Die Französin des XVIII. Jahrhunderts mußte ihr Paradebett haben, die deutsche Frau ihre Prunkküche. Das kennzeichnet zur Genüge den Unterschied zweier Nationen. Heute existiert beides nicht mehr. Vieles wird heute fertig ins Haus gebracht, was einst im Hause erzeugt werden mußte. Selbst der Kohlenherd ist in Gefahr verdrängt zu werden. Gas und Elektrizität, Centralversorgung, spielen eine immer größere Rolle.
Wenn auch die Küche heute nicht so umfangreich ist, wie die altdeutschen Küchen waren, so bildet sie doch noch immer eine Macht im Hause, von der das Glück im Heimwesen zum großen Teil abhängt. An ihr sieht man, was die Hausfrau ist oder was sie nicht ist. Es gibt Köchinnen, die einen Dienstort verlassen, wenn ihre Werkstätte, die Küche, nicht der Würde und Bedeutung des Raumes entsprechend ausgerüstet ist. Die schlechtesten Köchinnen sind das sicherlich nicht.
Vasen von Prof. Moser, ausgeführt von Bakalowits Söhne, Wien.
Ästhetik des Eßtisches.
Es war eine geistreiche Dame, die bei einem Diner, das sie für eine große Gesellschaft veranstaltete, folgendermaßen verfuhr: Nach dem Grundsatze, den die Römer schon kannten, daß eine Tischgesellschaft nicht weniger als die Zahl der Grazien und nicht mehr als die Zahl der Musen betragen sollte, verteilte sie die zahlreichen Gäste an ebensoviele Tische als nötig waren, um die gesegnete Zahl herzustellen. Und sie stimmte jeden Tisch auf eine andere Farbe. Sie hatte sich mit den Damen ins Einvernehmen gesetzt, und sie mußten ihre Toilette der Farbe ihres Tisches anpassen. Selbst die Tischtücher mußten Farbe bekennen, und man sah die ganze Skala des Regenbogens vertreten, ja sogar ein schwarzes Tischtuch war vorhanden. Die Blumen wurden dementsprechend gewählt und verteilt. Die geistreiche Dame hatte von ihrer meisterhaften Anordnung eine außerordentliche Wirkung erwartet und die Wirkung war außerordentlich. Sie war nämlich außerordentlich geschmacklos. Sie war so geschmacklos, daß man wirklich sehr geistreich sein muß, um dergleichen einmal begehen zu dürfen. Sie hat es sicherlich nicht wieder getan. Die feine Lehre war daraus zu ziehen, daß für das Gedeck nur eine Farbe existiert, die den Glanz der Frische und der Appetitlichkeit gewährt, das festliche Weiß, als der richtige Grundton, davon sich das Silber, Krystall, Porzellan und die freudigen Farben der Blumen schön und erquicklich abheben und zugleich ein Schmaus für das Auge sind. Die ästhetische Befriedigung ist ein wesentlicher Bestandteil der Tafelfreude. Nebst dem feinen weißen Linnen, das manche Frauen, wie namentlich in früherer Zeit, hüten wie Silber, ist es die Blume, welche dem gedeckten Tisch den Adel künstlerischer Schönheit verleiht. Wie bei allen Dingen, kommt es auch hiebei nicht auf die Kostbarkeit oder Seltenheit der Blumen an, sondern auf die Art, wie sie verwendet werden. Gerade unsere einfachen heimischen Blumen, mit schlichter Treuherzigkeit Bauernblumen genannt, können, klug gebraucht, zu den feinsten Wirkungen gebracht werden, und man erinnere sich nur daran, was Lichtwark über den Löwenzahn als Tischblume sagt. Der vielverachtete Löwenzahn, der den ganzen Tisch auf Gelb stimmt, könnte eine unvergleichliche Tischblume abgeben. Mit gelben Blumen näht die Hausfrau gerne ihren Tischläufer aus, und eine unbewußte Anerkennung liegt darin, daß Gelb auf weißem Tischzeug besonders schön steht. Aber gerade hier ist viel Takt in der Anwendung erforderlich. Streublumen sind sehr beliebt, aber sie sehen alsbald welk aus, verursachen häßliche Flecken und eine krause Unordnung am Tisch, die ihr freundliches Aussehen von früher bald ins Gegenteil verwandelt. Ein Künstler hatte den glücklichen Einfall, die Schnittblumen in kleinen würfelartigen Glasgefäßen, die in regelmäßigen Abständen eine Reihe in der Mitte des Tisches bildeten, aufzustellen, und er hat damit das Rechte getroffen. Heute bekommt man zu diesem Zwecke kleine Glasgefäße mit dreieckiger Basis, die man in beliebiger Weise zu Gruppen mit hoch- und kurzstengeligen Blumen vereinigen kann. Hohe Blumen- und Fruchtaufsätze, welche die einander gegenübersitzenden Personen den Blicken entziehen, haben sich als unzweckmäßig und geschmacklos überlebt.
Tafelaufsatz und Blumengefäße von Baronesse Falcke, ausgeführt von Bakalowits Söhne, Wien.