Nun höre ich ganz deutlich einen Schmatz durch das Telephon. Den glaube ich erwidern zu sollen; darauf mehrstimmiges Gelächter, und da ich etwas verdrießlich ‘Selma’ rufe, antwortet eine Baßstimme: “Selma ist abgerufen worden, was beliebt?” — “O es ist nichts von Belang; wer spricht?” — “Martin, der gelehrige Schüler.” — “So, so; gute Nacht euch beiden,” — “Wir danken schön.” — “Schluß!” — “Grrrrrg.”—
Ich hätte mir das ersparen können, denn als ich mich recht besann, erinnerte ich mich nicht nur an herrliche über den Rücken fließende dunkle Haare, sondern auch an einen Goldreif an Selmas Ringfinger und ich erfuhr später, daß Selma mit Martin die Flitterwochen auf dem Kahlenberge verbrachte und daß sie entschieden hatte, sie wollten sich nicht ganz dem verliebten Getändel hingeben, sondern in der Wirthschaft Aushilfe leisten. Meine Wege würden mich mit dem Paare wohl nicht mehr zusammenführen und ich dachte, daß das kleine Mißverständniß bald in Vergessenheit gerathen werde.
X.
Von nun an war es klar, daß Zwirner, dem zu Liebe wir über den Ocean gekommen waren, für uns verloren sei. Wir widmeten den folgenden Tag, da auch Dr. Kolb nicht daheim war, obgleich es uns an gastfreundschaftlicher Begleitung nicht gemangelt hätte, einer Besichtigung von Tulln, beziehungsweise der wenigen Gebäude, die diesen Ort ausmachten. Den Mittelpunkt bildete, wie überall, der Gemeindepalast, dessen Erdgeschoß als Speisesaal diente. In den Pavillons an den vier Ecken führten Treppen empor und das obere Stockwerk enthielt in der Mitte einen großen Lesesaal, der von etwa 16 kleineren Sälen umgeben war. Die Mauern, welche den Lesesaal bildeten, waren im Erdgeschosse von mächtigen Säulen gestützt. Um den Gemeindepalast herum standen vier weitläufige, drei Stock hohe Gebäude, deren jedes ein Kreuz bildete, in dessen Mitte die Stiege angebracht war. Diese Gebäude standen so, daß je zwei ihrer Flügel parallel mit den verlängerten Baulinien der Mauern des Gemeindepalastes lagen und die zwei anderen Flügel sich ins Freie hinaus erstreckten. Aus einem der Stockwerke konnte man durch einen verschließbaren Gang nach dem Gemeindepalaste gelangen. Die geselligen Bedürfnisse der Gemeinde erheischten, daß man geschützt vor Regen und Wind von den Wohnhäusern nach dem Gemeindepalaste verkehren konnte. Die vier Wohngebäude enthielten im Ganzen 1024 Wohneinheiten, die zu größeren oder kleineren Wohnungen, gemeinschaftlichen Schlafsälen und besonderen Stuben abgetheilt waren, so daß man den mannigfaltigsten Bedürfnissen gerecht werden konnte. Auch eine besondere Krankenabtheilung bestand. Die Funktionäre, Beamten, Aerzte und Lehrer waren insofern etwas bevorzugt, als sie geräumigere Wohnungen mit besserem Mobilar und besondere Empfangsräume für ihre Freunde hatten.
Die Räume zwischen den Wohnhäusern und dem Palaste waren mit Rasen, Blumen und Sträuchern geziert und die Abschnitte, welche sich außerhalb bildeten, waren theils zu Schwimmbecken, theils zu Spielplätzen und Speisegärten verwendet, theils hatte man geschlossene Gärten mit Glashäusern angelegt. In den zwei Schwimmbecken konnte man bei warmem Wetter immer Badende sehen.
Tulln als Bezirksort hatte noch einen zweiten Palast, ähnlich dem Gemeindepalaste, in welchem Bezirksversammlungen abgehalten wurden, eine Musik-, Zeichnen- und Modellirschule untergebracht war, größere Wohnungen für den Bezirksbeamten, Bezirksarzt und Bezirkspädagogen sich befanden und große Gesangs- und Musikfeste, auch theatralische Vorstellungen geringerer Art gegeben werden konnten. In diesem Palaste fanden auch die Berathungen der Beamten, Aerzte und Pädagogen des Bezirkes statt. Es hatte Tulln noch zwei große Wohnhäuser für Pensionisten und Fremde, welche Häuser im Nothfalle zu Spitalszwecken bei Epidemieen eingerichtet werden konnten.
Unter dem großen Speisesaale des Gemeindepalastes war ein Geschoß, welches für Küche und Wirthschaftsräume, Keller, Wäscherei und gedeckte Bäder, dann zum Turnen bestimmt war. In dieser von der Straße abseits liegenden Wohnansiedlung wurde nicht gearbeitet, ausgenommen für die Hauswirthschaft. Die großen Stallungen lagen ziemlich entfernt und waren nicht zu sehen. Dort waren auch die Scheuern, Fabriksräume u. s. w. Dorthin wandten wir unsere Schritte.