Nach kurzer Pause, während welcher sich der Saal geleert hatte, bat man die Gäste zu den Spielen im Riesensaale des Bezirkspalastes. Dieser Saal war mittels ansteigender Gerüste in ein Amphitheater verwandelt worden und man belehrte uns, daß man der vielen Regatten und anderer Feste wegen beim Rudersporthause zerlegbare Tribünen, die dort in einem Hofe aufgeschichtet seien, für Tausende von Zuschauern habe, und man habe sie zu diesem Zwecke benützt, wie auch viele Hunderte von Operngläsern vertheilt werden konnten, die zur letzten Regatta von den Wiener Bühnen waren geschickt und noch nicht abgeholt worden.
Alles nahm Platz, unten die Kinder, oben die Erwachsenen nach der Größe. Die Kleinen waren übrigens größtenteils von anderen Gemeinden, denn während der Ferien ziehen die Kinder mit ihren Wärterinnen viel herum, um schon in jungen Jahren die Welt kennen zu lernen.
Im freien Raume in der Mitte war ein grasgrüner Teppich ausgebreitet und mit kleinen Gewächsen darauf gewissermaßen eine waldige Gegend markirt, die eine Matte umsäumt. Nun schoß von der Decke ein greller Strahl elektrischen Lichtes herab, der nur diesen Raum, der als Bühne diente, scharf beleuchtete, während der ganze übrige Theil des Saales ganz finster war, und so konnten die verschiedenen Acteure aus der Finsterniß auftauchen und wieder darin verschwinden und die Illusion wurde nicht gestört. Es konnten aber viele Hunderte von Menschen das Schauspiel genießen.
Erst kamen gutgeschulte kleine Schauspieler aus Klosterneuburg, die, als Zwerge verkleidet, eine allerliebste kleine Feerie aufführten. Dann eine reizende Tänzerin, als Bajadere gekleidet. Sie war Mitglied der Ballettruppe, aber beurlaubt und in Tulln zu Hause. —
Dann kamen braune Gesellen, bei deren Anblick wir Lori rufen hörten: “Die Zigeuner!” — Man hatte längst keine Zigeuner mehr, da jedermann seßhaft werden und sich in die neue Ordnung der Dinge einleben mußte, aber die Spielweise der Zigeuner hatte sich in Ungarn erhalten, wie auch ihr Aussehen und ihre Kleidung aus Bildern noch erkennbar waren, und da hatten sich Berufsmusiker, die den großen Orchestern angehörten und auch Unterricht ertheilten, zusammengethan und einige Zigeunerkapellen gebildet, die, um sich und anderen ein Vergnügen zu machen, zuweilen, aber aus freien Stücken und selbstverständlich ohne Entgeld, abends, bald hier, bald dort mit Geige und Hackbrett aufspielten. Lori war eine große Liebhaberin von dieser Art Musik, daher man sie bei deren Erscheinen immer: “Die Zigeuner” rufen hörte, und darum kamen sie gerne ihr zu Liebe.
Als diese einige Musikstücke zum besten gegeben hatten und wieder abzogen, kam nach kurzer Pause aus dem Dunkel eine komische Figur ins Licht gewirbelt und nachdem sie einigemal im Kreise herum blitzschnell Räder geschlagen, daß man nicht ausnehmen konnte, was es sei, stand der sonderbare Kauz plötzlich aufrecht da, mit aufgerecktem Halse und gravitätischer Grandezza. Man hatte dergleichen nie gesehen und wußte nicht, was man davon halten solle. Er hatte die Haare nach drei Seiten wie zu Flammen aufgebürstet, das Gesicht weiß gefärbt, dagegen Wangen und Lippen mit abscheulicher rother Farbe bekleckst und hochaufgezogene Augenbrauen gemalt. Er stak in einer weißen Kleidung mit faustgroßen schwarzen Knöpfen und begann wie ein Hahn herumzustolziren und dummes Zeug zu reden, wobei er sich ab und zu ein paarmal in der Luft überschlug und dann wieder steif und aufrecht stand. Da kam aus dem Dunkel eine Fidel sammt Bogen in den Lichtkegel geflogen, die er geschickt auffing und, scheinbar kindisch darüber erfreut, zu spielen versuchte. Er that, als ob er es nicht verstünde, vervollkommnete sich aber zusehends und kam endlich in ein verrücktes Tempo, wobei er vor Freude Luftsprünge zu machen anfing und endlich, sich überschlagend und zugleich fortspielend, immer toller wurde und plötzlich mit einem Satze im Dunkel verschwand. Alles lachte und fragte sich, was das wäre. Ich konnte bestätigen, daß dergleichen zu meiner ersten Zeit von herabgekommenen Leuten aufgeführt wurde, ich wisse aber nicht, wie die Tollheit daher gekommen. Im Verlassen des Hauses erfuhr ich denn, das sei der jüngere Bruder Zwirners, ein bildsauberer und äußerst gelenker Bursche. Selbstverständlich lebten die Eltern Zwirners nicht mehr, denn sonst hätte ich das verehrte Publicum mit ihnen bekannt machen müssen. Der Junge nun hätte bei seinem Bruder unter den alten Sachen Bilder und Beschreibungen gesehen, aus welchen er diese Eulenspiegelei entnommen und sich insgeheim eingeübt habe, um auch einmal etwas zum allgemeinen Vergnügen beizutragen. Er durfte dafür, nachdem er sein Gesicht blank gescheuert hatte, Lori auf den Mund küssen.
Nachdem man sich verabschiedet hatte, fuhren die Hochbergs mit dem Professor und Mary heim.
Spät am Abend noch benützte der Beamte von Tulln eine zufällige Begegnung, um mir zu sagen, die Vorsteherin der Frauencurie habe ihn beauftragt, die Freiheit zur Sprache zu bringen, die ich mir gegen Selma erlaubt. Diese selbst habe für nöthig erachtet, das Vorkommniß ihren Schwestern mitzutheilen, und man glaube, daß ich nicht ganz ohne Vorwurf sei. Es sei schon nicht ganz zu billigen, daß ich mich irgend einer Gunst berühmte, die ich erfahren; es sei das etwas rücksichtslos gegen die Frauen im allgemeinen, und man meine, daß Selma unrecht gehandelt habe, darauf mit einem Scherze zu antworten, sie würde am besten gethan haben, es zu überhören. Aber die anmaßende Galanterie gegen eine verheirathete Frau, wozu ich mich im Verlaufe der Conversation verleiten ließ, sei denn doch nicht wohl zu entschuldigen. Ich sagte darauf, daß Selma verheirathet sei, hätte ich nicht gewußt. Darauf bemerkte der Beamte, die Instruction belehre mich doch darüber, daß verheirathete Frauen, welche den goldenen Reif am Finger tragen, auf besondere Zurückhaltung Anspruch hätten. Ich schützte vor, daß ich darauf nicht geachtet habe, aber darauf wurde mir geantwortet, es wäre doch das Klügste, im Zweifel eher größere Zurückhaltung zu beobachten, als sich Freiheiten anzumaßen, die übel aufgenommen werden könnten. Es sei übrigens das Ganze ohne Folgen geblieben, denn der junge Ehemann habe keinen Anstoß genommen und halte alles für recht, was seine vergötterte Selma thue, und es sei nur zu wünschen, daß ich in Hinkunft die Empfindlichkeit der Frauen mehr schonen möge.
Gleich jenem Kronprinzen in der Fabel schwur ich, in Hinkunft vorsichtiger zu sein und ließ Selma und die Frauen im allgemeinen bitten, mir Vergebung zu gewähren.