Der Viehstand einer solchen Gemeinde ist natürlich sehr groß, da an 400 Rinder, 70 Pferde und viele andere Hausthiere im Durchschnitte auf eine Gemeinde entfallen.

In Tulln gab es keine andere Industrie, als eine Schuhmacherwerkstätte, welche wir besichtigten. Die Fabrik arbeitete nur für den Bezirk Tulln und hatte also an 40,000 Fußbekleidungen im Jahre zu liefern. Dazu sind, obschon alle erdenklichen Maschinen im Betriebe sind, zwischen 60 und 80 Arbeiter erforderlich, worunter viele Frauen und Mädchen. Viele Arbeitsplätze standen leer und man sagte uns, daß während der Ernte die Industriearbeiter auf dem Felde aushülfen, während die landwirthschaftlichen Arbeiter im Winter sich an den Industriearbeiten betheiligten. Es käme aber auch vor, daß, wenn es gelte, von Sturm oder Regen bedrohte Früchte zu retten, alles, auch Kinder, Lehrer und Greise, aufs Feld liefen und nur einige Wärter bei den kleinsten Kindern und den Kranken zurückblieben.

Vom Staate ist in jeder Werkstätte ein Fabriksleiter bestellt, welcher dafür zu sorgen hat, daß soviel als möglich an Arbeitskräften und Material gespart wird. Seine statistischen Arbeiten, deren Ergebnisse er mit jenen anderer Fabriken vergleichen kann, geben ihm Anhaltspunkte für seine Aufgabe. Von den Arbeitern wählt die Bevölkerung die geschicktesten aus, deren Aufgabe es ist, die Beschuhung anzupassen und daher genaue Maße zu nehmen. Man hat für gut befunden, auch über diese Maße eine Art von Statistik anzulegen, woraus sich manches für die Wissenschaft und die Verwaltung Wissenswerthe ergibt.

Ebenso wird es mit der Schneiderei für Männer und Frauen gehalten, die mehr Arbeiter erfordert. Die jährlich erzeugten Stoffe werden über Bestellung der Gemeinden angefertigt und zwar nach Mustern, welche in allen Bezirken eingesehen werden können. Die Verwaltung sorgt dafür, daß die Anforderungen nicht das Verhältniß überschreiten. Die Fabriken haben aber nur die Aufträge der Regierung auszuführen. Die Vertheilung ist in allen Stücken, also auch bei den Stoffen, principiell eine gleiche, wenn auch der Dienst oder Beamtenrang und die Körpergröße einige Unterschiede bedingen.

Auch hier ist das Verhältniß dasselbe. Der Fabriksleiter wird vom Staate bestellt und ist für die Oekonomie verantwortlich; die Bevölkerung aber wählt die Arbeiter aus, welche die Kleider dem Wunsche und dem Wuchse der Einzelnen anpassen. Es kann die Hauptvertheilung durch Vereinbarungen der Gemeindeglieder verändert werden, wie ja auch sonst eine Art Tausch stattfinden kann. Die Centralverwaltung theilt die Stoffe nach statistischen Daten auf die Provinzen, die Provinzverwaltung auf die Kreise, die Kreisverwaltung auf die Bezirke auf und unterliegen die weiteren Vertheilungen zunächst genauen Vorschriften. Ueberschreitet eine Gemeinde ihren Antheil an Stoffen und Arbeitskräften nicht, so kann sie auftheilen, wie sie will. Das ganze Vertheilungsgeschäft erfolgte anfänglich nach sehr rigorosen Bestimmungen, man ist aber später laxer geworden, da man fand, daß das Verrechnungswesen selbst große Arbeit verursache und der Nutzen ein geringer sei. Da sich eine Art Gewohnheitsrecht gebildet hat, wonach die Ziffern im großen sich wenig unterscheiden, so ist in diesem Punkte für die Regierung nicht allzuviel zu thun, aber der Verbrauch wird doch regelmäßig in den statistischen Tabellen verlautbart, damit allem Unterschleife vorgebeugt werde.

Aehnlich verhält es sich auch mit anderen Vertheilungen von Material für Privatthätigkeit. So von Wolle und Zwirn, Leder, Papier, Schreib- und Zeichenrequisiten und dergleichen. Alle Abfälle und abgenützten Materialien fallen in der Regel wieder an den Staat. Ausnahmsweise kann jemandem gestattet werden, einen Lieblingsrock über die Dauer zu behalten, wenn er noch Dienst thun kann, aber die Regel ist, daß der Staat alles wieder zurückfordert und verwendet.

Die Gemeinden bedürfen auch allerhand Werkzeuge und Instrumente für Liebhabereien, Spiel und Musik. Es ist gleichgiltig, was die Gemeinden haben wollen, wenn sie nur ihre Ansprüche verhältnißmäßig stellen und die Gesammtforderungen den Arbeitskräften und Materialvorräthen nicht widersprechen.

Da wir die Pracht bei öffentlichen Festen etwas verwunderlich fanden und fragten, wie denn der Aufwand bestritten werden könne, sagte uns der Leiter der Schuhmacherwerkstätte, daß seit 80 Jahren keine Unze Gold oder Silber gegraben und kein Edelstein angeschafft worden sei. Wenn es den Amerikanern gefiele, das alte Silberbergwerk Pribram, in welches man jetzt die jungen Leute führe, um ihnen das harte Loos der Arbeiter der älteren Periode zu schildern, — auf Salz, Kohle, Eisen, Blei, Kupfer und dergl. wird übrigens heute auch noch gebaut, — wieder in Betrieb zu setzen, würde die Regierung es erlauben und keinen Pacht fordern. Ebenso könne man die Opalgruben in Ungarn ausbeuten, es lege niemand Werth darauf. Die ungeheueren Vorräthe an Gold und Silber in Barren und Münzen aus der alten Zeit reichten für alle Ewigkeit für technische Zwecke und für die Schatzkammern aus. Die alten Juwelen und Schmuckgegenstände seien in Schatzkammern aufgetheilt und würden nur zuweilen in kunstreichere Fassungen gebracht. Die Civilliste habe immer Künstler in diesem Fache zur Verfügung. Eine Vermehrung finde nicht statt, da für Hoffeste, das Theater und die Vermählungsfeierlichkeiten ganz unermeßliche Vorräthe aus alter Zeit aufgestapelt seien. So sei es auch noch mit vielerlei Stoffen. Seide, Sammt und Gobelins würden übrigens noch angefertigt; da sie aber nicht Einzelnen, sondern dem Volke angehören, sei für zahllose Festlichkeiten auch in kleineren Orten gesorgt.

Ich sagte, daß wir Zwirner jetzt wiederholt in beinahe reicher Tracht gesehen hätten, worauf unser neuer Freund erwiderte, der gehe jetzt auf Freiersfüßen und suche seine Festkleider hervor, die sonst oft jahrelang nicht getragen würden und auf Decennien berechnet seien. Die Arbeitskleider, wie wir sehen könnten, seien sehr einfach und billig und die gewöhnlichen Gesellschaftskleider, die man zu schonen trachte, auch. Man halte mehr auf Reinlichkeit und Körperschönheit, in der Tracht auf Geschmack und Mannigfaltigkeit, als auf Kostbarkeit. Die alten, lächerlich gemusterten Stoffe, seien ganz außer Gebrauch gekommen. Junge und schlanke Mädchen und Frauen wüßten sich auch sehr geschmackvoll in losen Kleidern zu schmücken, die nicht an den Leib gepaßt und nur geschürzt und drapirt würden, was verstatte, allerhand Tausch und Wechsel vorzunehmen, und unendlich viel Arbeit erspare. Auch nützten sich solche Kleider weniger ab und die Schönen gefielen den jungen Männern besser in dieser reizenden Tracht, als etwa im barbarischen Mieder und Reifrocke, wovon zur heilsamen Abschreckung überall die lächerlichsten Bilder zu sehen seien, wie man überhaupt nicht müde werde, die Cultur der früheren Periode zu schildern. Was sie Schönes hatte, haben wir hundertfältig auch, und was barbarisch war, ist verschwunden. Wir glauben jetzt zu wissen, was Christus meinte, als er sagte: ‘Wer vom Himmelreiche wohlunterrichtet ist, ist einem Hausvater zu vergleichen, der Altes und Neues aus seinem Schatze hervorbringt.’[C]

Wir grüßten und kamen nach dem Rudersporthause, wo wir seit dem Ruderfeste nicht mehr gewesen waren. Ein alter Herr, der dort allerlei Schreibereien besorgte, und ein eifriger Ruderer war, zeigte uns das Museum, das Archiv und den Trophäensaal und gab uns Aufschluß über die Einrichtung der Vereine und deren Unterstützung durch den Staat. Er sagte, daß man für die unerläßliche Deckung der leiblichen Bedürfnisse, aber auch — innerhalb gewisser Grenzen — der idealen Bedürfnisse durch geregelte Arbeit vorgesehen habe, daher jedermann täglich eine gewisse Anzahl von Stunden durch so und so viele Jahre, das sei nach dem Berufe verschieden, arbeiten müsse, was das Volk von ihm fordere.