Allein man habe gefunden, daß der Mensch eigentlich arbeitsbedürftig sei und, kaum von der Arbeit gekommen, wieder etwas schaffen wolle. Dadurch sei nun der Gedanke angeregt worden, nicht nur Einzelnen, wie das auch früher geschehen, gewisse Materialien zur freien Arbeit zu überlassen, sondern auch Vereine ins Leben zu rufen und denselben große Mittel anzuweisen, um eine gewisse Thätigkeit zu entwickeln, die ja offenbar nützlich sei.

So habe man den Rudervereinen Häuser gebaut, die Anfertigung von Booten nach ihren Angaben ermöglicht, den Mitgliedern zweckmäßige Kleider zur Verfügung gestellt, ihnen den Druck einer Zeitung auf Staatskosten gestattet, Preise bewilligt und der Centralleitung eine Million Eisenbahnfahrtmeilen zur Vertheilung unter die Mitglieder angewiesen, damit sie zu Berathungen und Uebungen, sowie zu den Wettbewerbungen Reisen unternehmen könnten, die dem Einzelnen nicht in seine gewöhnlichen Reisen eingerechnet werden. Es sei durch diesen Sport das Menschenmaterial verbessert worden; die Leute würden breitschulteriger und der Brustkorb dehne sich aus, was immer mehr im Volkstypus sich auspräge. Dr. Kolb predige immer, diesen Sport zu fördern, weil er offenbar der menschlichen Gestalt zum Vortheile gereiche.

Eben kam Dr. Kolb hinzu und bestätigte das. Er erzählte, daß die Gemeinde Tulln ihn gebeten habe, — von seiner Kunst wolle er später einmal sprechen, er sei Bildhauer, — eine Statue des Zwirner zu entwerfen, durch deren Aufstellung man ihn und mehr noch seine Frau erfreuen wolle, wenn sie nach den Flitterwochen einrückten. Er habe einen ganz hübschen Entwurf gemacht und hoffe, daß man ihm diesmal seine Arbeit in Stein gießen werde, was ihm für große Werke besser gefalle, als Bronce, mit der man auch ein wenig sparen müsse. Er wolle an der Zwirnerstatue den linken Arm auf ein schlankes und überragendes Ruder gestützt und den rechten Arm, wie weithin auf die sich sammelnden Boote weisend, ausgestreckt darstellen. Die Rudertracht verstatte ihm, den prächtigen Nacken und die Muskeln der Arme zu bilden, und er habe den Gedanken, die gegenwärtige Braut des Zwirner, die bald seine Frau sein werde, in den Brautgewändern, ohne Zweifel griechischen, anliegenden Kleidern, nackten mit Sandalen bekleideten Füßen, nackten Schultern und Armen, die Rose im Haare, darzustellen. Dann könne man die Statuen im Parke von Tulln aufstellen und kommenden Geschlechtern eine Erinnerung an ein Paar prächtiger Menschen sichern.

Wir wurden allesammt zu Tische gerufen, wo heute viel von Zwirner die Rede war, der wieder in Königstetten und seit der Verlobung beurlaubt war. Nach Tisch aber ertönte von den Gongs ein für diese Fälle bestimmtes Zeichen, worauf alles hinauseilte und sich auf das gegebene Signal in die Häuser, Wirthschaftsräume, Stallungen und Werkstätten vertheilte. Es war eben ein Wagen eingefahren und Fürst Hochberg, vom Gemeindebeamten empfangen, stieg aus, um eine Musterung vorzunehmen, wozu er von der kaiserlichen Kanzlei heute den Auftrag erhalten hatte. Er ließ sich die Inventarsverzeichnisse vorlegen und mittlerweile mußte alles an seinen Platz gebracht werden. Es wurden die sämmtlichen Inventarstücke und Vorräthe, Bücher, Werkzeuge und der Viehstand durchgemustert, und da mehrere Stücke abgängig waren, die Aufklärung ertheilt, daß dies und jenes an Nachbargemeinden verliehen, zwei Thiere in eine Thierheilanstalt abgegeben worden seien u. s. w. Mittlerweile war der Kreisbeamte von St. Pölten herübergekommen und einige Techniker aus verschiedenen Orten erschienen, da es sich darum handelte, nicht nur die eiserne Eisenbahnbrücke einer Generalprobe und Prüfung zu unterziehen, sondern auch aus den Acten zu ermitteln, ob die vom Gesetze vorgeschriebenen regelmäßigen Prüfungen genau waren vorgenommen worden. Alles befriedigte den Fürsten und da er den Wagen wieder besteigen wollte, sagte der Beamte, die Gemeinde wolle, da er eben hier sei, die Gelegenheit benutzen, der Familie Hochberg und dem jungen Brautpaare ein Fest zu geben, und man bitte den Fürsten, da zu bleiben; es seien Einladungen an die Fürstin und die jungen Leute abgegangen, die man endlich in Sieghartskirchen ausfindig gemacht habe.

Da kamen schon die Fürstin im Wagen und bald darauf Zwirner mit Lori und Mary mit Professor Lueger zu Pferde, und da es schon spät war, bereitete man sich zum Abendmahle vor. Der Beamte sagte aber, der Fürst und die Fürstin würden diesmal wohl auch ein Stück Nacht opfern müssen. Das wolle man sich nicht gereuen lassen, sagte der Fürst lachend.

Die Fürstin hatte, bevor sie von Königstetten wegfuhr, für Stellvertretung gesorgt. Denn es muß immer, wo officielle Geselligkeit mehrere Menschen vereinigt, jemand repräsentieren. Diesmal hatte die Fürstin eine in Königstetten zu Gaste anwesende Tragödin gebeten, die Stelle der Hausfrau zu übernehmen, da sie sich dazu vortrefflich eignete, denn sie war gewaltig würdevoll und gab auf der Bühne immer die Königinnen.

Beim Abendmahle fehlte niemand als die Kranken und die Säuglinge, zu deren Wartung einige ältere Mädchen waren strafweise bestimmt worden. Sie wären natürlich gar zu gerne mit dabei gewesen, da sie sich aber etwas in der Schule hatten zu Schulden kommen lassen, was noch nicht gebüßt war, war diese Gelegenheit erwünscht.

Natürlich darf man sich kein üppiges Mahl vorstellen, denn die Oesterreicher leben mäßig aus ästhetischem Gefühle, aus Gesundheitsrücksichten und weil jedermann satt werden muß. Trotzdem kam zum Thee nicht nur Aufschnitt, wie sonst oft, mindestens an Sonntagen, sondern auch Backwerk, Früchte und Eis, und am Schlusse, da es galt, den Brautleuten ein Hoch auszubringen, wurden 5 Hektoliter vom besten Klosterneuburger angefahren, mit dem die Gemeinde sehr sparsam umgehen muß, weil die besseren Weine nicht eben im Ueberflusse wachsen.