Nach kurzem Schweigen sagte Freund Zwirner:
“So nehme ich dich auch als das kostbarste, das der Mensch auf seinem Lebenswege finden kann. Aber der Mann gehört doch auch dem Staate und der Welt an.”
“Das sollst auch du, lieber Mann, aber lasse mich an allem theilnehmen, was du erstrebst. Wir müssen nicht nur für unsere persönlichen Interessen gemeinsame Ziele, sondern auch für die Gesellschaft gemeinsame Ideale haben und zu solcher Einigkeit zu gelangen, ehrlich bestrebt sein. Lasse mein Bild dich umschweben, wo immer du bist, und trenne dich nicht von mir, was immer du unternimmst.”
“So wird es sein,” antwortete Zwirner, “auch ich trete nicht mit anderen Gesinnungen in die Ehe. Du weißt doch, Göttliche, wie wir uns erkennen gelernt haben. Ich habe schon oft deine Gedanken wieder darauf gelenkt. Wie ich in der Nacht nach unserer ersten Begegnung, als ich mit mir allein war, dich immer mir zur Seite, dein strahlendes Auge auf mich gerichtet sah. In diesen wachen Träumen enthülltest du dich mir, alle Reize deines süßen Leibes, die Schönheit deines Empfindens, die Reinheit deines Herzens, dein ganzes Selbst glaubte ich vor mir zu sehen und schon in jener Nacht vermählte ich mich dir. Ich hatte keine Ruhe mehr und gleich am folgenden Abende kam ich wieder und bekannte, daß mich dein Bild nicht mehr verlassen habe. Du auch hattest nur von mir geträumt und mich im Traume zu deinem Gatten gemacht und du wußtest, daß ich wieder kommen und um dich werben würde.”
“Da kam eine Woche der Prüfung. Je mehr wir verkehrten und unsere Gedanken austauschten, umso sicherer fühlten wir, daß wir uns nicht getäuscht. Du sagtest mir schon damals wie heute, wie groß du dir das Glück der Ehe vorstelltest und wie die Verbindung der Gatten alles, alles umfassen müsse. So ließest du mich die ganze Welt durch dein Auge sehen und ich ließ dich in mein Herz blicken. Ich fand, daß wir seien wie ein Augenpaar, immer zugleich daran, das Welträthsel zu lösen; niemals suchen die beiden Augen verschiedene Ziele. Und da jubeltest du, daß ich in diesem Bilde den wahren Sinn der Ehe entdeckt. Du verfolgtest den Gedanken weiter und zeigtest mir, wie die Augen, weil sie niemals an ein und dieselbe Stelle im Raume rücken können, der Seele zwei Botschaften bringen, aber doch nur, um die Dinge besser zu erforschen, als es ein Auge allein vermöchte, und wie die Seele die beiden Bilder zu einer Einheit verbinde. Und so sollten wir zu einer Anschauung der Welt gelangen, die dem Einsamen verschlossen bleibt. Auch wir sollten unsere Anschauungen zu einer Einheit verschmelzen lernen. Und sinnig bemerktest du, wie die beiden Augenbilder stark von einander abweichen, wenn wir auf das nächste schauen, und wie sie sich decken, wenn wir uns in das Anschauen der Gestirne versenken; wir sollten daher das unendlich Große, das Ewige und nur dem Geiste nahe nicht aus den Augen lassen.”
“Und so lernten wir an unserem Weltbilde uns selbst wechselseitig erkennen.”
“Nachdem das vorausgegangen, sollte da noch eine Selbsttäuschung möglich sein? Wie könnte uns das Glück irgendwo fehlen, wo wir zusammen weilen?”
“Ich träume für und für von einem unverwelklichen Glücke, das ich in deinen Armen und in einer alles umfassenden Lebensgemeinschaft mit dir finden werde.”
Und da hatten sie sich erhoben und ihre Stimmen erstarben in der Entfernung. — Nun verließ ich meinen Ruheplatz und als ich später im Schlosse den jungen Leuten begegnete, schämte ich mich, daß ich mich zum Mitwisser solcher Seelenergüsse gemacht. Lori reichte mir unbefangen die Hand und wir schieden.
Zwirner war auf dem Heimwege in Gedanken verloren.