Diese Anordnung erscheint mir aus zwei Gründen beachtenswert. Erstens waren es nur bedeutsame Bilder, die als Original-Lithographien einen gewissen Wert besaßen und durch ihren Inhalt ein ganz bestimmtes Verhältnis zu ihrem Besitzer ausdrückten, und zweitens war in dem Arrangement eine klare, dekorative Absicht ausgeprägt.
Ich meine aber durchaus nicht, daß man die Sache nachahmen dürfte. Sie ist nur deshalb sympathisch, weil sich in ihr überhaupt ein Gestaltungsgrundsatz geltend macht. Im Übrigen könnte man sehr viel Gegenteiliges einzuwenden haben, denn eine Sammlung von Kunstblättern gehört doch viel eher in die Mappe, die man nur in musenfreundlichen Stunden dem schönheitsuchenden Auge erschließt, und dann genügt dieses briefmarkenähnliche Aufkleben nicht mehr dem modernen Formsinn. Außerdem möchte ich der Gefahr begegnen, daß man meine Sympathie zugunsten jener wigwamartig mit Trophäen behängten Schauspielerwohnungen auslegt, wo die Wände über und über mit Photographien in protzigen Goldrahmen bepflastert sind, die das liebe Ich, von vorn und hinten gesehen und in allen möglichen und unmöglichen Lebenslagen variiert, möglichst aufdringlich zur Schau stellen. Diesem indianerhaften Zustand möchte ich nicht einmal den Schein eines freundlichen Arguments gönnen.
Einfaches Speisezimmer von Architekt Prof. Joseph Hoffmann.
Kehren wir zu Biedermeier zurück und gestehen wir, daß die alte Ordnung, wo sie noch unverfälscht in den Räumen von anno dazumal vorhanden, recht artig aussieht. Im traurigen Gegensatz zu dieser Art Bilder zu hängen, haben die Durchschnittswohnungen in den heutigen Miethäusern kein Prinzip ausgebildet. Oder doch nur eines: nämlich die Löcher in der Wand zu verdecken. Beim Beziehen einer neuen Wohnung geben diese garstigen Löcher, mit Gyps verschmiert, aus der schmierigen Wandbemalung grell hervorstechend, der ratlosen Hausfrau die einzige und getreulich befolgte Auskunft auf die Frage: »Wie sollen wir die Bilder hängen?«
Einfaches Buffet von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.
Und sind sie glücklich gehängt, gerade dort, wo der göttliche Zufall, der für die Löcher sorgt, sie haben wollte, dann freut sich Groß und Klein über die schöne Wohnung. Ich habe nichts so himmlisch und nichts so verderblich gefunden, als diese Anspruchslosigkeit. Als ich einmal über den ordinären Schund loszog, mit dem gewöhnlich die Wände der Durchschnittswohnung angefüllt werden, schrieb mir eine Dame: »Da haben Sie sich einmal gründlich blamiert! Sie dürften ganz gut wissen, wozu die Bilder gehören! Oder ist es schöner, wenn überall die Löcher hervorschauen? Glauben Sie vielleicht, daß sich jeder Erste Beste einen Böcklin kaufen kann? u. s. w.« Die zeitgemäße Dame, die mir so temperamentvoll widersprach, ahnte wahrscheinlich gar nicht, wie sehr sie mir recht gab. Der Aufschrei war sicher ein Beweis, daß ich den Finger auf eine Wunde gelegt hatte. Ich glaube wahrlich nicht, daß in ein derartiges Milieu ein Böcklin besser passen würde, als etwa eines jener fabriksmäßigen Ölbilder, die der Rahmenhändler als Draufgabe für einen geschmacklosen und lärmenden Goldrahmen liefert. Dagegen ist um dasselbe billige Geld gute und echte Kunst zu haben.
Einfaches Wohnzimmer v. Arch. Prof. Joseph Hoffmann.