Diese Gabel ist sicherlich der reformierteste Teil des Reformbesteckes. Sie dürfte allgemeine Annahme finden, denn auch von der hygienischen Seite her ist ihr Angenehmes wegen ihrer leichten Reinbarkeit nachzusagen.

In den Ansprüchen, die wir in ästhetischer Hinsicht an den Eßtisch stellen, prägt sich ein guter Teil unserer Erziehung und unserer persönlichen Kultur aus. Die Mahlzeiten sind Feste des Leibes, die bei Homer, der von seinen Helden getreulich berichtet, wann sie die Hände zum lecker bereiteten Mahle erhoben, eine Art fröhlicher Gottesdienst werden. Der Adel der Form kommt später hinzu. Es genügt dem Kulturmenschen nicht, daß das Mahl lecker bereitet sei. Die schöne Form ist nicht zu entbehren. Sie ist das halbe Essen. Die ästhetische Forderung wird geradezu zur körperlichen. Eine gewisse absolute Schönheit des Eßtisches hat sich herausgebildet, die sich mit Einfachheit wohl verträgt und die nur eine Verschiebung hinsichtlich der Kostbarkeit verträgt. Diese ist aber sicherlich zu entbehren. Eine Sehnsucht nach Schönheit geht durch unser Zeitalter. Wenn nichts fruchtet, will man wenigstens »in Schönheit sterben«. Das ist gewiß sehr edel, aber anmutsreicher ist: »in Schönheit leben«. Und dazu gehört: »in Schönheit essen«.


Das Speisezimmer.

Vor Jahren sah es freilich noch anders aus. Wie es in den meisten Wohnungen heute noch aussieht. Altdeutsch war es, oder was man darunter versteht. Der Plüschdekorationsdivan trug die ach so bekannten Dekorationsteller. Die altdeutsche Kredenz war geschnitzt, zwar sehr roh und albern, aber im großen und ganzen trug das Möbel eine Façade wie ein italienischer Palazzo. Säulen waren an jedem Türchen, aber sie hatten nichts zu stützen. Sie waren angeklebt und bewegten sich mit der Tür auf und zu. Ich erzähle das nur, um auf den Widersinn einer solchen Ornamentik, die man an jedem derartigen Möbel finden kann, gebührend aufmerksam zu machen. Die anderen Einrichtungsstücke paßten dazu — insofern waren sie wirklich »stilgerecht«. Der massive Speisetisch hatte unten eine kreuzweise Verspreizung, so daß man nie recht wußte, wie man die eigenen Beine unter dem Tische unterbringen soll. Es war zu wenig Platz, und sie auf die Verspreizung zu stellen, litt die Hausfrau nicht. Die üblichen Speisezimmersesseln standen herum, mit Sitzflächen aus Holz, das figurale Ornamente eingepreßt hatte, so daß man sich nicht niedersetzen konnte, ohne sich einer schönen Marke mitten ins Gesicht zu setzen — herrlich! Natürlich war auch ein Pfeilerspiegel da mit Trumeau, dunkle Vorhänge, um alles in allem die beziehungsreiche, wurstrot- und sauerkrautfarbene Gesamtstimmung zu erzeugen, die seit einer Generation in Speisezimmern so beliebt ist.

Schrank und Wandmalerei von Arch. Max Benirschke.

Buffet von Arch. Max Benirschke.