Mit diesem Gespräche ritten wir in den Schloßhof ein, wo galante Herren, es waren besonders viele Künstler für die Sommermonate hier, den Mädchen von den Pferden halfen. Man gab uns Gelegenheit, uns ein wenig zurückzuziehen, und dann ging es zu Tische.
Im großen Saale waren lange Tafeln aufgestellt, und wir waren an dreißig Personen beim Speisen. Das Gespräch war anregend und wir lernten wieder manche interessante Leute kennen.
Da erhob sich gegen Ende der Tafel Fürst Hochberg, um uns zu verkünden, daß zwei glückliche Paare unter uns seien. Professor Lueger habe der reizenden Freundin des Hauses, Mary Zwirner, und deren Bruder seiner eigenen Tochter Lori Hochberg die Liebe gestanden und beide seien erhört worden, und wenn auch die Ceremonie der Brautschau nicht vorausgegangen sei und solche Verbindungen — man möchte sagen: ohne Concurrenz — nicht ganz nach den Sitten des Landes seien, wisse man doch, daß sich den Herzen nicht gebieten lasse, und er lade die Anwesenden ein, das Glas auf das Wohl der künftigen Eheleute zu leeren. — Es war Champagner in den Gläsern und die Mädchen, die uns aufwarteten, fielen den beiden Bräuten um den Hals, wie auch Fürst und Fürstin Hochberg Mary herzlich küßten und beglückwünschten, als wäre sie ihre eigene Tochter. So erklärte sich, was uns am Morgen aufgefallen war, und wir begriffen, daß Zwirner heute seinen olympischen Gleichmuth verloren hatte. Denn Lori war ein herrliches Weib und offenbar dazu angethan, stürmische Liebe zu fordern und zu gewähren.
Zwirner, welcher sich mit Lori nach dem Essen im Garten erging und oft Arm in Arm mit ihr Wege einschlug, auf welchen wir ihnen offenbar nicht folgen sollten, wollte heute nicht aufbrechen, und die Fürstin mußte sich unser annehmen.
Diese Frau war nicht mehr jung, aber auch ihr fehlte es nicht an Spuren vergangener Schönheit. Sie war in einem Dorfe bei Salzburg geboren und es gereichte ihr zum Vergnügen, zu hören, daß wir dort einen Tag zugebracht hätten. Sie erinnerte sich nicht ohne Wehmuth der jungen Tage in jenem Paradiese und schilderte uns die Berge, in welchen sie viele Jahre gewandert war. Besonders rühmte sie die Aussicht von der Schmitterhöhe und, da sie hörte, daß wir die Rückreise über Zell am See und Wörgl nehmen wollten, um über die Schweiz zu reisen, empfahl sie uns, diesen Berg zu besteigen der gar nicht beschwerlich sei. Uebrigens sei die Hohe Salve vielleicht noch vorzuziehen. — Sie unterließ nicht, zu erwähnen, daß man auf allen diesen Bergen übernachten könne.
Mich langweilte das Gespräch mit der Fürstin, die uns nur unterhalten wollte, weil es die Höflichkeit gebot, und ich überließ ihr daher meinen geduldigen Freund Forest, indem ich vorschützte, daß ich einen Handschuh suchen wolle, den ich auf einer Bank im Parke müsse haben liegen lassen. Und so wandte ich meine Schritte nach einem stillen Plätzchen, wo man vom Schlosse aus nicht gesehen werden konnte, aber einen herrlichen Ausblick über das Thal genoß. Dort wollte ich mich ein wenig mit mir selbst beschäftigen und ließ mich auf einer Bank nieder, die neben dem Kieswege zur Ruhe einlud.
Da hörte ich hinter mir ein Seidenkleid rauschen, eine warme klangvolle Stimme ließ sich vernehmen und ich erkannte Loris mir wohlbekanntes Organ. Sollte ich bleiben oder fliehen? — Es war zu spät, das Knirschen im Kiese hätte mich verrathen und ich hoffte, die Liebesleute würden ihre Schritte bald weiterlenken.
Es kam anders: “Liebster, lassen wir uns auf dieser Moosbank nieder und wiederhole mir das Gelöbniß der Treue.” — “Gerne spreche ich davon, daß mich nichts mehr von dir reißen kann und wir kein anderes Glück kennen wollen, als ein gemeinsames. Aber es scheint mir, daß du nicht das rechte Wort gefunden, wenn du Wiederholung eines Gelöbnisses forderst. Was euch die Keuschheit und Jungfräulichkeit ist, ist dem Manne Wahrhaftigkeit und wir fordern unerschütterliches Vertrauen. Nicht ein Schatten von Zweifel an mir soll deine Seele beflecken, da wir uns versprochen haben.” — “Ich zweifle auch nicht an dir, ich will mich aber berauschen an deinen Verheißungen, daß du ganz und gar nur mein sein willst, daß du die Welt und die Gottheit, die Wahrhaftigkeit und das Schöne, die Kinder selbst, mit welchen uns Mutter Natur beschenken wird, nur in und mit mir, um unser beider willen lieben willst. Ich habe es immer hart gefunden, wenn ich die Worte Christi las: “Mann und Weib seien zwei in einem Fleische.” In welch grausamer Nacktheit stellt er uns das Band vor Augen, das uns an unseren Gatten knüpft. Aber doch nur um das Gebot wechselseitiger, alles umfassender Gattentreue zu begründen und beglückend ist das unermeßliche Opfer, das die Ehe von uns Jungfrauen fordert, wenn sich auch die Seelen der Gatten verbinden. Wir wollen auch zwei sein in einem Fühlen und in einem Denken. Nie könnte ich mich entschließen, die jungfräuliche Hoheit zum Opfer zu bringen, ausgenommen einem Manne, dem ich die ganze Welt bedeute, der mit mir nur ein einziges Ich bildet. Ganz fordere ich dich und nur dafür gebe ich mich Dir. So heiß auch das Blut in meinen Adern tobt, so hätte doch Sinnlichkeit niemals den Sieg davon getragen über das göttliche Gefühl jungfräulicher Unantastbarkeit. Aber als ich dich zum erstenmale erschaute, ward es mir klar, was die griechische Göttersage bedeutet, daß die Göttinnen zuweilen aus dem Olymp herabsteigen, um einen Sterblichen zu beglücken. Es ist nicht Hochmuth, Geliebter, wenn ich empfinde, als käme ich so zu Dir herab. Nur das Verlangen treibt mich, ein Glück zu gründen, dem nichts zu vergleichen ist, und um dieses Glück zu zeugen und es im Mitempfinden zu genießen und zu vermehren, streife ich ab, was mich über die Menschen erhöht hat. Da ich in deinem Glücke glücklich sein will, kann das Gut nicht groß genug sein, das ich dir mitbringe. Darum danke ich dir auch, daß deine Lippen mich nicht entweiht haben, und weder Auge, noch Mund mit kühner Anmaßung mich beleidigten. Die Stunde der Vereinigung soll dir und in dir mir einen Himmel öffnen.”
“Ich opfere dir meine Gottheit auf und mache dadurch dich zu meinem Gotte, mich zu deiner Magd, aber, um im menschheitlichen Sinne glücklich zu werden und ohne jeden äußeren Zwang, aus eigener Wahl.”—