Die Nacht war schon hereingebrochen und die Kutschen geschlossen und es steht uns frei, Betrachtungen anzustellen, ob da vielleicht das Küssen schon angegangen.
Unserem Freunde war für die Honigmonde ein allerliebster Pavillon im Schloßparke von Königstetten, versteckt im rückwärts gelegenen Theile unter hohen Linden, eingeräumt und dieser Theil weit herum in Bann gethan, daß niemand bei schwerer Strafe eindringen dürfe, ausgenommen die Freundinnen, die gerufen wurden, um die Mahlzeiten aufzustellen und die Gemächer in Stand zu halten. Wir konnten weder Zwirner noch Lori mehr zu Gesichte bekommen und erwarteten, daß sie uns ganz vergessen würden. Wir mußten uns an Dr. Kolb als Vertreter unseres Freundes genügen lassen, der uns für den nächsten Tag versprach, uns über einige Zweifel Aufschluß zu geben.
Zwirner, der anderes zu thun gehabt, habe ihm die Bücher von Bellamy und Michaelis zum Lesen überlassen und er wisse uns Bescheid zu geben.
XIII.
Am nächsten Tage wanderten wir mit Dr. Kolb über Tulbing ins Gebirge, wo wir, das sei im Vorbeigehen bemerkt, später von einer Höhe aus den verzauberten Pavillon unserer Freunde ein wenig durch dichtes Baumgezweige schimmern sahen, und widmeten einige Stunden der Besprechung jener Frage, die uns hierhergeführt hatte.
Dr. Kolb leitete seine Erörterungen mit einem Ueberblicke über die Bücher von Bellamy und Michaelis ein und wies nach, daß Bellamy viele Irrthümer begangen hätte, aber Michaelis noch weit mehr und daß offenbar beide fehlerhaft berichtet hätten. Das Fernsprechwesen diene nach Bellamy nur zu kindischen Spielereien, nicht als Hilfsmittel der Produktion und Vertheilung; die größeren Städte ließen auf zerstreute Farmen schließen, welchen alle geistige Kultur fehlen müsse, und wenn Dr. Leete mir berichtet habe, daß die Waaren durch pneumatische Röhren in die Dörfer befördert würden, so habe er mir offenbar einen Bären aufgebunden. Aus solchen Verhältnissen müsse sich nothwendig eine Schichtung im Volke ergeben zwischen überfeinerten und rohen Elementen, die sich nicht verstehen und anfeinden, daher man sich den Anfall des Fest auf Dr. Leete recht wohl erklären könne.
So, wie Bellamy, oder eigentlich ich als seine Puppe gesehen, könne Amerika im Jahre 2000 nicht ausgesehen haben und ebenso irrig seien die Anschauungen gewesen, die Michaelis den Mr. Forest habe äußern lassen. Bellamy habe unmögliche Dinge gesehen und Einrichtungen bewundert, die herzlich schlecht waren, aber nicht schlecht, weil sie communistisch waren, sondern schlecht, weil der Communismus nicht vollständig zum Durchbruch gekommen und das neue Prinzip möglichst ungeschickt angewendet worden war. “Auch sehen wir aus Bellamys Berichte wohl, wie es Dr. Leete ergeht, er gibt uns aber gar keinen Aufschluß über die Lage des Bauern- und Arbeiterstandes, über die Vertheilung der Bevölkerung, den Volksunterricht und vieles andere. Die Reste von Privatwirthschaft verwirren alle Verhältnisse, ohne irgend einen Nutzen zu gewähren. Das Eigenthum muß ganz abgeschafft, oder richtiger, alles muß Collektiveigenthum werden und wenn auch die Arbeitstheilung und damit die Berufstheilung nicht nur beibehalten, sondern bis ins kleinste hinein durchgeführt und noch weit über das dem 19. Jahrhunderte bekannte Maß vervollkommnet werden muß, so dürfen die einzelnen Berufe sich nicht wie hinterlistige Gegner gegenüber und in demselben Interessenkonflikte stehen, in dem früher die Individuen standen. Es hat sich ja auch unter den von Zwirner geprüften Werken des 19. Jahrhunderts ein Buch von Dr. Theodor Hertzka, ‘Die Gesetze der sozialen Entwicklung’ betitelt, vorgefunden, wo neben scharfsinniger Kritik der landläufigen Lehren die abstrusesten Vorschläge enthalten waren, wie alle Berufe, die doch auf eigene Rechnung arbeiten und Eigenthümer der Produkte bleiben sollten, schuldig wären, darüber Rechnung zu legen, damit die ganze Welt sollte erfahren können, in welchem Berufe die höchsten Dividenden abfallen und jeder sein armes Gewerbe sollte aufgeben und dem lukrativsten beitreten können.”
“Es waren unklare Gedanken, die Eigennutz und Uneigennützigkeit durcheinander warfen, und immer zeigte sich ein Angstgefühl, daß der Wettbewerb erlöschen könnte. Man sah nicht, daß damals ein Wettbewerb für Spekulanten und Raubritter bestand, daß aber die ehrliche Arbeit keinen Lohn fand und der Wettbewerb der Arbeiter nur den Taschen der Unternehmer zugute kam und am Ende immer wieder zu verschärfter Sklaverei der Arbeiter führte, daher diese mit vollem Rechte, weil ihr eigenes Leben daran hing, besonderen Fleiß ihrer Kameraden mit ihrem Hasse verfolgten.”