“Die Statue,” sagte Mr. Forest, “könnte man wohl eher für eine zur Besichtigung ausgestellte Haremssklavin halten.”

Darauf bemerkte Dr. Kolb, ein wenig ärgerlich: “Das hängt von der Lebensanschauung des Beschauers ab. In unserer Zeit, in welcher wohl eher die Männer in einer Art — allerdings süßer — Sklaverei gehalten werden, wird diese Auslegung nicht leicht sich aufdrängen, und dagegen spricht auch die Rose, die wir unseren schönsten Jungfrauen verleihen, und der im Haare zurückgebliebene Brautschmuck.”

Unsere Lebensanschauung sträubte sich dagegen, die unserem Gesellschafter erwünschte Auslegung so unzweifelhaft zu finden, doch gaben wir unseren Gedanken nicht weiter Ausdruck.

“Was könntest du in Amerika für eine solche Statue bekommen und hier wird man dir gewiß kargen Lohn geben,” bemerkte Mr. Forest.

“Ich will meine Statuen im Lande behalten, der Lohn wäre aber nicht karg, wenn die Kunstrichter und das Volk mit mir zufrieden wären. Ich könnte mir ein Schloß auswählen und Gärten fordern, Pferde und Wagen und ein Dutzend Hausgenossen aussuchen, bis etwa die Geduld der Regierung reißen und man das Volk befragen würde, ob man meiner Unersättlichkeit noch ferner nachgeben solle. Aber wenn ich Lohn verlange, schließe ich mich selbst vom Wettbewerbe um die Ehrensäule aus und ein Communist, der bald hier, bald dort wohnen und den Freuden nachgehen will, hat kein Vergnügen daran, sich mit einem Schlosse an eine kleine Scholle binden zu lassen. Denn das ist eine gerechte Forderung, daß derjenige, welcher etwas ausschließlich für sich verlangt, sich dafür ausschließen läßt von jenem, was allen gemeinsam ist.”

Ich sagte darauf, wir glaubten, von dem Gegenstande, der hier alle Köpfe zu beherrschen scheine, genug zu wissen und daß ja jetzt vielleicht die Antwort auf Mr. Forests Frage folgen könnte, wie man es hier mit Religion halte, und ob denn keine Christen im Lande seien, da man keinen Gottesdienst sehe.

Darauf sagte Dr. Kolb, daß die sichtbare Kirche sich aufgelöst habe und es nur eine unsichtbare gebe. Es scheine geheime Sekten zu geben, die niemand eindringen lassen, den man für freigeisterisch hält, aber sie hätten es aufgegeben, sich gewaltsam aufzudrängen. Die Kirchen seien nach einem stillschweigenden Einverständnisse meist abgetragen worden, Geistliche habe man nicht wieder angestellt und beim letzten Conklave habe man zwar die weißen Wölkchen aufsteigen sehen, die von den nach beendeter Wahl verbrannten Wahlzetteln aus einem bestimmten Schornsteine aufzusteigen pflegen, aber als einige Nobili und Frauen begeistert riefen: “Habemus papam!” seien die Cardinäle unverrichteter Dinge aus dem Conklave gekommen und hätten gesagt: “Papam non habemus.

“Die Evangelien wurden durchgeprüft und man fand, daß Christus eine öffentliche Gottesverehrung ja gar nicht haben wollte und daß der Kern des Christenthums ist: ‘Liebe Deinen Nächsten, wie dich selbst,’ was in eigenthümlicher, aber wirklich tiefsinniger Ausdrucksweise Paulus mit den Worten bezeichnet: ‘Keiner suche das seinige, sondern das des andern.’ Lange wurde hin- und her gekämpft und dann nahm die Bewegung doch jenen Verlauf, den die Denkenden vermuthet hatten. In Wien sind noch drei Kirchen zu sehen, die Stefanskirche, die Votivkirche und die Kapuzinerkirche, die der alten Kaisergruft wegen fortbesteht. Auf der Eingangsthüre stehen aber die Verse: Was ist das für ein Haus, das ihr mir bauen wollt, und was ist das für ein Ort, da ich ruhen soll?[D]” “Du aber, wenn du betest, gehe in deine Kammer und schließe die Thür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen[E].

“Habt ihr keinen Religionsunterricht mehr?” fragte ich. Dr. Kolb sagte, daß man das Evangelium Matthäus von einigen für Kinder unpassenden Stellen gereinigt und bedeutend gekürzt habe und daß die Lehren Christi vorgetragen würden, wie eine Legende oder ein Märchen. Dogmen lehre man Kindern gar nicht und die Erzählungen von Christus übten doch eine große Wirkung aus, da man auch zwei Feste daran knüpfe, die das Gemüth der Kinder feierlich stimmen. Man habe den Christbaum mit der Krippe darunter und das Osterfest im dunkel gemachten Bibliothekssaal, in welchem farbige Lichter mehr glühen als leuchten, beibehalten und an letzteres Fest schließe sich die Auferstehung an und ergreifende Gesänge begleiteten die Feier.

“An die Stelle des Dogmas ist die Symbolik getreten und lehrt man — wie Christus erwiderte: >Ich aber sage euch, Elias ist schon wiedergekommen[F]< —, daß Christus in Wirklichkeit schon auferstanden sei, denn in unserem Staate hätten wir das Reich Gottes verwirklicht und die Auserwählten seien bereits eingezogen in das Reich, das ihnen von Anbeginn der Welt bestimmt war, da jeder Hungrige gespeist, jeder Durstige getränkt, jeder Nackte bekleidet, jeder Fremdling beherbergt und jeder Kranke besucht werde.”[G]