“Auch war es ein Zeichen großer Begriffsverwirrung, daß man damals keinen Unterschied zwischen materieller und geistiger Produktion, zwischen jener menschlichen Thätigkeit, welche die bereits erworbene Kultur ausbeutet, und jener, welche dem Fortschritte dient und der Menschheit neue Bahnen eröffnet, machte und daß man nicht erkannte, daß die eine Art menschlicher Thätigkeit nur fruchtbar ist, wenn sie geregelt wird, die andere nur fruchtbar, wenn sie freien individuellen Impulsen folgt, und daß es ebenso absurd ist, alle menschliche Thätigkeit zu regeln, wie es absurd ist, für alle menschliche Thätigkeit Freiheit und Individualismus in Anspruch zu nehmen. Da aber dem Fortschritte und der geistigen Cultur offenbar nur ein kleiner Theil der wirthschaftlichen Mittel zugewendet werden kann, so war es ja auch offenbar, daß die überwiegende Masse der menschlichen Arbeit eine gebundene und kollektive sein müsse, wie sie es ja auch damals schon, aber nicht zum Vortheile des Volkes und der arbeitenden Classe, sondern zum Vortheile einer kleinen Zahl glücklicher Unternehmer wirklich war. Der Erfolg des Großbetriebes wies auf die absolute Nothwendigkeit hin, die mechanische Arbeit der Menschen zu regeln.”

“Für den Fortschritt allerdings mußte ein Wettbewerb fortdauern.”

“Wir haben einen Wettbewerb, aber nur in der edelsten Form. Ich bin längst arbeitsfrei, das heißt, ich brauche keine geregelte Arbeit mehr zu leisten, weil ich als Arzt diente und daher, da Aerzte einen verantwortlichen Beruf haben und Tag und Nacht zur Verfügung stehen müssen, schon mit 47 Lebensjahren meine Dienstzeit abgeleistet hatte. Es sind seither drei Jahre verflossen und ich habe mich immer noch mit Liebe meinem früheren Berufe gewidmet, nur nicht mit der Gebundenheit eines Beamten und mit einer Einschränkung, die mir erlaubt, dem Vaterlande auch andere Dienste zu leisten, auf die es kein Recht mehr hätte. Wo man erfährt, daß ich mich im Orte oder in der Nähe aufhalte, lassen mich Schwerkranke oder ihre Angehörigen bitten, am Krankenbette zu erscheinen, und ist mein Rath manchesmal von Nutzen gewesen, denn die geschicktesten Collegen sind oft in einem einzelnen Falle mit Blindheit geschlagen, wie es mir ja auch oft ergangen. Ich betheilige mich oft an gelehrten Congressen, erstatte Gutachten über allgemeine Einrichtungen, diene als Sachverständiger in Rechtsfällen und schreibe Artikel für die Fachblätter. Aber das geschieht nur mehr aus Liebe zur Sache und zum Vaterlande und weil ich sehe, daß sich alle anderen Leute, die sich zur Ruhe gesetzt haben, nützlich machen, und weil wir Aerzte überdies genau wissen, daß man dadurch sein Leben verlängert. Es ergeht jedem übel, der nach beendeter Dienstzeit in Trägheit und Genußsucht verfällt.”

“Aber ich bin, wie jeder andere, nicht nur Berufsmensch, sondern auch Dilettant und habe mich, wie ihr schon wißt, hauptsächlich der Plastik zugewendet, wobei mir meine anatomischen Kenntnisse zustatten kamen. Ich habe dieser Kunst schon früher gehuldigt, seit Beendigung meiner Dienstzeit aber an hundert Büsten und Statuen in Thon geschaffen, wobei mir von Vortheil war, daß ich für meine Lehrjahre Materiale in Hülle und Fülle hatte und nicht um Stoff zu betteln brauchte. Ich habe bald einen Ruf erlangt und die Staatsverwaltung, wie auch die Civilliste, haben viele meiner Statuen gießen lassen und mir so einen weitbekannten Namen gemacht. Erst in neuerer Zeit habe ich mich daran gewagt, meine Werke in Marmor zu meißeln, und ist ein Werk für eine hohe Frau in Arbeit, von welcher die reizende Idee stammt, welche dem Ganzen zu Grunde liegt.”

“Es wird sehr viel in Bronze gegossen, weil die Feld- und Festungskanonen aufgelassen und auch die zahllosen Glocken größtentheils eingeschmolzen wurden, und es liegen noch einige tausend Uchatius in den Magazinen die darnach lüstern sind, sich in berühmte Männer oder schöne Frauen umgießen zu lassen. Das Ciseliren meiner Werke übernehme ich zwar in der Regel selbst, aber auch das Ciseliren ist zu einer weit verbreiteten Liebhaberei geworden und oft sehe ich in einer Ortschaft Freunde beschäftigt, einen Abguß meiner Statuetten zu ciseliren.”

“Wir haben auch andere Vervielfältigungsverfahren, wie den Steinguß nach einer Methode, die im 19. Jahrhunderte der Firma Matscheko und Schrödl patentirt wurde, deren Werkstätten, zehnfach vergrößert, noch an den südlichen Marken von Wien stehen. Dann hat man auch versucht, von schon ziselirten Bronzestatuen Formen zu machen und mit Hilfe elektrischer und galvanischer Prozesse in den Formen einen metallischen Ueberzug herzustellen, der mit einer Pasta ausgegossen werden kann, die steinhart wird. Wenn dann die Formen abgenommen werden, hat man eine Reproduktion, die die feinste Ciselirung haarscharf wiedergibt, und es ist mir nicht klar, weshalb diesem Abguß nicht dem Originale im Werthe vollkommen gleich gehalten werden sollte. So werden plastische Werke überallhin verbreitet und sie sind nicht mehr blos in Sammlungen zu finden.”

“Wie bemerkt, habe ich schon einen großen Ruf und da die Frauen die Künste verehren, fehlt es mir nicht an Modellen. Die schönsten Mädchen, auch solche, die zur Ehe bestimmt sind, kommen, natürlich unter dem Schutze der Mutter oder Adoptivmutter, in mein Atelier und hat mein Auge Schönheit geschaut, für die es keinen Ausdruck gibt. Als Anatom weiß ich das Entscheidende festzuhalten und wiederzugeben. Ich habe eben mein Meisterstück beendet, das noch niemand sehen darf und womit ich hoffe, — es mag eine Täuschung sein —, einen Meisterpreis zu erringen. Der Wettbewerb für Plastik findet im Dezember statt und bis dahin will ich niemand mein Werk sehen lassen. Ihr sahet ja in meinem Atelier die verhüllte Statue stehen.”

“Es stellt die Braut dar, die, das Haupt soviel als möglich seitwärts gewendet, nur das Antlitz in dem im Ellbogen eingeknickten Arme vergräbt, um wenigstens davon soviel, als ohne Hilfsmittel geschehen kann, in holder Scham zu verbergen, die rechte Hand, wie ganz leise abwehrend, senkt, so tief der Arm reicht, und, man möchte glauben, es zu fühlen, wonneschauernd Schonung heischt. Den jungen Gatten müssen wir uns dazu denken, wie er, vor seiner Göttin zu Boden gesunken, die lieben Füße küßt. Ich schmeichle mir, daß die Haltung der Statue jeden das Bild so ergänzen läßt, und das scheint mir die Aufgabe der Kunst; sie soll keine Räthsel aufgeben, die sich nicht im bloßen Anschauen und mit voller Sicherheit lösen lassen.”

“An fünfzig Modelle habe ich Probe stehen lassen, bis ich das Mädchen fand, das nicht nur unvergleichlich schön war, sondern auch die plastische Haltung in meinem Sinne wiederzugeben schien.”

“Wenn mir nur die Frauencurie nicht den Vorwurf macht, ich hätte die Phantasie nicht bis in das Brautgemach führen dürfen, oder meinem Kunstwerke fehle die Wahrheit, weil kein keusches Weib solche Gunst selbst dem Gatten erweise. Ich aber werde nicht müde, für unsere armen schönheitshungrigen Männer zu wirken.”