den Gedanken gewöhnt, daß ihnen ein anderer Beruf bestimmt wäre, den man in früherer Zeit hätte etwa ein “Dienen” nennen können. Es liegt im Interesse aller, die Frauenschönheit zu pflegen und den künftigen Gattinnen und Müttern die Schönheit nicht durch Arbeiten zu verkümmern, die doch immer Spuren zurücklassen müssen, wenn selbst alle Kunst angewendet wird, das Gemeine vom Menschen fernzuhalten. Aber die gänzliche Veränderung der Lebensformen hat auch die Beziehungen der Menschen verändert. Jeder erhebt Verdienste und Vorzüge seiner Mitmenschen in den Himmel und thut sich etwas auf andere zugute, die ihm nahestehen, und da es der ganzen Gemeinde zur Ehre gereicht, wenn eine goldene Rose einer Schwester zufällt, so setzen alle Mädchen einen Stolz darein, etwas dazu beizutragen, daß die Schöneren aus ihrem Kreise nichts von ihrer Schönheit einbüßen, und sie selbst verbreiten den Ruf derjenigen, welche sie unter anderen Verhältnissen mit Mißgunst betrachten würden. Dann fällt ja den anderen wieder das Los zu, auf einem anderen Gebiete hervorzuragen, und nicht durch hämisches Herabsetzen der Mitmenschen, sondern durch möglichste Pflege und Entwicklung jener Vorzüge, die einem jedem zu Theil geworden sind, sucht man glücklich zu werden. Darum sind die von der Ehe ausgeschlossenen Mädchen gerne bereit, sich in die Arbeiten zu theilen, welche einstens verachtet waren, und oft ist nachgewiesen worden, daß es keinen Menschen gibt, der nicht auf irgend einem Gebiete sich auszeichnen könnte. — So ist nun Mary als die schönste von den Schönen in Tulln von ihren Schwestern verzogen worden. Man hat ihren Ruf verbreitet und ihr Zeit gegönnt, ihre gesellschaftlichen Talente zu pflegen, ohne welche Schönheit ein unnützes Ding wäre. Sie ist unzählige male zum Kreisbeamten geladen worden, wo man die Gesellschaft auch mit schönen Mädchen zu zieren bedacht ist, und so wurde sie mit den Hochbergs bekannt, die, wie das sehr häufig vorkömmt, sie baten, in die Familie einzutreten, um an der Hausverwaltung und Repräsentation theilzunehmen, welcher die eigentlichen Familienmitglieder allein nicht gewachsen sind, da die Aufgabe, so vielen Gästen aufzuwarten, eine größere Zahl von Hausgenossen erheischt. Man affiliirt so dem adeligen Hause allerhand ganz und gar unentbehrliche Hilfskräfte, die in freundschaftlicher Weise angeworben werden müssen, weil im Lande niemand für Lohn dient.” — Wir fragten, weshalb Mary dann am ersten Freitag nicht zu sehen gewesen, und erfuhren, daß sie damals die Hausverwaltung übernommen und in den Wirthschaftsräumen zu schaffen hatte, auch gar nicht aufgelegt gewesen sei, sich zu zeigen.